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Abgesägt: Norbert Röttgen.
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Abgesägt: Norbert Röttgen.

Röttgen-Rauswurf

Riss in der Freundschaft

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Der geschasste Umweltminister Röttgen und sein Nachfolger Altmaier waren einmal dicke Freunde - bis Röttgen aufhörte auf die Ratschläge seines alten Weggefährten zu hören.

Der geschasste Umweltminister Röttgen und sein Nachfolger Altmaier waren einmal dicke Freunde - bis Röttgen aufhörte auf die Ratschläge seines alten Weggefährten zu hören.

Wolfgang Bosbach, wahrlich kein Freund des Bundesumweltministers, reagierte gestern wie so oft als einer der ersten.  „Wenn jemand am Boden liegt, muss man nicht noch drauf treten“, sagte er. Bosbach zeigte sich „überrascht über das Ausmaß der persönlichen Angriffe“ gegen Norbert Röttgen. „So etwas geht nicht spurlos an einem vorüber.“ Trotzdem habe er mit dem Rausschmiss nicht gerechnet. Da waren die Meldungen über die Demission des 46-Jährigen erst wenige Minuten alt. Der Rausschmiss wirkte noch wie ein Rücktritt.

Kurz darauf funkten die Nachrichtenagenturen weitere Eilmeldungen. Röttgen, so hieß es, werde von Peter Altmaier abgelöst, dem wenige Jahre älteren Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Diese Meldung gibt dem Drama um den am Sonntag so gnadenlos gescheiterten CDU-Spitzenkandidaten bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl eine zusätzliche, ja eine fast tragische Dimension, die sich nur dem voll erschließt, der die beiden und ihr Verhältnis kennt.

Vernichtende Pleite

Röttgens Pleite an Rhein und Ruhr – das wussten alle – war derart vernichtend, dass sie nicht ohne Rückwirkungen auf sein Berliner Wirken bleiben würde. Er hat in Berlin viele Gegner, ja Feinde. Mit der selbst propagierten Energiewende hat der lange Zeit so aufstrebende CDU-Politiker überdies eine Herkulesaufgabe vor sich, deren Größe vielfach unterschätzt wird. Vor allem der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer attackierte Röttgen zuletzt vehement, etwa als er ätzte, er habe die guten Werte der NRW-CDU in wenigen Wochen schmelzen lassen wie einen Eisbecher in der Sonne – durch die Weigerung, sich rechtzeitig und ganz der Aufgabe in Düsseldorf zu verschreiben.

Einerseits ärgerten sich viele über Seehofers Nachkarten. Andererseits zweifelt niemand, dass der Bayer bloß aussprach, was nahezu alle im Unionslager dachten. Es war denn auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), ein erklärter Röttgen-Freund, der diagnostizierte, dieser werde mit Schrammen in die Hauptstadt zurückkehren. Nun hat Kanzlerin Angela Merkel den Minister von seinen Aufgaben entbunden. Ja, sie hat ihn nach der gestrigen Kabinettssitzung zu sich gebeten und ihn –für ihre Verhältnisse – achtkantig rausgeschmissen. Niemand weiß, ob Röttgens politische Karriere damit nicht ein für alle Mal beendet ist.

Dass Altmaier ihm nachfolgt, ist – wie soll man es anders sagen? – ein Hammer. Denn die beiden sind seit ungefähr zwei Jahrzehnten Freunde. Nicht Parteifreunde. Sondern richtige Freunde. Dicke Freunde. Sie rückten 1994 gemeinsam in den Bundestag ein. Sie löckten wider den Stachel bei Altkanzler Helmut Kohl. Sie stiegen gemeinsam auf – wobei Röttgen steiler aufstieg der Saarländer. Als der das Amt des Fraktionsgeschäftsführers abgab und Umweltminister wurde, wurde Altmaier sein Nachfolger. An ihrer Freundschaft hat das nichts geändert. Röttgen nannte den Kumpel gern liebevoll „Altmaierchen“.

Röttgen und die Selbstüberschätzung

Der erste Haarriss wurde 2010 sichtbar, als Röttgen CDU-Landesvorsitzender werden wollte. Altmaier riet ihm ab, weil er der Meinung war, sein Freund sei Bundespolitiker und sonst gar nichts und habe darum in der Provinz nichts zu suchen. Röttgen hörte nicht auf ihn – mit dem bekannten Ergebnis. Als die Entscheidung für Neuwahlen gefallen war, riet Altmaier dem Freund ein zweites Mal, nämlich: keine halben Sachen zu machen. Röttgen gab zurück, die Wahl könne sich doch unmöglich an der Frage entscheiden, ob er nachher nach Düsseldorf gehe oder nicht. Das sei doch zweitrangig. Röttgen, der volksferne Intellektuelle, irrte erneut. Und er machte mit Altmaier, was er mit so vielen machte, die nicht seiner Meinung waren: Er reduzierte den Kontakt. Dabei ist zwischen den beiden langsam, aber sicher etwas kaputt gegangen.

Dass der korpulente, doch überaus freundliche Altmaier, der gern sagte, aus ihm werde nichts, weil er nicht so gut aussehe wie Karl-Theodor zu Guttenberg – dass er abermals das Erbe des ebenso schlanken wie gut aussehenden Röttgen antritt, der an Selbstüberschätzung litt: das ist der Schlusspunkt einer politischen Geschichte, die so in Berlin noch nicht geschrieben worden ist.

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