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Flott, jovial, wählernah: Robert Habeck hat in den vergangenen Monaten wirksam Werbung für sich gemacht.
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Flott, jovial, wählernah: Robert Habeck hat in den vergangenen Monaten wirksam Werbung für sich gemacht.

Die Grünen

Robert Habecks Schwiegersohn-Begabung

  • Markus Decker
    VonMarkus Decker
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Robert Habeck soll neuer Vorsitzender der Grünen werden. So locker, wie er sich gibt, kann er aber längst nicht mehr sein.

Vielleicht hat das Ganze ja auch mit Erotik zu tun. Mit der Erotik der Macht sowieso. Aber auch mit der anderen, sprich der Anziehung, die auf Sinnlichkeit beruht. Das jedenfalls legen Tweets wie jener von Simone Schmollack nahe. „Soll ich Euch sagen, warum jetzt alle den Text von Robert Habeck soooo toll und sooooo neu finden?“, schrieb die Chefredakteurin der Wochenzeitung „Freitag“ kürzlich. „Weil da sooooo viel Gefühl drin steckt. Von einem MANN. Das ist sooooo irre.“

Habeck möchte zum Grünen-Vorsitzenden gewählt werden

Der 48-jährige Habeck hatte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ seine Sicht auf die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen und den vorangegangen Wahlkampf beschrieben. Der Text war in den sozialen Netzwerken tagelang geteilt und gefeiert worden. Der Königsweg zur Lösung der politischen Probleme war darin nicht zu finden, dafür allerdings Sätze wie: „Ich erlebte ein Sommerland, das sich für alles interessierte, nur nicht für Politik. Ich sah die Armut in den Bahnhöfen und saß mit müden Schichtarbeitern im Ruhrpott morgens um fünf in der S-Bahn. Ich flog von München nach Hamburg und ging an den Flughafenshops mit ihren Edelmarken vorbei, wo Wohlstand pervers wird. Ich besuchte Tierställe und streichelte die Kälber, die bald geschlachtet werden würden, und sah die Menschen bei McDonald’s Schlange stehen. In mir wurde das Gefühl immer stärker, hier passt irgendetwas nicht zusammen.“

Die Zeilen waren illustriert mit einem Foto, das Habeck vorne auf einem Schiff zeigt, die Nase im Wind. Es erinnerte an das Coverfoto seines Buches „Wer wagt, beginnt“, auf dem Schleswig-Holsteins Umweltminister an einem Strand entlangläuft, die Arme ausgebreitet. Unwillkürlich hat man das Lied von Freddy Quinn im Ohr: „Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus.“

Robert Habeck möchte am Samstag in Hannover zum neuen Vorsitzenden der rund 65 000 Grünen gewählt werden. Zwar gibt es da noch ein handfestes Problem mit der Parteisatzung. Habeck wollte „Pi mal Daumen“ parallel ein Jahr lang Minister bleiben. Eigentlich. Das sieht die Satzung nicht vor. Grüne wollen die Trennung von Amt und Mandat. Eigentlich. Führende Parteifreunde haben ihn jetzt auf eine Übergangsfrist von acht Monaten und eine entsprechende Satzungsänderung heruntergehandelt. Ob zwei Drittel der Parteitagsdelegierten dabei mitmachen, ist jedoch ungewiss. Noch ungewisser ist, was geschieht, wenn sie es nicht tun.

Außerdem gibt es da ja zwei weitere Kandidatinnen: Annalena Baerbock und Anja Piel. Sie könnten es im Prinzip auch allein. Oder es tritt schlussendlich doch der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold an – dann, wenn Habeck seine Satzungsänderung nicht kriegt und stur bleibt. So hat es Giegold in Aussicht gestellt.

Gleichwohl hoffen viele Grüne, dass das Problem mit der Satzung irgendwie gelöst wird. So oder so sind die allermeisten Augen auf den Philosophen, Schriftsteller und vierfachen Vater gerichtet, der erst 2002 scheinbar zufällig in die Partei stolperte, zwei Jahre später Landesvorsitzender wurde, 2012 Minister, sich mittlerweile zum grünen Bundeshoffnungsträger emporarbeitete – und mit normalen Maßstäben des politischen Betriebs ohnehin kaum zu fassen ist.

Am Freitag zum Beispiel war Robert Habeck auf der Grünen Woche in Berlin unterwegs. 14.15 Uhr, Halle 22. Dort präsentiert sich das Land Schleswig-Holstein, in dem der Minister nicht allein für die Umwelt, sondern auch für die Landwirtschaft zuständig ist – und damit für die Ernährung. Nahrhaftes wird in Halle 22 reichlich geboten.

Der Grüne trägt ein blaues Jackett über einem schwarzen T-Shirt, dazu eine Jeans und schwere braune Boots, die man bereits öfter an ihm gesehen hat. Aus der Gesäßtasche lugt irgendein Flyer. Mit anderen Worten: Habeck ist mal wieder sehr lässig unterwegs. Aber er kann sich diese Lässigkeit nicht mehr nur leisten. Er muss sie liefern.

Betont leger

Die Grüne Woche ist für einen Grünen eine tückische Veranstaltung. Eher kleinbürgerlich spießig als akademisch modern – und ökologisch schon gleich gar nicht. Die Leute kommen zum Essen und Trinken nicht zuletzt alkoholischer Getränke hierher. Trotzdem schmeißt Habeck sich voll rein, ein bisschen augenzwinkernd. Er weiß: Das Publikum will das. Und dann stehen da einige Journalisten in dem Pulk, die die Szene hinterher für ihre Habeck-Porträts verwenden werden, die vor dem Parteitag erscheinen sollen. So läuft das Spiel. Was soll er machen?

Habeck zieht also seine Bahn, trinkt hier ein Schnäpschen und da ein Bier. Um nicht betrunken zu werden, gießt er einem Passanten den größeren Rest seines Bieres in dessen Glas – und zwar nach einem Schnack und derart auf die joviale Tour, dass sich der Mann geehrt fühlt. Der Minister hält ein Tablett mit Wurst in die Kameras. Er lässt sich von Herren den Stand erklären, an dem er sich gerade befindet, und posiert mit Damen, von denen die meisten Kostüme tragen und eher auf eine dekorative Funktion verwiesen sind.  Ja, ziemlich chauvinistisch ist diese Grüne Woche auch.

Schließlich lässt sich Habeck in die Kunst einweisen, Crêpes zu backen. Der mit Nutella ist besonders lecker. Die kostümierte Christel Fries, die in Eckernförde Stadtführungen auf Plattdeutsch anbietet, sagt unterdessen über den Besucher: „Er ist sehr bodenständig. Er hat ein offenes Ohr. Ich würde es schade finden, wenn er uns verlässt.“ Gemeint ist: die Landesregierung und damit Kiel verlässt und in die Bundespolitik gen Berlin weiterzieht.

Die drei Stunden verraten einiges über Habecks Aufstieg. Er kann mit den Leuten. Und er kann durch seine Schwiegersohn-Begabung Milieugrenzen überspringen. Das können viele andere Grüne nicht. Manche wollen es auch gar nicht. Weil aber selbst diese Grünen wissen, dass sie einen wie Habeck brauchen, um Erfolg zu haben, kann er es überhaupt wagen, eine Satzungsänderung zur Bedingung seiner Wahl zu machen. Jeder andere könnte sich das abschminken. Der Kandidat, so heißt es zudem parteiintern, habe noch im Januar im Kreise jener 14 grünen Spitzenvertreter, die Jamaika sondierten, erklärt, sein Nachfolger in Schleswig-Holstein stehe längst fest.

Es handele sich um eine hochrangige Persönlichkeit, die das Ministeramt im Norden nicht früher antreten könne. Nach außen kommuniziert wurde dies bisher nicht. Die Folge ist, dass Habecks Ansinnen auf viele wie eine eitle Erpressung wirkt. In diesem Eindruck steckt die eigentliche Gefahr.

Drei Tage nach der Grünen Woche folgt Hamburg. Dort warten am Montag um 18.30 Uhr im fünften Stock der GLS-Bank vielleicht 200 Parteimitglieder, um die Kandidatinnen und Kandidaten für den Parteivorsitz zu sehen und zu hören. Der Saal ist ringsum verglast und voll. Alle sind pünktlich, nur Habeck nicht. Irgendeine Verspätung mit dem Zug.

Auch hier tritt der Kandidat betont leger auf. Er entledigt sich seines Anoraks, seines Jacketts und seiner Umhängetasche und setzt sich in Hemd und Jeans auf einen der Stühle in der Mitte, neben ihm Baerbock und Piel. Die Moderatorin sagt: „Robert fällt aus dem Rahmen. Du fängst nicht mit A an. Wir haben Dich trotzdem gern.“ Die drei sollen auf Flipcharts ihre grüne Vision für die nächsten fünf Jahre malen. Habeck malt mit rotem Stift ein Fußballfeld. So typisch Mann ist er dann doch. Und dann malt er ein paar grüne Männchen, die von außerhalb auf das Feld laufen – und zwischen Mittellinie und 16-Meter-Raum auf das Tor zuzustürmen scheinen.

Äußerlich bleibt Habeck unkonventionell

Die Botschaft ist sehr klar und sehr einfach: Der womöglich nächste Vorsitzende will, dass sich seine Partei mitten hineinbegibt in die Gesellschaft. Er will keine Besserwisserriege anführen, die am Rande steht und gute Ratschläge erteilt. „Man muss sich für den Kompromiss nicht verstellen“, sagt er in Hamburg. „Auch die radikalste grüne Position muss sich irgendwann in der Wirklichkeit einlösen.“ Überdies müsse man nicht auf jede Frage gleich eine Antwort geben. Und das Gefühl einer gewissen moralischen Überlegenheit – nein, das, so Habeck, „brauchen wir nicht mehr. Das macht uns eher noch klein.“ Bemerkenswert ist, was der Flensburger an dieser Stelle zur Grünen Woche sagt – „dass da eine Woche lang Alkohol getrunken“ werde und despektierliche Sprüche über Frauen an der Tagesordnung seien. Er habe im Gegensatz dazu „kein Problem damit, zu sagen, dass auch Männer Feministen sein müssen“.

In der Summe spiegeln beide Auftritte, was den Emporkömmling ausmacht. Äußerlich bleibt er unkonventionell. Und das, weil er das Hochseil mag, die Extrawurst liebt und das Publikum das Unkonventionelle goutiert, ja regelrecht sucht. Politische Erneuerer liegen derzeit ja sowieso schwer im Trend. Habeck wirkt dadurch auch irgendwie links. Er ist indes so wenig links, wie Amtsinhaber Cem Özdemir es ist, dem er bei der Urabstimmung über die Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl mit lediglich 75 Stimmen Abstand unterlag. Habeck will ins Zentrum. Und eine Koalition mit CDU und FDP wie in Schleswig-Holstein scheint allemal besser zum etwaigen Parteichef zu passen als ein Linksbündnis mit Sahra Wagenknecht und Martin Schulz, wie es das aktuelle Cover des „Spiegel“ insinuiert.

In der Mischung aus linkem Habitus und realpolitischem Kern ähnelt Robert Habeck dem einstigen informellen Grünen-Chef Joschka Fischer – mit dem Unterschied, dass Habeck nicht so autoritär ist wie dieser und seinen Erfolg nicht zur Schau stellen würde, indem er sich in einen Dreiteiler zwängt. Das wiederum bedeutet nicht, dass Habeck nicht machtbewusst wäre. Das ist er durchaus. Das Pochen auf eine Satzungsänderung wird geradezu als Machtdemonstration verstanden, der weitere Machtdemonstrationen folgen könnten.

Nach dem Rundgang über die Grüne Woche und dem letzten von ihm selbst gezapften Bier nimmt Habeck sich noch fünf Minuten Zeit für die Journalisten und signalisiert dabei, dass hinter der Satzungssache aus seiner Sicht nichts weiter stecke. Die Botschaft: alles halb so wild. Auf die Frage, ob er Angst habe, mit überzogenen Erwartungen konfrontiert zu werden, antwortet er deutlich präziser und sagt sehr bestimmt bloß ein Wort: „Ja.“

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