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Norbert Röttgen (CDU) geht es nach eigener Darstellung um die Sache – und nicht um den persönlichen Vorteil. 

Parteivorsitz

Röttgen will der Erste sein

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Während sich die potenziellen Anwärter auf den Parteivorsitz noch belauern, springt der CDU-Politiker aus der Deckung und erklärt sich.

Es hätte in der CDU der Tag von Friedrich Merz sein können, aber dann stiehlt ihm Norbert Röttgen die Show. Für den Mittag ist Merz in der CDU-Zentrale mit Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer verabredet. Es ist eine Art Bewerbungsgespräch, es geht um Kramp-Karrenbauers Nachfolge. Merz ist der erste, der im Büro der Noch-Chefin vorspricht.

Am Vormittag aber setzt sich ein anderer Nordrhein-Westfale erst an den Computer und dann ans Telefon: Norbert Röttgen, 54 Jahre, Jurist aus dem Rheinland und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, hat sich entschlossen, für den CDU-Vorsitz zu kandidieren.

Röttgen schickt eine Mail an Kramp-Karrenbauer, die beiden telefonieren kurz. Um kurz nach 9 Uhr ist die Nachricht bekannt. Um 11 Uhr sitzt Röttgen im großen Saal der Bundespressekonferenz an der Spree. Er ist alleine gekommen, dunkler Anzug, blau-rote Krawatte, einen Zug von Vergnügen im Gesicht und wohlformulierte Worte auf einem Zettel.

„Es geht nicht nur um eine Personalentscheidung. Es geht um eine politische Positionierung der CDU. Es geht um die Zukunft der CDU und die christdemokratische Idee von der Zukunft unseres Landes“, sagt er. „Davon habe ich wenig gehört bisher. Darum kandidiere ich.“

Es ist die nächste Überraschung in der CDU, nach der Rückzugsankündigung von Kramp-Karrenbauer vor einer guten Woche, die Parteichefin nicht mehr sein und Kanzlerkandidatin nicht mehr werden will. Ein seltsamer Zwischenzustand ist es seither gewesen in der CDU. Intern galt das Interessentenfeld schnell als klar: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Ex-Unions-Fraktionschef Friedrich Merz wurden gehandelt, die drei also, die bisher mehr oder weniger offen Kramp-Karrenbauer Konkurrenz gemacht hatten.

Auf eine Kandidatur hatte sich keiner der drei festgelegt. Merz ließ sein Umfeld streuen, er habe Interesse. Spahn erklärte wolkig, er lasse sich in die Verantwortung nehmen. Der Landespolitiker Laschet schnappte sich ein bundespolitisches Thema und sprach auf der Münchner Sicherheitskonferenz über Europapolitik. Auf die Frage, ob er sich lieber für Düsseldorf oder Berlin entscheiden würde, wich er mit Verweis auf seine Heimatstadt aus: „Aachen.“

Die Interessenten belauerten sich. Spahn und Laschet forderten eine Teamlösung, Merz befand, auch eine Kampfkandidatur sei denkbar. In der Partei fanden die einen Merz zu polarisierend, andere Laschet zu langweilig und weitere Spahn zu unbeliebt. Die CSU warnte, sie wolle mitreden bei der Kanzlerkandidatur.

Eine schnelle Festlegung, so schien es, könnte die Niederlage bedeuten. „Es geht nicht nach dem Windhund-Prinzip“, hieß es in der CDU. Röttgen hat sich nicht daran gehalten. Er hat sich als erstes an den Start gestellt. Und darauf legt er auch Wert: „So unangenehm es mir ist“, sagt er mit diplomatischer Höflichkeit und einem leichten Lächeln, nachdem eine Journalistin ihn auf der Pressekonferenz als vierten NRW-Kandidat anspricht. „Ich bin bislang der Erste und Einzige, der seine Kandidatur erklärt hat.“ Und noch mal: „Ich bin nicht der Vierte, ich bin der Erste.“ Es ist ihm vor allem unangenehm, wenn das nicht auffällt.

Röttgen findet außerdem, dass er nicht nur der Erste ist, sondern auch der Ernsthafteste. Einer, dem es um die Sache gehe und nicht um den persönlichen Vorteil, um Karriere und Macht. Die Teamlösung, die nun so viele propagieren in der CDU, hält Röttgen für vorgeschoben. Er habe den Verdacht, dass die Team-Idee dazu diene, „die Interessen Einzelner unter einen Hut zu bringen, ohne dass es Ärger gibt“.

Dabei ist alles viel zu schwierig, findet Röttgen: die Weltlage, Europa, die USA, das Klima. Und einen Messias gebe es im Übrigen auch nicht, der das alles lösen könne. In der CDU wird mit diesem Stichwort am ehesten Merz assoziiert, der Vertreter vor allem des Wirtschaftsflügels seit Jahren in schwärmerische Zustände versetzt. Warum soll ausgerechnet Röttgen die Lösung sein für die CDU, für alle diese Probleme?

Er hat ja schon einmal als Aspirant auf eine Angela Merkel-Nachfolge gegolten. Das allerdings ist schon gut zehn Jahre her. Damals war Röttgen Bundesumweltminister und Vize-Vorsitzender der CDU. Es folgte ein jäher Absturz. Röttgen ging als Ministerpräsidenten-Kandidat der NRW-CDU in die Landtagswahl 2012 – und verlor. Er galt plötzlich nicht mehr als einer der klügsten Vertreter der liberalen CDU, sondern – auch wegen Fehlern im Wahlkampf – als eigensinnig und abgehoben. Sein Konkurrent um die NRW-Spitzenkandidatur, der in einer Mitgliederbefragung knapp gegen Röttgen verloren hatte, gewann 2017 die nächste Wahl. Sein Name: Armin Laschet.

Röttgen verlor 2012 neben der Wahl auch sein Ministeramt im Bund. Er war der einzige Minister, den Merkel entließ. Auch andere mussten gehen, zogen es aber vor, einer Entlassung durch Rückzug zuvorzukommen. Bei Röttgen hatte vor allem die CSU mit ihrem damaligen Chef Horst Seehofer Druck gemacht. Der bayerischen Schwesterpartei war Röttgen zu liberal, außerdem war er früh von der Pro-Atomkraft-Linie der Union abgewichen. Merkel brach mit einem, der ihren Mittekurs unterstützte und sich bereits zu Zeiten von Helmut Kohl als Mitglied der schwarz-grünen Pizza-Connection früh um eine Annäherung beider Parteien mühte.

Röttgen zog sich zurück und wechselte in die Außenpolitik. Es war ein neues Feld und der Ex-Minister schuf sich ganz eigene Präsenz, auch inhaltlich: Im vergangenen Jahr war er der Politiker mit den meisten Talkshow-Auftritten. In der Fraktion und auf dem Parteitag organisierte er den Widerstand gegen die Regierungslinie zur Beteiligung des chinesischen Mobilfunkausrüsters Huawei am Ausbau des deutschen Funknetzes. Röttgen sagt, die Landtagswahl vor acht Jahren sei nicht mehr relevant. Er habe aus seinen Fehlern gelernt, und die Kraft gehabt, nach dem Fallen wieder aufzustehen. Das sei „wichtig für die Übernahme von Verantwortung“. Und er hat ja auch noch ein Programm. Sechs Punkte zählt er auf, viel Mitte-Kurs, Abgrenzung nach links und rechts, etwas Klimapolitik und die Warnung vor der nächsten Flüchtlingswelle. Lange und leidenschaftlich spricht Röttgen, der Außenpolitiker, über die Kämpfe um die syrische Stadt Idlib.

Merkel aber solle im Amt bleiben, sagt Röttgen. „Wir haben sie gewählt.“ Und er würde als Parteivorsitzender schon klarkommen mit ihr „Die Zusammenarbeit ergibt sich aus der gemeinsamen Definition von Pflicht.“

Er habe sehr ermutigende Rückmeldungen bekommen auf seine Kandidatur, sagt Röttgen. Da ist es genau 12 Uhr, in der Parteizentrale beginnt das Gespräch von Merz und Kramp-Karrenbauer. Eine Stunde wird es dauern, danach wird Merz von der CDU zunächst weiter als Interessent geführt. Für eine Kandidatur braucht es etwas Schriftliches.

CDU-Spitzenleute reagieren zurückhaltend bis genervt auf den Vorstoß Röttgens. Der Partei sei „mit Bewerbungen im Wochentakt nicht geholfen“, sagt Niedersachsens CDU-Chef Bernd Althusmann. In der Parteizentrale heißt es, es sei offen, ob in der Präsidiumssitzung am Montag bereits über ein konkretes Verfahren zur Bestimmung eines neuen Parteichefs gesprochen werde.

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