Auf Sommertour: Grünen-Chef Robert Habeck.
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Auf Sommertour: Grünen-Chef Robert Habeck.

Grüne

Robert Habeck will Mut machen

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Der Vorsitzende der Grünen will auf seiner Sommerreise eine Botschaft unter die Leute bringen.

Siegfried Bogner hat den prominenten Gast aus Berlin nicht gleich erkannt. „Wann kommt denn der Habeck?“, fragt der ältere Herr mit dem grauen T-Shirt und den spärlichen Barthaaren, als er im Leipziger Lene-Voigt-Park auf vier andere Herren trifft. Drei von ihnen müssen unwillkürlich lachen. Der Vierte in der Gruppe ist nämlich Robert Habeck höchstpersönlich. Bogner und ihn trennt gerade mal ein Meter. Er ist also längst da, „der Habeck“.

Habeck ist meist unprätentiös

Den Vorsitzenden der Grünen kümmert es nicht, dass er nicht sofort erkannt wird. Er ist meist unprätentiös. Ohnehin ist der 48-Jährige nach Leipzig gekommen, um zuzuhören. Der Osten ist ein Terrain, das er sich erst noch erarbeiten muss. In dem Jahr, in dem die Mauer fiel, machte Habeck gerade Abitur. Und zwischen seinem Wohnort Flensburg und Leipzig liegen immerhin rund 550 Kilometer.

Bis zum Januar dieses Jahres war Habeck ja in erster Linie Umwelt- und Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein und damit Landespolitiker. Sicher, er hatte sich um die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl beworben und scheiterte nur knapp an seinem Vorgänger Cem Özdemir, der ihn seinerseits für einen geeigneten Nachfolger hielt. Habeck warf denn auch seinen Hut in den Ring und wurde beim Parteitag von Hannover in den Sattel gehoben. Erst im Spätsommer aber räumt er in Kiel endgültig das Feld. Und das bedeutet: Die Zeit, in der er sich voll auf das Parteiamt konzentrieren kann, beginnt erst noch.

Im Frühjahr haben Habeck und seine Co-Vorsitzende Annalena Baerbock den Startschuss für die Erarbeitung eines neuen Grundsatzprogramms gegeben. Das soll ihr Baby werden. Im Herbst warten in Bayern und Hessen die ersten Landtagswahlen, deren Ergebnisse auch mit dem neuen Duo an der Spitze verbunden werden. 2019 folgen die Europawahl und drei bedeutende Wahlen im Osten der Republik – in Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Nach Leipzig zu kommen, liegt daher nahe.

Habecks Ausflug beginnt in der Nikolaikirche

Habecks Ausflug beginnt rund einen Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt – in der berühmten Nikolaikirche. Dem schließt sich die Gedenkstätte „Runde Ecke“ an; dort saß früher die Staatssicherheit. Endpunkt dieses ersten Teils ist das „Haus der Demokratie“ im Stadtteil Connewitz, in dem neben zivilgesellschaftlichen Initiativen von heute das „Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.“ untergebracht ist. Der mit Jeans, Oberhemd und Sneakers wie stets lässig gekleidete Philosoph will an die 1989er-Tradition der Stadt anknüpfen. Dazwischen geht er zu Fuß durch die Hitze, fährt mit dem Bus und zieht für sich und seinen Tross auch schon mal die Fahrkarten aus einem Automaten.

Der Termin beim Archiv der Bürgerbewegung wird unversehens hochpolitisch und entspricht dem der Nationalhymne entliehenen Motto der Reise „Des Glückes Unterpfand“, in dessen Zentrum zeitgeschichtliche Orte stehen, bei denen es um Vergangenheit und Zukunft der Demokratie geht. Dazu zählt Leipzig, eine der Austragungsstätten der friedlichen Revolution, zweifellos.

Wie immer bei derartigen Terminen beginnt es mit einem Abtasten. Die Gastgeber, allen voran Vereinschef Uwe Schwabe, stellen sich vor. Der Gast bekommt zum Schutz weiße Handschuhe gereicht und hält bald darauf Plakate aus Wende-Zeiten in Händen, die sich um Umweltfragen drehen. Er sagt: „Danke, dass ihr Euch die Zeit nehmt.“ Als die vielleicht 25 Leute – Grüne, ehemalige Dissidenten und ein paar Journalisten – zwischen hohen Bücherregalen Platz genommen haben, kommt Habeck zum Kern seines Anliegens. „Wo ist das Selbstbewusstsein eurer Bilder geblieben?“, fragt er. Schließlich spüre man „eure Energie“ noch 29 Jahre später.

Die Anwesenden verstehen, was gemeint ist. Der Grüne will wissen, warum von dem gesellschaftlichen und politischen Enthusiasmus der 89er-Tage im Jahr 2018 so wenig übrig geblieben zu sein scheint – und warum es so weit hat kommen können, dass AfD und Pegida „1989 in ihr Programm reinkopieren“, etwa mit der Parole: „Wir sind das Volk.“

Das ist fürwahr eine große Frage. Man sieht die Köpfe rauchen. Und man hört vielfältige Antworten. „Ich weiß gar nicht, an wie vielen Runden Tischen ich gesessen habe“, sagt eine Frau. „Und im März war ich platt.“ Im März 1990 fand bekanntlich die erste freie Volkskammerwahl statt. Männer am Tisch klagen, dass sich nach dem Umsturz „alles zerfasert“ habe und „jeder seinen eigenen Interessen nachgegangen“ sei, und stellen fest: „Wir waren dafür zuständig, die Fesseln zu durchschneiden. Für den Wohlstand war der Westen zuständig.“

Auch Widersprüchliches kommt zur Sprache. So findet eine Frau, dass es in der DDR „immer eine rechte Kultur gegeben“ habe und es gerade in den ländlichen Regionen Sachsens mit Blick auf die AfD „nicht gut“ aussehe. Eine andere Frau findet hingegen, und erntet dafür sofort auffälliges Schweigen oder direkten Widerspruch, dass die Grünen sogar mit der AfD zusammen arbeiten sollten. Da gebe es „so gute Leute“.

Habeck sagt: „Das Gespräch hat mich schlauer gemacht. Danke.“ Zugleich animiert er die Anwesenden zu einer „offensiven Erzählung von 1989“. Der Appell hier wie an anderen Orten der Reise lautet: Lasst euch eure Geschichte(n) nicht wegnehmen. Seid mutig. Seid zuversichtlich. Die Botschaft kommt an. Ein früherer Pfarrer sagt: „Wir haben es schon mal geschafft.“ Die Begegnung endet mit beifälligem Tischklopfen.

In demselben Gebäude beehrt Habeck noch die Redaktion der Leipziger Internet-Zeitung. Er sagt, er sei der Typ mit der Bierflasche und nicht der Typ mit dem Sektglas. Im Übrigen seien seine vier Söhne jetzt in einem Alter, dass sie „ihr Ding“ machen könnten. „Das erlaubt es mir, mein Ding zu machen.“ Die Klamotten, das Bier und die Sprache sind Programm. Hier will einer nahbar sein. Auf den Plakaten steht nicht zufällig: „Robert kommt!“

Habeck lauscht

Auf dem Rücksitz eines Kleinwagens, in dem der Chef von zwei Parteifreunden flankiert wird, kutschieren sie ihn durch die brütende Stadt zum nächsten Termin in den Lene-Voigt-Park, wo Siegfried Bogner auf „den Habeck“ wartet. Die Parteifreunde erzählen diesem Habeck unterwegs, was es bedeutet, wenn die Eigentumswohnungen einer ostdeutschen Stadt überwiegend Westdeutschen gehören, und dass es Bürger gibt, die bei der Bundestagswahl mit der Erststimme grün und mit der Zweitstimme AfD gewählt haben. Habeck lauscht und merkt vermutlich: Der Osten ist unverändert anders.

Im Park liegen junge Menschen auf Decken, die sie über einem vertrockneten Rasen ausgebreitet haben. Es ist schon 18 Uhr. Doch die Sonne knallt noch immer. Es gibt Fruchtsäfte, Bier und gegrillte Maiskolben. Decken, Sonnenschirme und das Stehpult, an dem Habeck Aufstellung genommen hat, sind grün. Geplant ist eine Townhall-Veranstaltung. Die beginnen nicht mit einer großen Rede, sondern mit Fragen.

Die Fragen sind bunt. Sie zielen auf Flüchtlinge, hohe Mieten, Schikanen von Zeitarbeitsfirmen oder das bedingungslose Grundeinkommen. Beim Thema Zeitarbeit wird Habeck grundsätzlich. Er sagt, es gehe anders als bei der Einführung der Agenda 2010 heute nicht mehr darum, Jobs zu schaffen. Heute gehe es darum, „wie Menschen, die arbeiten, ihre Würde behalten“. Besonders leidenschaftlich wird der Grüne bei der Landwirtschaftspolitik. Da kann er aus dem Vollen schöpfen. Und da hören ihm Menschen stets am aufmerksamsten zu. Nicht allein in Leipzig.

Habeck zitiert Max Frisch

Schließlich wird Habecks grundsätzliche Vorstellung von Politik deutlich – nachdem ein Mitstreiter namens Malte erklärt hatte, es gebe in der Politik nicht bloß eine Wahrheit, sondern meist mehrere. Daraufhin sagt der Sommerreisende, in der Politik gehe es überhaupt nicht um Wahrheiten, sondern um Argumente. Und dabei könne es aus grüner Sicht wie prinzipiell durchaus nützlich sein, mal einen Schritt zurück zu treten – um nicht immer nur die zu erreichen, die ohnehin dergleichen Meinung seien, sondern eben auch andere.

Zum Schluss zitiert Robert Habeck den Schriftsteller Max Frisch, der gesagt habe, man solle dem anderen die Wahrheit „nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen“, sondern „wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann“. Dann entlässt der Obergrüne das Publikum in die heiße Nacht.

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