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Schwartz? Wirkungsstätte: Der alte Bundestag in Bonn; hier während einer Brandt-Rede im Mai 1972.

Rolf-Dietrich Schwartz

Die "rote Zelle" in Bonn

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Nie bieder, immer kämpferisch: Zum Tod des früheren FR-Korrespondenten Rolf-Dietrich "Blacky" Schwartz.

Wenn heutzutage von der „Bonner Republik“ die Rede ist, denken die meisten an eine lange vergangene, stets sehr biedere Zeit, die uns für die Gegenwart nicht mehr viel sagt. Rolf-Dietrich Schwartz war einer, für den exakt das Gegenteil gilt. Nie bieder, immer kämpferisch und bis heute mit seinen klaren Ansichten aktuell: Über Jahrzehnte war der DAS Gesicht der Frankfurter Rundschau in Bonn. Einer, der zuspitzen konnte. Einer, der radikal dachte und zugleich verständlich war. Ein populärer Journalist, gerade weil er stets kämpfte. Nicht selten allein gegen (fast) alle.

Dass der studierte Volkswirt in Bonn zur journalistischen Marke werden würde, war 1971 wahrlich nicht sicher. Damals hatte der mitunter hemdsärmelige Chefredakteur und Verleger Karl Gerold dem Jungredakteur Schwartz eigentlich schon fristlos gekündigt, weil dieser „angeblich eine rote Zelle in seiner Wirtschaftsredaktion bilden wollte“ (so später Schwartz‘ Erinnerung). Den Wechsel nach Bonn 1972 hatte der Jungredakteur dann mehr als Wegloben verstanden. „Nur Gefeuerte haben Aufstiegschancen“, hat er das später kommentiert. Für ihn jedenfalls war es der Beginn einer wahren Berufung.

In Bonn war „Blacky“, wie sie ihn alle nur noch nannten, schon bald eine Institution. Einer, der in der Bundespressekonferenz stets den Mund aufmachte und sich häufig regelrecht anlegte mit den Ministern und Kanzlern der Republik. Der für eine „nachfrageorientierte“, also für höhere Löhne und Gehälter und für Investitionen streitende Wirtschaftspolitik stand, der den Etablierten ständig mangelnde soziale Rücksicht nachwies. Und das in einer Zeit, in der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsjournalismus (außer Blacky) meist völlig unkritisch das vertreten haben, was er die „Kapitalinteressen“ nannte.

Schwartz hat damals einer linken Wirtschaftswissenschaft, die an einigen Universitäten vorhanden, aber kaum bedeutungsvoll war, den Weg in die größere Öffentlichkeit geöffnet. Mit ihm war die FR wirtschaftspolitisch eindeutig positioniert, insbesondere gegen die zur Mode werdende neoliberale Denkart, dass weniger Staat ein Fortschritt sei.

„Nur Reiche können sich einen armen Staat leisten“: Entlang dieser Linie hat er konsequent gegengehalten. Gegen alle, die wirtschaftsliberal für modern hielten, egal ob Konservative, rechte Sozialdemokraten oder etabliertere Grüne. Bei so manchem Thema – siehe: Privatisierungen – ist die Zeit eher über seine damaligen Gegner hinweggegangen als über ihn. Was es bis heute hochaktuell macht, an seinen damaligen Kampf gegen die Bonner Windmühlen zu erinnern.

An Profil kein Mangel, an Kampfgeist auch nicht. Es stand für einen Journalismus, der in der Sache deutlich Partei ergriff – und sich sicher war, was richtig ist und was falsch. Politik als Interessenfrage: Wer mehr Gerechtigkeit will, sollte bereit sein, umzuverteilen von oben nach unten. Er hat für seine Sicht der Dinge bis zur Sturheit gefochten. Er war bestens vernetzt. Er wollte „Information, nicht Infotainment“. Es ist dies ein Punkt, in dem sich die journalistische Welt seitdem geändert hat, gerade weil Leute wie er fehlen.

Wirklich gute Journalisten erkennt man am Respekt derer, die ihren Standpunkt nicht teilen. Blacky Schwartz hatte diesen Respekt in allen politischen Lagern. Und wenn er oft in einer der großen politischen Fernsehsendungen saß (nur das Format des „Presseclubs“ gibt es noch aus dieser Zeit), war er mehr als nur irgendein Bonner Korrespondent, er war – meistens pfeiferauchend – auch eine Fernseh-Institution. Bissig, volksnah, kompetent, geradeaus, aus Überzeugung einseitig. Rauchen durfte man damals in den Studios noch. Helmut Schmidt, wahrlich sein Kritikobjekt, hat ihm deshalb irgendwann mal ein paar Pfeifen aus der eigenen Sammlung geschenkt.

Als es dann auch mit Kanzler Kohl vorbei war und die Regierung 1999 nach Berlin umzog, wollte Schwartz nicht mehr den Ort wechseln. Er war damals knapp 60 Jahre alt, er schrieb noch ein paar Monate weiter aus Bonn für die FR, aber er fremdelte und haderte mit der neuen Situation. Das Kraftpaket Blacky Schwartz war plötzlich weit weg vom Geschehen: „Man hatte mir meine Bonner Republik genommen“, sagte er im August 2000 bei seinem offiziellen Abschied aus der FR-Redaktion.“ Mit einem Male war ich so etwas wie ein Staatenloser.“

Sein Körper hatte reagiert. Ein Schlaganfall hatte ihn aus dem Beruf gerissen. „Wer hat schon geahnt, dass auch Hirnmasse zu unserem Job gehört!“: Ein typischer Blacky-Spruch, auch der aus der Abschiedsrede. In Berlin haben sie dann noch viele Jahre lang immer wieder nach ihm und seiner Gesundheit gefragt: Besser wurde sie kaum mehr. Er ist in seinem Bonn geblieben, mit wachem Geist soweit das noch ging, manchmal noch mit kurzen, entschiedenen Mails zu aktuellen Themen, die letzten fünf Jahre mit Heimat im Pflegeheim. Am Mittwoch, mit 78 Jahren, ist Blacky Schwartz für immer eingeschlafen.

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