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Hier soll Rosa Luxemburgs Leichnam 1919 in den Landwehrkanal geworfen worden sein.

Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburgs Geist wirkt bis heute

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Vor 100 Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Die historische Bewertung des Aufstands von 1919 und seiner Folgen für die Weimarer Republik spaltet die deutsche Linke bis heute.

Rosa Luxemburgs letzter Text klingt noch heute wie eine Geisterbeschwörung. Sie schrieb ihn am 14. Januar 1919, nachdem ein wirrer Aufstandsversuch radikaler Kräfte gegen die junge Republik gescheitert war. „Die Revolution wird sich schon morgen ‚rasselnd wieder in die Höh’ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“ So stand es in der Parteizeitung „Rote Fahne“, am Tag, bevor die Kommunistenführer Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin von rechtsextremen Freikorps-Soldaten ermordet wurden – mit Billigung der sozialdemokratischen Regierung um Gustav Noske, Paul Scheidemann und Friedrich Ebert.

Liebknecht wurde im Tiergarten erschossen, Luxemburg bereits im Auto, in das die Mörder sie gezerrt hatten. Ihre Leiche warfen sie in den Landwehrkanal. Erst fünf Monate später, am 31. Mai 1919, fand ein Schleusenwärter in Kanal nahe dem Bahnhof Zoo eine stark verweste weibliche Wasserleiche. Die wichtigste linke Politikerin, die Deutschland je hatte, war da bereits selbst zum Geist geworden – ein Geist, der die Weimarer Republik bis zu ihrer Zerstörung belastete. Und einer, der die deutsche Linke seit inzwischen 100 Jahren trennt.

Als Rosa Luxemburg endlich begraben werden konnte, klang es erneut nach einer Geisterbeschwörung. Für den Trauerredner Paul Levi, einer ihrer politischen und kurzzeitig auch persönlichen Gefährten, war die tote Luxemburg Heilige und Rächerin zugleich: „Nach fünf Monaten bringen wir hier zur Erde, was von Rosa Luxemburg zur Erde gehört. Aber der tote Körper steht auf, und auf steht mit ihm der Fluch, der dreifache Fluch für die, die das getan haben. Der Fluch, nicht für die, die vorgeschoben sind, nicht für die Henker, der dreifache Fluch gilt denen, die den Mord veranlasst haben und heute noch in den Ministersesseln sitzen. Der tote Leib steht auf und richtet über die, die das getan haben.“

Der Fluch, den Levi beschwor, richtete sich also nicht so sehr gegen die Mörder Luxemburgs, sondern gegen die Sozialdemokraten, die Ordnung und Republik gegen die Revolution gesetzt hatten. „Die SPD hat uns verraten“, wusste Karl Liebknecht bereits 1918. Nach seinem und Luxemburgs Tod wurde daraus eine Parole, die ebenfalls bis heute durch die Linke geistert: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“.

In Erfurt versucht Bodo Ramelow diese Spaltung nach 100 Jahren wieder ein bisschen zu kitten. Dem Thüringer Ministerpräsidenten von den Linken kommt dieses Jahr eine besondere Rolle zu. Nicht nur, dass er bei den Wahlen im Herbst gerne seine rot-rot-grüne Koalition retten würde. In seinem Bundesland liegt auch Weimar, wo am 2. Februar Bundespräsident Steinmeier an den 100. Jahrestag der Weimarer Reichsverfassung erinnern wird. „Die SPD und die KPD haben damals einen Kampf gegeneinander geführt, der nicht nur die beiden Parteien ins Verderben geführt hat“, sagt Ramelow. „Was beide Parteien völlig falsch eingeschätzt haben, waren die Gefahr und die gewaltige Zerstörungskraft, die von der NSDAP ausgingen. Jede humane Schwelle wurde überschritten. Aus dieser Perspektive ist es nicht angebracht, die Fehler der Vergangenheit zu beklagen. Sätze wie ,Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten‘ bringen uns nicht weiter. Sie ordnen auch historisch nicht ein, was falsch gelaufen ist.“

Am Ende traf der Fluch sie alle: Die Republik ging zugrunde, weil die Linke sich lieber gegenseitig bekämpfte, die Nazis triumphierten. „Umgekommen sind Kommunisten und Sozialdemokraten im Konzentrationslager gemeinsam“, erinnert Ramelow. „Die Toten mahnen uns zu einem konstruktiven Umgang mit dem Thema.“

Doch Rosas Geist spukt weiter durch die deutsche Linke. Am Sonntag zogen wie jedes Jahr Tausende bei der „Luxemburg-Liebknecht-Demonstration“ durch Berlin, alle linken Splittergruppen waren vertreten. Würde man in dieser Runde um Verständnis für staatstragende Sozialdemokraten werben, für Hartz IV oder die Niederschlagung des Januaraufstands 1919, wäre es mit dem würdevollen Gedenken rapide vorbei.

Und auch die SPD kann Öl ins Feuer gießen: Der sozialdemokratische „Vorwärts“ schrieb auf Twitter zu einem Aufsatz über den Januar 1919“: „Die SPD verteidigt die Demokratie – auch mit Hilfe des Militärs“. Der Aufschrei vonseiten der Linken kam sofort. „Einen Aufstand hat es im Januar 1919 nicht gegeben“, antwortete der Berliner Linken-Abgeordnete Michail Nelken. „Es gab brutalen Militärterror gegen revolutionäre Arbeiter“.

Vielleicht braucht es jemanden von außen, um einen frischen Blick zu wagen und den 100-jährigen Geist von Rosa Luxemburg zu bannen. Dann könnte die historische Figur Rosa Luxemburg auch wieder dahinter zum Vorschein kommen.

Am renommierten University College Dublin lehrt Mark Jones Geschichte. Er ist gerade wieder zu Besuch in Berlin und ist vielleicht der akribischste Kenner der Gewaltexzesse zu Beginn der Weimarer Republik. „Es ist schon bemerkenswert, wie politisiert dieser Teil der deutschen Geschichte immer noch ist“, sagt er. „Das ist der wirkungsmächtigste historische Mythos der deutschen Linken.“ Der Linken gelte Rosa Luxemburg „als Heilige, eine andere Sichtweise wird nicht akzeptiert“.

Dabei ist die Rosa des Jahres 1919 nicht mehr die Sozialistin, die für Frieden, Emanzipation der Arbeiterklasse und die Freiheit der Andersdenkenden steht. Sie kommt im November 1918 frisch aus der Festungshaft nach Berlin und stürzt sich in die Revolution. Ernst Piper schildert in seiner neuen Luxemburg-Biografie die Atemlosigkeit dieser Tage: Ihre Wohnung in Berlin sieht die von der Haft stark geschwächte Sozialisten wochenlang nicht, sie ist von morgens bis nachts in der Redaktion der „Roten Fahne“, schreibt, agitiert, kontrolliert. Sie glaubt, dass es nach der Abdankung des Kaisers nun eine wirklich revolutionäre Situation in Deutschland gäbe. Es war ihr schwerster Irrtum.

„Luxemburg wollte immer die Massen überzeugen – und in diesen Tagen wollte sie die Massen eben zu einem gewaltsamen Aufstand drängen“, sagt Mark Jones. „Doch die Massen machten nicht mit.“ Anfang Januar 1919 besetzten Linksradikale mehrere Verlagshäuser im Berliner Zeitungsviertel. Es war ein von vornherein zum Scheitern verurteilter Putschversuch.

Luxemburg glaubte, jetzt sei die Stunde  gekommen. Ihre Artikel in der „Roten Fahne“ wurden immer schärfer, Tag für Tag trommelte sie für den Aufstand. „Sie war einer der hitzigsten Köpfe in dieser Woche“, meint Jones. „Damit hat sie entscheidend zur Radikalisierung in diesen Tagen beigetragen. Wegen ihrer Sätze in der ,Roten Fahne‘ sind Menschen gestorben. Auch Frauen und Kinder, die sich zum Beispiel im falschen Augenblick aus dem Fenster gelehnt haben und von einer Kugel erwischt wurden.“

Luxemburgs Leitartikel klangen atemlos: „Die Gegenrevolution entwaffnen, die Massen bewaffnen, alle Machtpositionen besetzen. Rasch handeln!“, schrieb sie am 7. Januar 1919. Mit der „Gegenrevolution“ sind die Sozialdemokraten gemeint, ihre früheren Parteifreunde. Als die Freikorps-Soldaten den Aufstand im Berliner Zeitungsviertel niederschossen, gingen Gerüchte um, Rosa Luxemburg stehe an einem Maschinengewehr der Putschisten. Das war jenseits aller Wahrscheinlichkeit – die 47-jährige, körperlich kaum belastbare Frau hätte nie an Kämpfen teilgenommen. Es zeigte aber den grenzenlosen Hass, den die Rechte auf Luxemburg empfand – und in der ihr die SPD in nichts mehr nachstand.

Gerade hat die heutige Parteichefin Andrea Nahles die Spekulation zurückgewiesen, dass der SPD-Verantwortliche für die Niederschlagung des Aufstands, Gustav Noske, den Mord an Luxemburg in Auftrag gegeben habe. „Es ist nicht zu beweisen, dass Sozialdemokraten wie Noske Komplizen der Mörder waren“, sagt Mark Jones. „Aber nachdem beide tot waren, hat die SPD die Mörder gedeckt.“ Am Tag nach den Morden lieferte Philipp Scheidemann die politische Begründung für die Taten: „Wenn ich im Begriffe bin, mich in ein brennendes Haus zu stürzen, um Weib und Kind zu retten, und mein wahnsinniger Bruder legt die Flinte auf mich an, dann hilft nichts mehr, dann muss ich mich gegen ihn zur Wehr setzen“. Für die SPD waren „Weib und Kind“ gleichbedeutend mit Staat und Republik, die wahnsinnigen Geschwister waren die abtrünnigen Parteifreunde Liebknecht und Luxemburg. Scheidemanns Begründung hallt bis heute nach. Und auch sie ist mit Schuld am Ende der Weimarer Republik. Denn die „Bürgerkriegs-Mentalität“ des Januar 1919, sagt Mark Jones, „zog sich durch die gesamten Jahre der Weimarer Republik“.

Eins der Gerüchte, das nach Luxemburgs Tod aufkam, lautete: Man habe ihre Leiche den Raubtieren im Zoo zum Fraß vorgeworfen. „Luxemburgs verschwundene Leiche ist das Gespenst der frühen Weimarer Republik“, sagt Jones. „Sie geistert seit 100 Jahren durch die deutsche Geschichte.“

Vor 100 Jahren wurde keine Heilige ermordet, sondern eine tragisch Irrende. Und eine Frau, wie es sie in der deutschen Politik nicht noch einmal. Die Erinnerung an Rosa Luxemburg muss von ihrem Spuk befreit werden.

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