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Strahlende Sieger sehen anders aus: Bremens SPD-Spitzenkandidat und amtierender Bürgermeister Jens Böhrnsen muss bei der Bürgerschaftswahl herbe Verluste hinnehmen.

Bürgerschaftswahl

Rot-Grün gewinnt knapp in Bremen

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Die SPD gewinnt zwar die Bürgerschaftswahl in Bremen klar. Doch Rot-Grün wackelt nach starken Verlusten. Die Wähler strafen die Regierenden ab. FDP und Linke können sich dagegen freuen.

Bremen. Die Wahl an der Weser ist mal wieder so ausgegangen wie alle Wahlen seit dem Zweiten Weltkrieg: Die SPD liegt vorn, der Rest trottet hinterher. Einerseits. Andererseits bot der Wahltag Überraschungen, mit denen keiner gerechnet hatte: „Wir müssen abwarten, was der Abend noch bringt“, meinte die Grünen-Spitzenkandidatin und Finanzsenatorin Karoline Linnert zerknirscht. Ihre Partei hatte verloren, die SPD hatte einen Dämpfer abbekommen. Ab 18.01 Uhr wackelte plötzlich das sicher geglaubte Bündnis aus Rot und Grün.

SPD-Bürgermeister Jens Böhrnsen war Gewinner und Verlierer zugleich. „Ich will gar nicht drumherum reden, es ist ein bitterer Wahlabend“, sagte er am Abend. Gleichwohl seien die Sozialdemokraten „nach wie vor die mit Abstand stärkste politische Kraft im Lande Bremen“. Daher „muss und wird“ die SPD den Regierungsauftrag annehmen, betonte Böhrnsen.

Die CDU tritt trotz all der Bemühungen ihrer Spitzenkandidatin Elisabeth Motschmann, weiter auf der Stelle. Aber sie konnte sich plötzlich Hoffnungen machen auf eine große Koalition, falls es mit SPD und Grünen nicht klappen sollte. Der Abend wurde spannender als lange gedacht.

Die Linke ist stärker geworden, aber nicht stark genug, um die Machtverhältnisse im Rathaus zu ändern. Eine Beule gab es für die Grünen, auch damit war zu rechnen. Sie fiel nur noch deutlicher aus als erwartet. Die Grünen gaben ihren Platz zwei hinter der SPD an die CDU ab. Die Bürgerschaftswahl 2011, acht Wochen nach der Fukushima-Reaktorkatastrohe, bescherte den Grünen damals ein Allzeithoch, das zu schön war, um von Dauer zu sein.

Noch eine Überraschung fand sich unter „ferner liefen“: Die FDP atmet wieder. Ein Wunder an der Weser: Obwohl die liberale Spitzenfrau, die 29-jährige Jungunternehmerin Lencke Steiner, nicht einmal Mitglied in der FDP ist, außerdem politisch völlig unerfahren, berappelt sich die Partei, die bei der Wahl 2011 nicht einmal 2,5 Prozent schaffte. Erst Hamburg, nun Bremen.

Ansonsten grüßt weiter täglich Herr Böhrnsen. Seit fast zehn Jahren Bürgermeister, war der 65-jährige gelernte Verwaltungsrichter und Ur-Bremer einfach unschlagbar. Seine Popularitätswerte lagen so weit vor denen der Konkurrenz aus CDU, Grünen, Linken, FDP und AfD, dass der Wahlausgang so unabänderlich schien wie die Fließrichtung der Weser.

Es gab keine eindeutige Wechselstimmung, keine große Wutwelle, kein Thema, das heiß genug war, dem kaum wahrnehmbaren Wahlkampf Feuer zu verleihen. Es herrschten statt dessen Lustlosigkeit und tiefes Desinteresse. Die rund 500.000 Wahlberechtigten in Bremen und Bremerhaven wussten, was auf sie zukommt: SPD plus irgendwas. Sie wollten keine radikale Veränderung. Deshalb gingen die meisten wohl auch gar nicht erst wählen. Die extrem schlechte Wahlbeteiligung erschreckte zwar die politisch Verantwortlichen am Sonntagabend, aber überraschte sie nicht. Auch das war befürchtet worden.

Trotz Beulen und Dellen: Bremen ist und bleibt weiter das kleine Bollwerk der Sozialdemokratie. Dort prallen seit fast 70 Jahren alle anderen Parteien ab. So etwas gibt es in keinem anderen Bundesland, nicht einmal die Dauerherrschaft der CSU in Bayern kann da mithalten.

Es gab und gibt keine echten Herausforderer für Böhrnsen, was eigentlich erstaunlich ist, angesichts von Bremens Bilanz im Ländervergleich. Bremen, hieß es vor der Wahl gelegentlich, sei das deutsche Griechenland. Der kleine Stadtstaat mit seinen 680.000 Einwohnern ist hoch verschuldet und hängt am Tropf des Bundes. Bei Pisa-Vergleichen liegt Bremen hinten, jeder vierte Bremer gilt als arm. Und nirgendwo entscheiden Elternhaus und Herkunft so deutlich über die Zukunftschancen eines Kindes.

Dennoch wählt man immer noch mehrheitlich SPD, falls man wählt. In Bremen sind die Probleme ja auch seit Jahrzehnten so, dass keine Partei und kein Politiker schnelle und einfache Lösungen anbieten könnten, es sei denn, man ist bereit sich lächerlich zu machen. Als die großen Schiffswerften zusammenbrachen, wurde aus einer traditionsreichen und wohlhabenden Hansestadt ein dauerhafter Sozialfall.

Langzeitarbeitslosigkeit hat sich tief und dauerhaft verfestigt in Bremen, Bemühungen des Senats, die Stadt auf neue und stabile Füße zu stellen, brauchen Geld und Generationen.

In Bremen weiß man das. Hier glaubt schon lange kein Mensch mehr an das schnelle Glück. Der SPD wird von den Bürgern aber das Bemühen angerechnet, die Lebensverhältnisse nicht noch weiter auseinanderdriften zu lassen. Es ist ein ewiger Spagat: viele Arme, die zweithöchste Millionärsdichte bundesweit – und dazwischen wird Politik gemacht.

„Wir haben es immer verstanden haben, Dinge zusammenzuhalten, die zusammengehören. Eine starke wirtschaftliche Entwicklung und soziale Sicherheit,“ beschreibt es Böhrnsen. Er versteht es, in all dem Betrüblichen die Erfolge nicht ganz untergehen zu lassen. Seine Litanei des Positiven: Hohe Löhne, 421.000 Erwerbstätige, fünftgrößter Industriestandort Deutschlands, zweitgrößte Mercedes-Fabrik der Welt, Europas größter Autohafen, Luft- und Raumfahrtzentrum, Spitzen-Uni.

Das hat am Sonntag wenig gefruchtet.

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