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Heute 100 Tage im Amt: Kramp-Karrenbauer.

Interview

„Wer Annegret Kramp-Karrenbauer kennt, ist nicht verwundert“

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Der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch über die CDU-Chefin, die Werteunion und warum die Konservativen zu lange passiv waren.

Roland Koch galt lange als konservativer Gegenspieler und potenzieller Nachfolger von Angela Merkel. Aber 2010 trat Koch als hessischer Ministerpräsident zurück und verließ die Politik. Im Rennen um den CDU-Vorsitz unterstützte er Friedrich Merz. Aber Annegret Kramp-Karrenbauer setzte sich durch.

Herr Koch, Annegret Kramp-Karrenbauer ist nun bald 100 Tage CDU-Chefin. Wie ist die Bilanz?
Die CDU ist in einer eleganten Form unter der Führung von Angela Merkel in die nächste Phase ihrer Entwicklung eingetreten. Es hat kritische Auseinandersetzungen gegeben und jetzt wieder große Geschlossenheit. An der SPD sieht man, dass das nicht selbstverständlich ist. Damit können alle Beteiligten durchaus zufrieden sein.

Sie haben im Rennen um den Parteivorsitz Friedrich Merz unterstützt. Was hätte er besser gemacht?
Das ist eine müßige Diskussion. Es konnte nur einer gewinnen. Das war dann Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie ist auf Friedrich Merz zugegangen. Beide agieren da vorbildlich. Alle haben ein grundlegendes Interesse: die Union wieder stärker zu machen.

Roland Koch (60) war bis 2014 Vorstandsvorsitzender bei Bilfinger Berger und arbeitet nun als Anwalt.

Kramp-Karrenbauer hat mit der Migrationspolitik und der Warnung vor einer moralischen Verkrampfung der Gesellschaft Signale an den konservativen Flügel gesandt. Wie glaubwürdig ist das?
Wer Annegret Kramp-Karrenbauer kennt, ist über keinen einzigen Schritt verwundert. Sie ist eine Politikerin aus und in der Mitte der Gesellschaft, die keinen permanenten Abgrenzungsbedarf in der eigenen Partei hat. Das zeigt sie jetzt mit großem Selbstbewusstsein. Es ist auch eine logische Reflexion des Parteitags. Zwei Kandidaten haben dort je nahezu die Hälfte der Stimme erhalten. Das war eine Positionsbestimmung. Die CDU muss sich genau an dem Schnittpunkt beider Kandidaten ausrichten. Das macht Annegret Kramp-Karrenbauer sehr klug, umsichtig und sehr richtig.

Hat der CDU die konservative Seite zuletzt gefehlt?
Jede politische Strömung hat auch ihre Zeit. Wir hatten in den letzten 15 Jahren sehr gute Wahlergebnisse, knapp vor der absoluten Mehrheit im Bundestag. Aber natürlich haben die Fragen der Selbstvergewisserung und auch der Umgang mit den Grenzen viele umgetrieben. Annegret Kramp-Karrenbauer will die unterschiedlichen Enden so zusammenzuführen, dass ohne eine zu lange Debatte über die Vergangenheit, aus der man lernen, sie aber nicht mehr verändern kann, eine deutliche Perspektive für die Zukunft entwickelt wird. Nicht nach hinten gucken, sondern nach vorne führen – das ist genau der richtige Weg.

In Ihrem Buch „Konservativ“ haben Sie festgestellt: „Die Konservativen leben noch. Sie wissen nur nicht mehr so genau, warum.“ Waren die Konservativen zu destruktiv oder zu passiv?
Die Konservativen waren nicht destruktiv, aber gehemmt und passiv. Sie haben sich nicht klar genug dargestellt als Kraft, die die Zukunft gestalten will. Der Selbstfindungsprozess ist schwergefallen. Aber jetzt ist die Stimme der Konservativen, die nicht alleine die CDU sind, aber ein wichtiger Teil der Partei sind, wieder klarer in ihrer Positionierung. Das schadet sicher nicht.

Was halten Sie von der Werteunion, die sich als konservativer Flügel der CDU beschreibt und immer wieder den Rücktritt von Angela Merkel fordert?
Ich halte von solchen Gruppierungen gar nichts. Wer sich einbringen will, muss das in der Sache tun. Sich hinter der Behauptung zu verstecken, man stehe für Werte und diese damit anderen abzusprechen, hilft niemandem. Es führt nur zu wechselseitiger Diskreditierung.

Sie haben Ihr Amt als hessischer Regierungschef 2010 mitten in der Wahlperiode an Ihren Nachfolger Volker Bouffier übergeben. Sollte Merkel so einen Übergang auch anstreben – obwohl die SPD damit droht, dann aus der Koalition auszusteigen?
Angela Merkel hat schon so vieles klug gemanagt, da braucht sie von mir keine öffentlichen Ratschläge. Es ist allerdings ulkig, dass die SPD an das Thema mit so spitzen Fingern herangeht. Schließlich hat sie selbst ziemlich oft ihre Parteichefs getauscht und auch mal den Vizekanzler.

Ist die Kanzlerkandidaten-Frage in der Union eigentlich geklärt?
Die CDU hat eine Parteivorsitzende gewählt in dem Wissen, was eine solche Wahl bedeutet. Und die CDU ist eine Partei, die auch in Zukunft auf Geschlossenheit Wert legt und froh ist, dass die Personen in der Führung vernünftig miteinander umgehen.

Sehen Sie Merz auch in diesem Führungsteam? Formal ist er demnächst nur Vize-Chef des CDU-nahen Wirtschaftsrats.
Es ist nicht wichtig, welche formale Funktion Friedrich Merz gerade hat. Es ist ein Glück, dass er weiter in und für die Union arbeitet. Das gehört zum Kapital der Union. Und Kapital sollte man vorsichtig bewirtschaften.

Interview: Daniela Vates

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