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Im Keller des Atomkraftwerks Brunsbüttel wurden kaputte Atomfässer gefunden.

Atommüll Deutschland

Rostige Fässer

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In vielen Atomkraftwerken stapelt sich gefährlicher Müll. Von den bisher inspizierten 409 Atomfässern im Atomkraftwerk Brunsbüttel weist rund ein Drittel "starke Beschädigungen" auf.

Starker Rostfraß, lose Deckel, cäsiumhaltige Ablagerungen auf dem Boden: Der Fund von kaputten Atomfässern im Keller des Atomkraftwerks Brunsbüttel bei Hamburg schockierte die Öffentlichkeit, als er vor zwei Jahren bekanntwurde. Eine Stichprobe in der seit 2001 abgeschalteten Anlage förderte damals das erste marode Gebinde zutage. Die zuständige Atomaufsicht in Kiel ordnete beim Betreiber Vattenfall eine Inspektion an. Seither läuft die aufwendige Untersuchung der sechs Kavernen, in denen insgesamt 631 Fässer mit Strahlenmüll dicht an dicht gepackt stehen. Und die Ergebnisse sind dramatisch.

Von den bisher inspizierten 409 Fässern weist rund ein Drittel „starke Beschädigungen“ auf. Das bedeutet: Sie sind so stark verrostet, dass sie sich aufzulösen beginnen. Sie haben Löcher, durch die der strahlende Inhalt austritt. Die Gebinde lagern zum Teil seit mehr als drei Jahrzehnten in dem AKW-Keller. Sie enthalten ein sogenanntes Verdampfer-Konzentrat, das beim Betrieb aus dem Kühlwasser des Kraftwerks herausgefiltert wurde.

2022 als Fertigstellungstermin

Die Trocknung des Konzentrats wurde offenbar nicht ordnungsgemäß durchgeführt, und so befindet sich statt eines Pulvers eine Art Brei in den Fässern. Die Feuchtigkeit darin bewirkte die Korrosion.

„Jahrelang ist hier ein Problem verdrängt worden“, kommentiert Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne). Das Ausmaß des Problems übertreffe die Befürchtungen. Eine Aussage, wie sich jetzt zeigt, die insgesamt auf die Zwischenlagerung von schwach- und mittelradioaktivem Atommüll in Deutschland zutrifft. Rostige oder defekte Atomfässer gibt es danach nicht nur im maroden „Versuchsendlager Asse“ sowie in Brunsbüttel, sondern auch in anderen Zwischenlagern, etwa an den AKW-Standorten oder den 16 Landessammelstellen, die unter anderem Nuklearabfall aus der Medizin und Forschung aufnehmen.

Eine Ursache des Problems liegt darin, dass das für die schwach- und mittelaktiven Abfälle vorgesehene Endlager, der Schacht Konrad bei Salzgitter, noch nicht fertiggestellt ist. Das ehemalige Eisenerzbergwerk sollte ursprünglich bereits in den 1990er Jahren für die Aufnahme des Atommülls umgebaut sein. Doch das verzögerte sich, unter anderem wegen langwieriger Gerichtsverfahren.

Inzwischen wird das Jahr 2022 als Fertigstellungstermin genannt, doch nicht einmal das ist sicher. Es könnte noch später werden, der Termin sei „mit Unsicherheiten behaftet“, heißt es im Bundesumweltministerium in Berlin.

Das Energieunternehmen Vattenfall versucht denn auch, die rostigen Fässer mit der Verzögerung beim Schacht Konrad zu erklären. „Die Fässer waren gar nicht für eine langfristige Lagerung gedacht“, sagte Sprecherin Sandra Kühberger. Ein Argument, dass das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und andere Experten nicht gelten lassen: „Jeder Besitzer radioaktiver Abfälle ist dafür verantwortlich, seine Abfälle sicher aufzubewahren“, heißt es beim BfS. Und: „Diese Pflicht besteht unabhängig von der Frage, wann ein Endlager zur Verfügung steht.“ Julia Neles vom Öko-Institut in Darmstadt sagt: „Die Betreiber der Lager müssen die Leitlinien zur sicheren Verwahrung des Nuklearmülls strikt einhalten, da gibt es kein Vertun.“

Ganz so dramatisch wie in Brunsbüttel scheint die Lage an den anderen bundesweiten Standorten, an denen defekte Fässer gefunden wurden, nicht zu sein. Der „Hotspot“ ist dabei Karlsruhe, wo auf dem Gelände des ehemaligen Kernforschungszentrums (heute: KIT Campus Nord) nicht weniger als rund 65 000 Fässer eingelagert sind. Hier wurde Korrosion zwar an bisher fast 1700 Fässern gefunden. Aber keines davon sei außen radioaktiv kontaminiert gewesen, meldet das baden-württembergische Umweltministerium. „Das heißt, es ist keine Radioaktivität ausgetreten.“

Mehr Aufwand

Ähnlich bewertet auch die hessische Atomaufsicht das Problem: In allen drei hessischen Zwischenlagern – am Atomkraftwerk Biblis, in der Landessammelstelle Ebsdorfergrund und bei der Firma Nuclear Cargo Service in Hanau – wurden zwar in den vergangenen Jahren Korrosionsfälle festgestellt, vor allem bei Fässern aus den 80er Jahren. Aber: „Radiologisch relevante Auswirkungen waren damit nicht verbunden“, teilte das Umweltministerium in Wiesbaden mit. Werden bei den regelmäßigen Kontrollen Rost oder andere Schäden ohne Kontamination festgestellt, wird der Inhalt der Fässer üblicherweise entweder in neue Gebinde umgepackt oder das alte Fass wird komplett in ein neues Fass gestellt. Man spricht von „Overpacks“.

Deutlich aufwendiger gestaltet sich die Sache in Brunsbüttel. Fässer mit losen Deckeln können nicht wie üblich mit Greifkränen geborgen werden. Aber auch die alternative Methode, Fässer mit einer Art übergestülptem Sack zu heben, ist wegen möglicherweise austretender Flüssigkeit problematisch. Ein neues Bergungskonzept muss noch entwickelt werden.

Klar ist nur das Ziel: Die maroden Fässer sollen vermutlich ab dem nächsten Jahr ganz neu für die künftige Endlagerung in Schacht Konrad „konditioniert“ werden. Der Inhalt der Fässer soll in Spezialbehälter, die für die Endlagerung geeignet sind, umgefüllt werden. Dafür sei „eine Vielzahl von Zulassungen nötig, die derzeit noch nicht komplett vorliegen“, heißt es bei Vattenfall. Bis zum Abtransport nach Schacht Konrad müssen die Behälter dann wieder zwischengelagert werden – vielleicht für ein ganzes Jahrzehnt.

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