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Ein Schatten, der auf ein Denkmal fällt

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Von: Helmut Ortner

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Mit der Skulptur eines Minen-Opfers auf Krücken wurde das Denkmal 2020 kritisch ergänzt. Foto: dpa/Christoph Schmidt.
Mit der Skulptur eines Minen-Opfers auf Krücken wurde das Denkmal 2020 kritisch ergänzt. Foto: dpa/Christoph Schmidt. © Christoph Schmidt/dpa

Im württembergischen Heidenheim wird an NS-Militärführer Rommel erinnert – der Streit über den Gedenkstein und seine Rolle unter Hitler steht exemplarisch für Debatten an vielen Orten in Deutschland.

Heidenheim an der Brenz, hoch oben auf der Schwäbischen Alb, ist eine vitale Stadt. Knapp 50 000 Menschen leben hier, es gibt einen Fußballclub, der seit Jahren in der zweiten Liga für Furore sorgt, eine spektakuläre Stadtbibliothek – und einen Gedenkstein, der an den Generalfeldmarschall Erwin Rommel erinnert. Er ist hier geboren. Auch 78 Jahre nach dessen Tod wird in der Bürgerschaft rege darüber debattiert, ob Hitlers einstiger Lieblingsgeneral tatsächlich eines Gedenksteins würdig ist. Zu Rommels Ehren, anlässlich seines 70. Geburtstags im Jahr 1961, wurde er errichtet. Der damalige Oberbürgermeister beabsichtigte „etwas architektonisch Schönes“ zu schaffen. Auch der Gemeinderat fand, General Rommel habe „in der Welt einen guten Klang und seine Heimatstadt keine Veranlassung, von ihm abzurücken“.

Am 12. November 1961 war es soweit. Das Denkmal – ein zwei Meter hoher Gedenkstein, samt vier Meter langen, niedrigen Mauerbogen – wurde eingeweiht. Unter den Gästen: Rommels Frau Lucie und Sohn Manfred (der später zum Oberbürgermeister Stuttgarts wird), dazu Landesinnenminister Hans Filbinger (der es zum Ministerpräsidenten des Landes brachte, ehe ihn die Vergangenheit als NS-Marinerichter, der auch an Todesurteilen beteiligt war, Amt und Ehre kosteten). Schon damals waren nicht alle in Heidenheim froh über die Rommel-Verehrung. Es folgte eine jahrzehntelange, leidenschaftliche, mitunter giftig geführte Debatte.

Rommel-Denkmal: eine Reizfigur, nicht nur in seiner Heimatstadt

Im Zentrum des Streits: Erwin Rommel, der populärste Wehrmacht-General. Am 11. Februar 1941 landeten die deutschen Truppen in Tripolis. Mehr als zwei Jahre tobten die Kämpfe entlang der nordafrikanischen Küste. Unter Rommels Kommando erzielten die Deutschen raumgreifende Erfolge. Zwar betrachtete Hitler Afrika lediglich als einen Nebenschauplatz des Krieges, doch in der NS-Propaganda spielten der sogenannte „Afrikafeldzug“ eine große Rolle. Erst im Sommer 1942 stoppten die Briten deren Vormarsch nahe der ägyptischen Stadt El-Alamein. Was überdauerte, war Rommels militärische Legenden-Status als „Wüstenfuchs“.

Bald nach dem Krieg kam noch eine weitere Facette zum Mythos hinzu. Es gab Material, das ihn in Verbindung brachte mit den Hitler-Attentätern vom 20. Juli. Rommel habe vom versuchten Attentat im Jahr 1944 gewusst und es unterstützt. Wegen dieses Vorwurfs war Rommel im Oktober 1944 auf Befehl des Diktators zum Selbstmord gezwungen worden. Er hatte sich mit Zyankali-Kapseln das Leben genommen. Fortan galt Rommel nicht mehr nur als Militär-Genie, sondern auch als Widerstandskämpfer, als der „gute Deutsche“, der unter dem Hitler-Regime seine moralische Integrität gewahrt hatte. Zwar war nie Mitglied der NSDAP, doch galt er als loyaler Anhänger von Hitler und hat dessen Regime und Kriegspläne gestützt. Rommel war eine Reizfigur. Nicht nur in seiner Heimatstadt.

Rommel-Denkmal: Straßen und Kasernen tragen seinen Namen

Es dauerte fünfzig Jahre, ehe im September 2011 die Stadt den Entschluss fasste, neben dem umstrittenen Rommel-Denkmal eine Tafel aufzustellen – auch um den Dauerstreit zu befrieden. Darauf war von „Tapferkeit und Heldenmut, Schuld und Verbrechen“, zu lesen, die im Krieg eng zusammen lägen. Das rief erneut Denkmal-Gegner:innen auf den Plan. Der Text vermeide es, „sich mit der Komplexität der Person Rommels auseinanderzusetzen“, monierten sie. Wenige Wochen später verhüllten sie die Tafel mit einer schwarzen Plane. Darauf stand in weißen Großbuchstaben: „Kein Denkmal mehr für den Nazigeneral!“ Der Befriedungsversuch war einmal mehr misslungen.

Zustimmung in der Rommel-Causa bekamen die Kritiker:innen von prominenter Seite. Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ ließ verlauten, Rommel sei „verantwortlich für die Kriegsführung und auch für eine Kriegspraxis, die Menschenleben sinnlosen Befehlen opferte“. Und er sprach sich auch dagegen aus, dass Straßen und Kasernen seinen Namen tragen. Denn Benennungen verhinderten die Auseinandersetzung mit Lebensgeschichten und „tragen zur Heroisierung, zur Heldenverehrung bei“.

Rommel-Denkmal: Wohin damit?

Rommel – der „doppelte General“? Genialer Wüsten-Held und stiller Widerstandskämpfer? Noch heute sind dreizehn Straßen landesweit nach ihm benannt, auch zwei Kasernen – in Augustdorf (Nordrhein-Westfalen) und Dornstadt bei Ulm. Eine Umbenennung sei nicht vorgesehen, heißt es aus dem Bundesministerium der Verteidigung. Rommel habe verbrecherische Befehle missachtet und das ideologische Feindbild des NS-Regimes abgelehnt. Zudem rücke die Forschung ihn „zunehmend in die Nähe des Widerstandes“. Damit sei er weiter „sinn- und traditionsstiftend“. Das liest sich in einem Bericht der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages gänzlich anders. Es bleibe festzustellen, heißt es im Februar 2019, „dass sich seine Rolle im Widerstand auch nach neuesten Forschungen rund um das Netzwerk des 20. Juli auf eine mögliche Mitwisserschaft beschränkt“. Und: „Irgendein ein aktives widerständisches Verhalten konnte für Rommel bis heute von der historischen Forschung nicht belegt werden.“

Wohin also mit dem Rommel-Denkmal? Erst 2014 zeigte sich der Gemeinderat offen für die Idee, dem Gedenkstein ein zeitgemäßes Mahnmal entgegenzusetzen. Eine Umgestaltung sollte die jahrzehntelange Debatte um den General nun endgültig beenden. Man suchte einen befriedenden Kompromiss – und fand ihn. Der heimische Künstler Rainer Jooß ging ans Werk. Er hat den Gedenkstein unangetastet gelassen, ihn aber in einen neuen Kontext gestellt: Dem klobigen Denkmal hat er eine fragile Stahlstatue eines Minenopfers gegenübergestellt. Ein Verweis darauf, dass Rommels Soldaten vor ihrem Abzug große Minenfelder hinterließen, die viele Menschen verletzten oder töteten. Die Skulptur ist so platziert, dass zeitweise sein Schatten auf das Denkmal fällt, auf dem noch immer zu lesen ist: „Erwin Rommel – Aufrecht, ritterlich und tapfer bis zu seinem Tode als Opfer der Gewaltherrschaft“. Ein irritierender Satz. Rommel war nicht Opfer. Er war Täter. Die Wehrmacht führte in Nordafrika einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und sein General Rommel stand an vorderster Front.

Rommel-Denkmal: Heidenheim ist kein solitärer Or

Heidenheim ist kein solitärer Ort. In fast jeder deutschen Kleinstadt gibt es Kriegs-Denkmäler, insgesamt sollen es mehr als hunderttausend sein. In zahlreichen Städten und Gemeinden werden NS-Wegbereiter und Parteigänger von Straßenschildern verbannt. So wird es in Darmstadt statt einer Hindenburg-Straße künftig eine Fritz Bauer-Straße geben. Eine späte Würdigung des Mannes, der als Hessischer Generalstaatsanwalts dafür sorgte, dass der erste Auschwitz-Prozess stattfand. Weitere Umbenennungen sollen folgen. Nicht nur in Darmstadt.

Bleibt ein Nachtrag: Nur wenige Kilometer von Heidenheim, im nahen Königsbronn, wuchs Georg Elser auf. Im November 1939 wollte der Schreinergeselle Hitler während dessen Rede im Münchner Bürgerbräukeller mit einer selbstgebastelten Bombe aus dem Leben befördern. Der Anschlag misslang. Elser wurde verhaftet, lange Jahre inhaftiert, schließlich kurz vor Kriegsende im KZ Dachau ermordet. Lange Jahre wurde er, anders als Hitlers-General Rommel, in seiner Heimat ignoriert. Heute wird seine Person und seine Tat gewürdigt. Eine Schule trägt seinen Namen. Elser ist der wahre Antagonist Rommels.

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