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Rostock-Lichtenhagen: Blaupause und Brandbeschleuniger für rechte Gewalt

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Von: Hanning Voigts

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Hitlergruß vor Polizeikette.
Hitlergruß vor Polizeikette. © Jens Kalaene/dpa

Das rassistische Pogrom von Rostock-Lichtenhagen im August 1992 prägt die rechtsextreme Szene in Deutschland bis heute, sagen Fachleute. Manche Verbrechen seien sogar eine „konkrete Wiederkehr“.

Die Parole ist kurz und eingängig, sie fasst eine Feindmarkierung und damit ein ganzes politisches Programm zusammen. Als Hunderte Menschen sich im August 1992 vor dem „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen zusammenrotten, als der Hass sich tagelang Bahn bricht, als Gehwegplatten zu Wurfgeschossen zerbrochen werden und schließlich Brandsätze fliegen, ist der Schlachtruf immer wieder zu hören: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“

Das rassistische Pogrom von Rostock-Lichtenhagen, der vier Tage andauernde Angriff eines Mobs auf die Bewohner:innen des Sonnenblumenhauses – einerseits Flüchtlinge aus Jugoslawien, unter ihnen viele Rom:nja, andererseits sogenannte Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam – war nicht nur ein Ergebnis nationalistischen Taumels und rassistischer Hetze, sondern auch das Werk militanter Neonazis. Nachdem das Pogrom als eher lokaler Angriff begonnen hatte, kamen vom zweiten und dritten Tag an, als die Polizei die Gewalt nicht stoppte, auch Nazikader aus anderen Bundesländern angereist, aus Berlin etwa, aber auch aus Hamburg, wo der Neonazi-Anführer Michael Kühnen seit Jahren militante Netzwerke aufgebaut hatte.

Rostock-Lichtenhagen: Neonazis setzen ein Zeichen für ihre Vorstellung eines „neuen Deutschlands“

Die organisierten neonazistischen Strukturen, die sich seit der Wendezeit im Aufwind wähnten und schon länger mit Anschlägen und Straßenterror versuchten, ihre Idee einer Volksgemeinschaft praktisch umzusetzen, sahen in Lichtenhagen, wo es Applaus von Bürger:innen gab, die Chance, ein Zeichen für ihre Vorstellung eines „neuen Deutschlands“ zu setzen. Unter den Kadern wurde seit dem Zusammenbruch der DDR über die Möglichkeit diskutiert, die politische Umbruchszeit für eine Revolution von rechts zu nutzen.

Die Blaupause für die Strategie, verhasste „Fremde“ loszuwerden, hatte ein Jahr zuvor das Pogrom von Hoyerswerda in Sachsen geliefert. Nachdem dort Neonazis ein Wohnheim für Vertragsarbeiter:innen angegriffen hatten, wurden die Opfer mit Bussen aus der Stadt gebracht – vorbei an jubelnden Anwohner:innen. „Naja, genauso wie vorher“, sagte ein Mann einem MDR-Fernsehteam auf die Frage, wie er denn sein erklärtes Ziel erreichen wolle, auch alle anderen „Ausländer“ aus Hoyerswerda zu vertreiben. „Also auch mit Gewalt?“, fragt der Reporter. Die Antwort: „Ja, natürlich, geht doch am schnellsten.“

Rostock-Lichtenhagen: Naziszene erlangt „ein Gefühl von Allmacht“

Die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen hätten der Naziszene „ein Gefühl von Allmacht“ verliehen, sagt der Berliner Publizist und Rechtsextremismusexperte Matthias Weiss. Dass die Polizei nicht eingegriffen und es für die Täter:innen kaum juristische Konsequenzen gegeben habe, habe die Szene ermutigt. In Hoyerswerda seien die angegriffenen Menschen weggebracht worden, nach Lichtenhagen hätten CDU, CSU und SPD im „Asylkompromiss“ das Grundrecht auf Asyl massiv eingeschränkt. Damals habe die Szene gelernt, dass sie die große Politik mit rassistischer Gewalt habe vor sich hertreiben können, sagt der Experte: „Wenn wir gewalttätig genug sind, reagiert der Staat, und zwar in unserem Sinne.“ Ohne die Pogrome hätte es wohl auch den Terror des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) nicht gegeben.

Die Ereignisse aus dem August 1992 prägten die extreme Rechte bis heute, sagt Weiss. „Das hat eine ganze Generation sozialisiert und wirkt als Legende bis in die heutige Zeit.“ Die Aufnahmen vom brennenden Sonnenblumenhaus seien um die Welt, aber vor allem durch die Neonaziszene gegangen, so Weiss. „Rostock war ein Fanal.“ Rechtsrock-Songs wie „Barbecue in Rostock“ („Grillfest in Rostock“) von der Naziband „No Remorse“ hätten bis heute Kultstatus in der Szene.

Rostock-Lichtenhagen führt zu einer „Beschleunigung des Ganzen“

Auch Martina Renner, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei und Expertin für Rechtsextremismus, betont die Bedeutung des Pogroms für rechte Gewalt-strategien bis heute. Der NSU sei klandestin vorgegangen, habe aber dieselben Ziele verfolgt. Die vielen Angriffe und Anschläge auf Asylunterkünfte in den Jahren 2015 und 2016 zeigten sogar eine „konkrete Wiederkehr“ von Lichtenhagen, sagt Renner. Eine rechte, gewalttätige Bewegung habe es zwar schon vor dem August 1992 gegeben, aber Rostock habe zu einer „Beschleunigung des Ganzen“ geführt. Im November 1992 folgte der Brandanschlag in Mölln, im Mai 1993 der Brandanschlag in Solingen. Gefährlich werde es bis heute, wenn mehrere Faktoren zusammenkämen, sagt Renner: Unterstützung für rechte Gewalt und Rassismus aus der Mehrheitsgesellschaft, ein Versagen der Polizei und die Gewissheit der Neonazis, Menschen anzugreifen, die doch sowieso niemand schützen wolle. „Außer von der Antifa und einzelnen Politiker:innen und Prominenten, etwa von Ignatz Bubis und Michel Friedman, hatte es ja keine Solidarisierung mit den Opfern gegeben.“

Matthias Quent hält das Pogrom von Lichtenhagen ebenfalls für einen Erfolg der Neonaziszene, der bis heute als „Bewegungswissen“ tradiert werde. „Das ist für die Szene ein wichtiger historischer Moment“, sagt der Magdeburger Soziologe und Rechtsextremismus-Forscher. Möglich sei die Gewalt durch die spezifische Lage in den neuen Bundesländern geworden – eine starke militante Szene, schwache Institutionen, breit verankerter Rassismus –, aber eben auch durch einen bundesweiten Diskurs gegen „Asylanten“, auch von CDU und SPD. „Da kamen Sachen, die man heute nur von der AfD hört“, sagt Quent. Es sei daher auch keine Verschwörungstheorie anzunehmen, dass Teile der etablierten Politik die Ausschreitungen nutzen wollten, um Stimmung gegen ein vermeintlich zu liberales Asylrecht zu machen. „Man hat den Hass auf der Straße wachsen lassen“, sagt Quent. „Es gab ein genaues Verständnis dafür, wo man Polizei einsetzt und wo man sie nicht einsetzt.“ In Heidenau, Freital, Köthen und Chemnitz habe es seit 2015 ähnliche Szenen gegeben, wenn diese auch weniger eskaliert seien. „Das mag sich jetzt pathetisch anhören, aber der Schoß ist fruchtbar noch“, sagt Quent.

Rostock-Lichtenhagen: „Da spitzte sich eher ein Dauerzustand zu“

Caro Keller vom antifaschistischen Bündnis „NSU Watch“ betont hingegen, dass man die Angriffe von Rostock in ihrer Relevanz nicht überbewerten dürfe. „Da spitzte sich eher ein Dauerzustand zu“, sagt die Expertin für rechten Terrorismus. Vor dem Sommer 1992 habe es schon seit Jahren eine rechte Mobilisierung und eine Welle rechtsextremen Straßenterrors gegeben, der niemand entgegengetreten sei. „Diese Erfahrung von Ermutigung und Konsequenzlosigkeit trägt diese ganze ‚Generation Terror‘ noch in sich“, sagt Keller. Nur einen Tag nach dem rassistischen Brandanschlag in Mölln im November 1992 habe etwa der spätere Mörder von Walter Lübcke, der Neonazi Stephan Ernst, auf einem Bahnhofsklo in Wiesbaden einem türkischen Imam ein Messer in die Brust gerammt. Auf Wellen rechter Mobilmachung und Diskurse folge immer eine Welle rechten Terrors, so Keller, das gelte bis heute.

Umso wichtiger sei es, heute nicht nur über Lichtenhagen zu sprechen, sondern in Behörden, Medien und Gesellschaft ein besseres Verständnis für die Dynamik rechtsextremer Gewaltstrategien zu erreichen, fordert Keller. Einerseits müsse die Gewalt der 1990er Jahre weiter politisch und juristisch aufgearbeitet werden, andererseits müsse man rassistische und antisemitische Mobilisierungen, zuletzt etwa die „Querdenken“-Bewegung, als solche erkennen und benennen. Und dann müsse man ihnen entgegentreten, anstatt Verständnis für vermeintlich besorgte Bürger:innen zu äußern. Heutige rechte Massenbewegungen sähen nicht aus wie das Klischeebild eines Neonazis, sagt Keller, „eher wie die eigenen Eltern“. Aber eins müsse man sich klarmachen: „Die Dynamiken sind oft ähnlich“. (Hanning Voigts)

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