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Rostock-Demo erinnert an Pogrom von Lichtenhagen

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Von: Pitt von Bebenburg

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Vor 30 Jahren stürmte ein Mob Rechtsextremer die Asylunterkunft in Rostock-Lichtenhagen. Das Pogrom wurde bis heute nicht ganz aufgeklärt.

Rostock – Antirassistische Organisationen fordern Konsequenzen aus dem Pogrom von Lichtenhagen vor 30 Jahren. Die Stadt Rostock bezeichnet die rassistischen Ausschreitungen von Lichtenhagen als das, was sie waren: ein Pogrom, also ein gewalttätiges Vorgehen gegen ethnische Minderheiten.

„Das Pogrom ist geschehen, und daher kann es auch wieder geschehen. Dies zu verhindern bleibt unsere Aufgabe“, schreibt Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) auf der Homepage der Stadt. Sein Kollege Chris von Wrycz Rekowski (SPD), Rostocks Finanzsenator, ergänzt: „Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen ist Teil unserer Stadtgeschichte.“

Pogrom von Lichtenhagen – Rostock nennt die rechtsextreme Gewalt jetzt beim Namen

Die Formulierungen sind keine Selbstverständlichkeit. Ein Bündnis von 40 Vereinen, Initiativen und Organisationen, das für den heutigen Samstag zur Demonstration in Rostock aufruft, beklagte in ihrem Aufruf: „Bis heute scheut sich die Hansestadt Rostock, dieses Pogrom klar als solches zu benennen.“

Vom 22. bis zum 26. August 1992 hatte ein Mob von zeitweise mehreren Tausend Menschen das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen belagert und angegriffen, in dem neben anderen Menschen auch Asylsuchende aus Osteuropa und ehemalige DDR-Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam lebten. Die Polizei zog sich zurück, während das Haus in Brand gesetzt wurde. Mehr als 120 Menschen retteten sich in höchster Not über das Dach.

Demonstrationen in Rostock zum Pogrom in Lichtenhagen

Die Demonstration beginnt um 14 Uhr in Lichtenhagen unter dem Motto „Damals wie heute: Erinnern heißt verändern!“ Aufgerufen haben dazu kirchliche und gewerkschaftliche Gruppen, der von Vietnames:innen gegründete Verein Diên Hông, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, der Internationale Fußball-Club Rostock, eine Antifa-Organisation und mehr als 30 weitere Gruppierungen.

Zu ihren Forderungen gehören „Abschiebestopp und Bleiberecht für Rom:nja und alle Betroffenen rassistischer Gewalt“. Im Demonstrationsaufruf wird daran erinnert, dass die betroffenen ehemaligen Vertragsarbeiter:innen jahrelang um ihr Bleiberecht kämpfen mussten und teilweise abgeschoben wurden.

Sonnenblumenhaus im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen
1992 kam es mehrere Tage lang vor dem damaligen Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen zu schweren Ausschreitungen Rechtsradikaler. (Archivbild) © Jens Büttner/dpa

Weiter dringen die Organisationen darauf, die Aufnahmeeinrichtung von Mecklenburg-Vorpommern in Nostorf-Horst zu schließen. Dieses Sammellager sei im April 1993, wenige Monate nach dem Pogrom, errichtet worden. „Statt Geflüchtete vor rechter Gewalt zu schützen, werden sie fortan im Wald isoliert“, heißt es in dem Demonstrationsaufruf. Das Lager könne „als Prototyp der Erstaufnahmeeinrichtungen verstanden werden, aus denen Geflüchtete direkt abgeschoben werden können“.

Pogrom in Rostock-Lichtenhagen – „die schlimmsten rassistischen Übergriffe in Deutschland“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte am Freitag (26. August) vor dem Sonnenblumenhaus gesprochen. Dort bezeichnete er die Ausschreitungen in Rostock als „die schlimmsten rassistischen Übergriffe in Deutschland bis dahin“ und als „Schande für unser Land“. Bis heute entsetze ihn, dass der Rechtsstaat die Bedrohten alleingelassen habe.

Das Gedenken geht weiter. Am Samstag bietet das Stadtteil- und Begegnungszentrum Kolping eine Friedensandacht über Rassismus, Nachbarschaft und Toleranz an, mit anschließendem Gedankenaustausch. Am Sonntag (28. August) lädt der Verein Soziale Bildung zum Rundgang zu sechs Gedenkorten ein, um mit den Teilnehmenden zu diskutieren, „wie es zum Pogrom kommen konnte und welche Auswirkungen dieses Kapitel der Rostocker Stadtgeschichte bis heute hat“. (Pitt von Bebenburg)

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