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Rostock-Lichtenhagen 1992: „So sind wir nicht. Wirklich nicht!“

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Von: Bascha Mika

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Das friedliche Mosaik täuscht: Am „Sonnenblumenhaus“ entlädt sich im August 1992 der Hass.
Das friedliche Mosaik täuscht: Am „Sonnenblumenhaus“ entlädt sich im August 1992 der Hass. © Jens Büttner/dpa

Vor 30 Jahren wütet in Rostock-Lichtenhagen ein rechter Mob und zündet ein vietnamesisches Wohnheim an, während tausende Menschen den Gewalttätern applaudieren. Bascha Mika ist damals als taz-Reporterin vor Ort. 30 Jahre später fährt sie für die FR wieder nach Lichtenhagen.

Rostock-Lichtenhagen, August 1992

Fäuste fliegen nach oben, Münder reißen auf, hunderte Kehlen brüllen: „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ Und wieder: „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ Der Schall donnert gegen die Plattenbauten, kriecht die Wände der Zehngeschosser hoch, dringt in die offenen Fenster. Das ist die Stimme des Volkes. Das Volk will Blut und Spiele. Seine Arena ist das Gelände vor dem Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen. Zu Tausenden stehen die Anwohner am Rande und feuern ihre Mannschaft an: „Skins, haltet durch!“ Schweigend, die Schilde vor die Brust geklemmt, stehen Polizisten zwischen dem Mob und dem Kampfplatz.

Rostock-Lichtenhagen, August 2022

Es wachsen tatsächlich Sonnenblumen in Lichtenhagen. Auf der Wiese hinter dem Parkplatz der Hochhäuser steht ein kleines Feld voll in Blüte. Ruhig ist es hier an diesem warmen Werktag. Einige verspielte Kinder, hier und da ein Hund an der Leine von Frauchen, Möwen segeln im Aufwind über den Dächern. Fast riecht es nach Idyll in der Platte.

Sonnenblumenhaus – was für ein hübscher Name für eine hässliche Hochhausanlage. Zu verdanken ist er dem riesigen Klinkermosaik an der Giebelseite des letzten Gebäudes, schon von der S-Bahn ist das gelb-grün-blau-schwarze Bild zu sehen. Sieben zehngeschossige Häuser kleben hier aneinander, in der DDR ein privilegierter Wohnort. Heute leuchten Geranien nett vor den Hauseingängen. Physiotherapie, Kosmetik, Nachhilfe, Klavierunterricht, Bestattungen – die Erdgeschosse sind inzwischen kommerziell genutzt. Und was hat sich sonst noch verändert?

Rund 20 000 Menschen, viel mehr als heute, lebten vor dreißig Jahren in Rostock-Lichtenhagen; darunter einige hundert Geflüchtete und gut hundert vietnamesische Vertragsarbeiter:innen in den Nummern 18 und 19 des Sonnenblumenhauses. „Das hat sich alles ein bisschen hochgespielt damals. Die vielen Ausländer, die reingekommen sind, die ganze Wendesituation, die soziale Unsicherheit für unsere Menschen hier. Irgendwas hat sich da zusammengebraut, fing an zu gären und ist dann explodiert. Was soll’s.“

Er wird wohl Ende sechzig sein, dieser drahtige Mann, der seine Frau von der Physiotherapie abholt und sich gern auf ein Gespräch einlässt – vorausgesetzt er muss seinen Namen nicht nennen. Nur dass er in der DDR Ökonomie studiert und in einem großen Betrieb gearbeitet hat, erzählt er gern. Lange hat das Paar nahe der Plattenbausiedlung gewohnt, auch schon in der Nachwendezeit.

Die kamen alle aus dem Westen rein. Von uns hier hat keiner zu Randale angestiftet.

Peter, wohnte 1992 in Lichtenhagen

August 1992

„Wie kann man so was in ’nem Wohngebiet machen?“ regt sich eine rundliche Blonde auf. „Den ganzen Tag liegen die Asylanten auf der Wiese hier faul rum und lachen sich tot, wenn wir arbeiten müssen.“ – „Die klauen den ganzen Supermarkt leer“, ereifert sich einer der Männer, „die pissen sogar in die Regale.“ – „Ich habe gesehen, wie die hier auf der Wiese Katzen gegrillt haben“, geifert ein anderer und guckt beifallheischend seine Bekannten an. Und dann dauert es auch nicht lange, bis von einem zu hören ist: „Die vergewaltigen am helllichten Tag unsere Frauen und Kinder.“

„Sonnenblumenhaus“: Wie durch ein Wunder kommt hier niemand ums Leben.
„Sonnenblumenhaus“: Wie durch ein Wunder kommt hier niemand ums Leben. © imago/Rex Schober

August 2022

Die Physiotherapie ist beendet. Kaum mischt sich die Frau des Drahtigen in das Gespräch ein, ist sie Entrüstung pur. „Du verlorst deine Arbeit, du verlorst dein Haus, du verlorst alles. Deine Lebensplanung ging zum Teufel. Und dann kommt so was.“ Er: „Die Anwohner wussten ja gar nicht, wo sie da rein geraten sind.“ Sie: „Das war ja ein importierter Mob.“ Er: „In den Jahren vorher hatte sich schon eine riesige Unzufriedenheit entwickelt. Wenn jetzt so eine Gelegenheit kommt, um sich mal Luft zu machen...“ Sie: „Denn kommen da welche und machen im Prinzip unsere kleine DDR-Ordnung kaputt. So ein Lebensgefühl hatten und kannten wir nicht.“ Er: „Ein bisschen Asozialität hat man in jedem Land. Aber keiner hier bei uns ist rechtsradikal gewesen.“ Sie: „So sind wir hier nicht. Wirklich nicht!“

Chronologie

Dezember 1990 bis August 1992: Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen (ZASt) des Landes Mecklenburg-Vorpommern wird in Rostock-Lichtenhagen, Mecklenburger Allee 18, geöffnet. Die ZASt im Rostocker „Sonnenblumenhaus“ ist für 200 bis 300 Menschen vorgesehen. Seit Sommer 1991 kommen viel mehr Menschen. Asylsuchende, darunter viele Roma und Sinti aus Rumänien, müssen oft Tage auf der Straße oder in den Grünanlagen verbringen, ohne Geld, Nahrung, Toiletten und Waschgelegenheiten. Mehrere Monate vor den Ausschreitungen häufen sich Beschwerden aus der Nachbarschaft. Organisierte Neonazis mischen sich ein. Direkt neben der ZASt befindet sich ein Wohnheim für ehemalige Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam.

Freitag, 21. August 1992: Eine lokale Zeitung veröffentlicht einen Artikel, in dem Jugendliche drohen, „daß die rumänischen Roma ,aufgeklatscht‘ werden“. Ein Mann wird zitiert: „Die Leute werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen.“ In einem anderen Text steht: „In der Nacht vom Samstag zum Sonntag räumen wir in Lichtenhagen auf. Das wird eine heiße Nacht“.

Samstag, 22. August 1992: In Rostock-Lichtenhagen versammeln sich frühabends bis zu 2000 Menschen auf der Wiese vor dem Sonnenblumenhaus. Mehrere hundert überwiegend männliche Jugendliche und Erwachsene bewerfen die ZASt und das Wohnheim der Vietnames:innen mit Steinen und Brandflaschen. Unterstützt werden sie von mehr als 1000 Anwohner:innen. Zunächst sind nur wenige Polizist:innen da, die über keine Schutzbekleidung verfügen, attackiert werden und sich zurückziehen. Erst gegen fünf Uhr morgens hat die Polizei die Situation vorläufig im Griff. Stunden zuvor hatte die SPD-Bundesspitze bekanntgegeben, dass sie eine Einschränkung des Grundrechts auf Asyl mitträgt, die von CDU und FDP schon lange gefordert worden war.

Sonntag, 23. August 1992: Neonazis aus verschiedenen Teilen Deutschlands reisen an, darunter der DVU-Parteichef Gerhard Frey und Christian Worch. Am Nachmittag versammelt sich der Mob erneut vor dem Sonnenblumenhaus. Am frühen Abend dringen die Gewalttäter erstmals ins Erdgeschoss der Mecklenburger Allee 19 ein, demolieren Fenster und Türen und gelangen bis in den zweiten Stock, bis sie von der Polizei gestoppt werden. Am Abend beteiligen sich bis zu 800 Gewalttätige an dem Pogrom. Bis zu 3000 Schaulustige stehen dabei und feuern sie teilweise an. Auch die Polizei wird angegriffen. Um 22.30 Uhr löst der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lothar Kupfer (CDU), landesweiten Alarm aus. Um zwei Uhr nachts können Kräfte der Polizei aus Hamburg und Schleswig-Holstein sowie des Bundesgrenzschutzes die Ausschreitungen stoppen. In der Nacht gegen 1:30 Uhr demonstrieren rund 200 Menschen in Lichtenhagen gegen die rechte Gewalt. Auf dem Rückweg werden 60 von ihnen von der Polizei festgenommen.

Montag, 24. August 1992: Am Nachmittag werden die Geflüchteten aus der ZASt in andere Unterkünfte in Mecklenburg-Vorpommern gebracht. Die Hoffnung der Verantwortlichen, dass damit die Übergriffe aufhören, erfüllt sich nicht – im Gegenteil: Es folgt die gewalttätigste Nacht, in der wie durch ein Wunder keine Menschen zu Tode kommen. Wie an den Tagen zuvor belagern gewalttätige Rechte das Haus und greifen es mit Steinen, Flaschen, Leuchtspurmunition und Brandsätzen an. Diesmal schätzt die Polizei die Zahl der angreifenden Personen auf bis zu 1000, während 3000 Menschen die Anschläge bejubeln, rassistische Parolen skandieren und die Angreifenden unterstützen. Die Polizeikräfte wurden nicht ersetzt. Sie sind erschöpft und ziehen sich zurück. Die Menschen im Sonnenblumenhaus sind schutzlos dem Mob ausgeliefert.

Montag, 24. August, 21.30 Uhr: Das Sonnenblumenhaus ist ungeschützt, der gewalttätige Mob setzt Teile des Gebäudes unter Jubel mit Molotow-Cocktails in Brand. Mehrere Tausend Menschen applaudieren. Die anrückende Feuerwehr wird mit Steinen beworfen und bedroht, sie fordert Polizeischutz an. Kurz nach 22 Uhr stürmen gewalttätige Jugendliche das Haus. Darin befinden sich rund 120 vietnamesische Menschen, Unterstützer:innen aus dem Jugendalternativzentrum, Mitarbeitende der beiden Unterkünfte, ein Kamerateam des ZDF und der damalige Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter. Sie erleiden Todesängste, verbarrikadieren die Treppenaufgänge und brechen Türen zum Dach auf. Dann retten sie sich in einen anderen Teil des Wohnblocks mit der Hausnummer 15. Dort klingeln sie an allen Türen der deutschen Mieter:innen. Es wird ihnen jedoch nur von zwei Bewohner:innen geöffnet. Kurz vor 23 Uhr trifft die Polizei ein und vertreibt die Angreifenden aus dem Haus. Die Vietnames:innen werden in eine Notunterkunft gebracht und einige Tage später in eine andere Unterkunft.

Dienstag, 25. August: Erneut zieht eine Menschenmenge vor das Sonnenblumenhaus, erneut fliegen Steine, Raketen und Molotowcocktails. Mehr als 1000 Personen sind beteiligt. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein. Gegen zwei Uhr gelingt es ihr, die Ausschreitungen zu beenden. (FR)

August 1992

Einer der Wasserwerfer rollt langsam nach vorn. Uniformierte ducken sich in seinen Schutz, schleichen voran. Gegenüber eine Gruppe Vermummter. Zwei, drei von ihnen rennen los, schleudern die Arme hoch, Steine sausen durch die Luft. Die Beamten reißen die Schilde hoch. Dumpf knallen die Geschosse auf das Acryl, dann aufs Pflaster. Die Zuschauer johlen, klatschen. „Dieses Nazigesindel“, flucht ein Polizist. „Das sind keine Nazis“, schreit ihn ein Anwohner an, „das sind unsere Kinder. Das sind keine Rechtsradikalen, sind ganz normale Deutsche, die das mit den Ausländern hier im Viertel nicht mehr aushalten.“

Wie ein Volksfest: Schaulustige verfolgen tatenlos die rassistischen Ausschreitungen im August 1992.
Wie ein Volksfest: Schaulustige verfolgen tatenlos die rassistischen Ausschreitungen im August 1992. © Wüstneck/dpa

August 2022

Das Sonnenblumenhaus mit seinen bunten Balkonen und braunen Klinkern ist mit den Anwohner:innen gealtert. Es gibt nicht viel Fluktuation. Sehr viele Menschen leben schon seit Jahrzehnten hier, vielleicht haben sie mal zwischen der Nummer 13 und der 19 die Wohnung gewechselt.

„Selbstjustiz“ heißt das Mahnmal, das sie an die rassistischen Exzesse in Lichtenhagen erinnern soll. Doch die Gedenkstele, die ein bisschen versteckt vor dem Sonnenblumenhaus steht, ist geschändet. Die Säule beschmiert, der Betonbrocken, der ursprünglich obenauf lag, verschwunden. Das Bruchstück gehörte zu einer Bodenplatte, die während der Krawalle von den rechtsradikalen Angreifern zerschlagen wurde, die Trümmer dienten als Wurfgeschosse. Mehrfach schon wurde das Mahnmal erneuert, doch der Brocken immer wieder gestohlen.

„Jetzt is da nix mehr“, sagt Peter, der mit seiner Einkaufstasche an dem Mahnmal vorbeiläuft und mehr als seinen Vornamen nicht verraten will. Auf seinem kompakten Oberarm prangt ein Tatoo, das aussieht wie Robin Hood, Peter ist im Bogenschützenverein. Er wohnt schon Zeit seines Lebens im Sonnenblumenhaus, das heißt seit 50 Jahren. Vor der Wende hat er im Schiffbau gearbeitet, verlor den Job, war dann in einer Hotelküche angestellt. Während der Schandtage von Lichtenhagen war Peter zwanzig, im gleichen Alter wie viele der Jungmänner, die ganz vorne dabei waren bei den Attacken.

August 1992

„Klar, dass die Jugendlichen diesen Hass haben“, sagt einer vom Rand der Menge mit stonewashed Jeans. „Viele von denen sind arbeitslos. Und das nur wegen dieser verdammten Kanaken, die die Steuergelder verfressen.“ – „Da müssen erst ein paar Jugendliche kommen, die richtig aufräumen, das Gesindel vertreiben“, fährt ein anderer mit schweißrotem Kopf dazwischen, setzt die Bierdose an und schüttet sich das Gesöff in den Hals. „Zu schade“, sagt er mit sabberndem Mund, „dass die Polizei niemandem zu dem Dreckspack reinlässt.“ Dann hätte man bald seine Ruhe und könnte endlich nach Hause und schlafen gehen. Aber was ist schon Schlaf angesichts dieses Schauspiels. Seit Stunden ergötzen sich die Anwohner von Lichtenhagen daran. Hier geht es um ihre Sache.

August 2022

„Ich hab’s nicht gemacht, ich war nicht dabei“, stellt Peter fest. „Die meisten Anwohner haben das wie ich nur vom Fenster aus gesehen, die haben da nichts mit zu tun gehabt, nö.“ Und woher kam dann die Menge, die bei der Ausländerhatz grölte und jubelte? „Die kamen alle aus dem Westen rin. Von uns hier hat keiner zu Randale angestiftet. Wir hatten ja alle Angst, selbst abgefackelt zu werden. Die meisten haben geguckt, aber nicht mitgemacht. “ Auch nicht angefeuert? „Vielleicht welche die meinten, es muss sein.“

Als sich 2012 das Pogrom von Lichtenhagen zum 20. Mal jährte, ließ die Stadt Rostock zum Gedenken einen Baum vor das Sonnenblumenhaus pflanzen. Eine deutsche Eiche, ausgerechnet. Doch nach der kann man auf dem verbrannten Grasstreifen vor dem Haus lange suchen. Wie der entscheidende Teil der Stele existiert auch der Baum nicht mehr. Kaum im Boden, war er schon abgesägt. Von Unbekannten, klar. Der Standort – längst zur Unsichtbarkeit überwachsen.

Geflüchtete ohne Bleibe. dpa
Geflüchtete ohne Bleibe. © Jürgen Sindermann/dpa

August 1992

Ein Schlag, ein Knall, eine Stichflamme schießt in den Nachthimmel, wirft ihr Licht auf verzerrte Gesichter. Ein Schrei: „Aaaa!“ Getroffen. Der Molotowcocktail ist durch die zerborstene Scheibe ins Zimmer geflogen, das Feuer frisst an den Gardinen. Hunderte Männeraugen unter geschorenen Schädeln starren fasziniert auf ihr Werk. Das ist geil, das ist Krieg! Mitten in der Stadt.

August 2022

Lust auf Kaffee und Kuchen? Pizza? Wo geht man hin in Lichtenhagen? Die Plattenbausiedlung ums Sonnenblumenhaus ist eine gastronomische Wüste. Kein Café, kein Restaurant, kein Fast-Food-Laden in Sicht, nur zwei, drei dunkle Kneipen, die tagsüber geschlossen sind. Vor 30 Jahren waren die Anwohner:innen besser dran. Als sie sich zu Tausenden draußen zusammenrotteten, sorgte der Imbiss „Happi Happi bei Api“ für Stärkung mit Bratwurst und Bier. So gehört sich das doch auch, wenn Volksfest ist.

Heute bleibt den Anwohner:innen nur „Jannys“, die kleine Eisdiele gleich um die Ecke vom Rewe, wo früher der Sparladen war. Hier sitzt die ehemalige Bandarbeiterin Angelika mit ihrer Enkelin und löffelt ein Schokoeis. „Ich hab so viel gearbeitet, ich habe ja kaum was mitgekriegt damals“, sagt sie. „Aber solche Randale, das hat mir nicht gefallen. Es gab eine Zeit, da mochte man gar nicht sagen, dass man im Sonnenblumenhaus wohnt. Man hat sich geschämt und konnte es am Schluss auch nicht mehr hören.“ Heute gebe es aber keine Probleme. „Schwarze, Vietnamesen, Russen – wir verstehen uns im Haus gut mit denen. Da ist nichts!“

August 1992

Das Flüchtlingswohnheim brennt. Seit mehr als anderthalb Stunden ist kein Ordnungshüter in Sicht. Am Supermarkt steht ein junger Dicker. „Das ist ja hier wie ein Volksfest“, meint er. Ein Rechter sei er, aber nicht radikal. Das hier findet er trotzdem gut. Alles sei locker, fast entspannt. Das Haus brennt weiter, als hätte es nie eine Feuerwehr in Deutschland gegeben.

August 2022

Die Frau mit der grauhaarigen Kurzfrisur und der rauen Stimme trinkt bei „Jannys“ Kaffee mit ihrem Mann. Vor der Rente war sie Chemielaborantin an der Uni, er arbeitete im Schiffsbau, bis ihn eine Krankheit in den Rollstuhl brachte. Anonym wollen die beiden bleiben, selbst ihre Vornamen halten sie zurück.

„Ich war nicht einmal da unten“, erzählt sie, „da gehe ich doch nicht hin. Ich kenne auch keinen Nachbarn, der sich da unten hingestellt hat. Das war doch ein rotes Haus zu DDR-Zeiten. Da wohnte Stasi, Polizei, Zoll... das waren fast alles rote Socken. Wir waren die einzigen im Sonnenblumenhaus, die eine Westantenne hatten.“

Ihr Mann nickt in seinen Kaffee. „Das bleibt im Gedächtnis, was da passiert ist. Auch was die Polizei da gemacht hat, das war doch so undurchsichtig. Aber am Schlimmsten war das mit den Zigeunern. Wenn ich nach Hause kam, saßen die auf der Treppe und wollten mich provozieren, damit ich eine reinkriege.“

Nächtliche Randale.
Nächtliche Randale. © Bauer

„Wir mochten schon gar nicht mehr einkaufen damals“, ergänzt seine Frau, „da war der Spar, wo die Zigeunerinnen immer reingegangen sind mit ihren weiten Röcken und geklaut haben wie sonst was. Und die Verkäuferinnen durften nichts machen und keine Polizei holen, weil sie nicht als ausländerfeindlich gelten wollten. Bei den Vietnamesen war es ganz anders, die waren doch gut integriert.“

Da nickt ihr Mann nicht mehr. Kaum fällt das Stichwort „Vietnamesen“, zeigt er auf die Reinigung in der Passage neben der Eisdiele. „Die gehört heute Vietnamesen, da wird Geld gewaschen, mehr ist das nicht.“ Und da hinten beim Penny, das Gebäude der ehemaligen Kaufhalle, „alles in vietnamesischer Hand.“

Wen man auch anspricht in Lichtenhagen, alle reden bereitwillig. Und fast alle haben die gleiche Erzählung parat. Dass sich niemand direkt beteiligt hat am Ausländer klatschen damals. Dass man höchstens ein bisschen zugeguckt hat vielleicht – doch auch nur vom Fenster, versteht sich. Dass die Rechten von außen angekarrt wurden und es ganz andere Leute waren, die den Brandschatzenden zujubelten.

Hitlergruß vor Polizeikette.
Hitlergruß vor Polizeikette. © Jens Kalaene/dpa

Das ist die Geschichte, die viele Bewohner:innen des Sonnenblumenhauses gerne glauben wollen. Sie haben sich eingerichtet in ihren Mythen. Das Schandmal von Lichtenhagen – gibt es das überhaupt?

Sicher, da sind auch andere Stimmen. Wie die von Hans oder Jasmin, die auf dem Spielplatz vor dem Sonnenblumenhaus sitzen. Hans, weil er mal raus musste aus der Wohnung. Die Studentin Jasmin macht gerade Pause; sie arbeitet als Nachhilfelehrerin in der Nummer 16 und wohnt egenüber.

„Ich bin so’n bisschen links orientiert“, erzählt Hans und entschuldigt sich für seine Aussprache. Seit seinem Schlaganfall klappe es nicht mehr so recht mit der Artikulation. Vor dreißig Jahren hat Hans noch im angrenzenden Stadtteil Lütten Klein gewohnt. „Wir hatten uns vorgenommen, die Rechten zu vertreiben. Aber die Polizei hat uns schon an der S-Bahn abgefangen. Wir kamen gar nicht zum Sonnenblumenhaus durch.“ Gegen den rechten Mob war die Polizei damals hilflos, als die Autonomen gegen die Rechten antreten wollten, zeigte sie plötzlich Stärke.

Wir hatten uns vorgenommen, die Rechten zu vertreiben. Aber die Polizei hat uns schon an der S-Bahn abgefangen.

Hans, wohnte 1992 in Rostock-Lütten Klein

Jasmin kennt einen der Polizisten, der in Lichtenhagen im Einsatz war.Seitdem ist der Beamte behindert. „Die Randalierer haben ihm eine Gehwegplatte auf dem Rücken zertrümmert“, berichtet Jasmin. „Die Polizei war gar nicht richtig ausgerüstet. Er hatte nur einen Schlagstock und der wurde ihm noch entrissen. Wenn die dann mit Gehwegplatten ankommen, hast du keine Chance.“

Inzwischen würden zwar viele Migranten im Viertel wohnen, erzählt die junge Frau, „aber man spürt, dass sie abgelehnt werden. Die Kinder auf dem Spielplatz werden von den alten Leuten immer angebrüllt: ‚Kennt ihr die deutschen Gesetze nicht? Haltet Euch doch mal an die Ruhezeiten!‘“ Jasmin findet es „schrecklich, Menschen nach ihrer Herkunft zu beurteilen“. Und glaubt nicht an ein tolerantes Rostock. Dass Querdenker:innen und Corona-Leugnende nach wie vor jeden Montag mit fast zweihundert Leuten durch die Innenstadt ziehen – sei das nicht ein übles Zeichen?

August 1992

Die Flammen schlagen die Hauswand hoch. Schwarzgekleidete Arme mit Nazi-Emblemen strecken sich in die Luft. „Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!“ brüllt es aus weit offenen Kehlen. Keine Polizei, keine Feuerwehr. Vor dem Sonnenblumenhaus weit und breit nichts als Rechte, mal mit Glatze, mal mit Scheitel. Jetzt wird es den Anwohnern mulmig. Sind das die Geister, die sie gerufen haben? Die, die jetzt die Häuser abfackeln? „Heute ist es zum Kotzen“, murrt ein älterer Mann. Seine Gattin ergänzt: „Samstag und Sonntag hab ich’s verstanden. Das war Protest.“- „Ja“, sagt er, „aber das ist jetzt Vandalismus.“

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