Nur noch per Schutzanzug in den Pekinger Corona-Markt.
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Nur noch per Schutzanzug in den Pekinger Corona-Markt.

China

Risiko Mutation

  • vonDaniel Killy
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Die ersten Vermutungen aus Peking bestätigen sich: Das auf dem Xinfadi-Markt entdeckte Coronavirus hat sich verändert. Das kann ein Vorteil sein - aber auch eine Gefahr.

Das neu entdeckte Virus im Pekinger Lebensmittelgroßmarkt Xinfadi ist offenbar eine Mutation. Aber was genau bedeutet das? Eine Erklärung liefert die Hermann-von-Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e. V. in ihrem Corona-Glossar: „Mutationen sind Veränderungen im Erbgut, die ständig bei jedem Lebewesen und bei jeder Zellteilung ablaufen. Auch Viren können mutieren. In einer neuen Umgebung kann sich das Virus oft nicht sehr gut vermehren und ausbreiten. Vorteilhafte Mutationen können jedoch die Ausbreitung beschleunigen.“

Virusmutationen sind also normal. Ein bekanntes Beispiel sind die sogenannten Grippeviren. Teile ihres Genoms verändern sich fortwährend – sogar saisonal, weshalb auch Grippeimpfstoffe häufig angepasst werden müssen.

Auch neue Viren mutieren – im Falle von Sars-CoV-2 traten diese genetischen Veränderungen bereits seit den ersten Infektionen auf. Die bisher entdeckten Mutationen deuten laut einem Bericht in Infection, Genetics and Evolution (2020; DOI: 10.1016/j.meegid.2020.104351) auf eine rasche Anpassung an den neuen Wirt hin.

Das allerdings kann unter Umständen auch eine gute Botschaft sein, wie der Berliner Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast anhand einer Studie aus England erläutert. Mutationen sind demnach nichts anderes als Weiterentwicklungen – Anpassungen an den neuen Wirt, eben den Menschen, so „dass das Virus eine bessere Aussicht auf eine Optimierung auf den Menschen hat auf lange Sicht“, wie es Drosten formuliert.

Für den Wissenschaftler kann eine Mutation unter Umständen vor Vorteil sein. Denn durch eine solche Anpassung könne sich das Coronavirus „noch besser in der Nase replizieren und auch besser übertragen werden. Aber in der Nase werden wir nicht allzu krank davon. Das heißt, das Ganze wird auf lange Sicht zu einem Schnupfen, der sich für die Lunge gar nicht mehr interessiert. So etwas könnte passieren.“ Dann würden die Virusepidemien mit der Zeit harmloser.

Es gibt aber auch ein anderes Szenario: „Im anderen Fall, wenn das Virus in seiner Evolution das allgemeine Replikationsniveau steigert, dann haut das überall so richtig rein – in der Nase, aber auch in der Lunge. Und wir fühlen uns dann schneller krank oder viel mehr Menschen fühlen sich krank. Und unter dem Wissen, dass hier eine gefährliche Infektionskrankheit umgeht, werden wir dann ja auch eher zu Hause bleiben und weniger Patienten in der nächsten Generation infizieren. Und das wäre für das Virus ein Nachteil.“

Drosten führt weiter aus, zwar könne sich das Virus auch weiterhin in den Schleimhäuten der Lunge festsetzen, doch dadurch fühle sich der individuell betroffene Patient dann wesentlich kränker als mit einem gewöhnlichen Schnupfen – bleibe folglich zu Hause und vermeide dadurch eine weitere Übertragung. So könne sich das Virus nicht mehr so gut verbreiten.

„Also, wie wir es drehen und wenden: Das wird in jedem Fall harmloser werden, schon alleine durch die Bevölkerungsimmunität. Aber vielleicht spielt eben auch die Evolution noch eine Rolle dabei“, sagte Drosten.

Grundsätzlich sei die Gefahr einer Virusmutation nie gebannt – besonders nicht bei nahendem Winter, wenn es durch Hitze und starke Sonneneinstrahlung nicht mehr behindert werde, so Drosten. „Es kann sicherlich optimiert werden durch die Evolution – das macht mir schon ein bisschen Angst. Und wie das dann aussieht, ob es tödlicher wird – wir wissen es nicht. Ich will auch nicht den Teufel an die Wand malen, aber man vermutet ja, dass so etwas auch bei der Spanischen Grippe 1918 passiert ist: dass das Virus gen Winter mutierte.“

Die sogenannte Spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1920 in drei Wellen rund 50 Millionen Opfer und damit weit mehr als der Erste Weltkrieg (17 Millionen). Das Influenza-A-Virus H1N1, das die Spanische Grippe auslöste, tauchte unter anderem in einer Mutation in Nordamerika 2009/2010 wieder auf und verursachte die als „Schweinegrippe“ bekannte Pandemie.

Virusmutationen – und hier ganz speziell diejenigen des Sars-CoV-2 – sind, wie alle dynamischen wissenschaftlichen Entwicklungen, also eine Frage des Sowohl-als-auch. Eine 100-prozentige Antwort auf deren Gefährlichkeit gibt es nicht, nur Erfahrungswerte, die hochgerechnet werden. In einer früheren Ausgabe seines Podcast machte Drosten allerdings in einem Punkt Mut: Die Mutationen von Sars-CoV-2 wären wohl nicht so stark, als dass sie die Entwicklung eines Impfstoffes gefährdeten. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass in diesem Fall hier ein Impfstoff, den wir heute machen, auch in anderthalb Jahren noch der richtige Impfstoff ist. Ich glaube nicht, dass das Virus sich in dieser Zeit hinsichtlich von Eigenschaften, die seine Impfempfindlichkeit angehen, wirklich ändern wird. Das müssen wir hier nicht erwarten.“

In China nimmt man die jüngsten Ereignisse sehr ernst. Wie die nationale Gesundheitsbehörde am Montag mitteilte, registrierte sie 49 neue Infektionen, darunter zehn „importierte“ Fälle mit Sars-CoV-2 bei Reisenden und 39 lokale Ansteckungen. Am Samstag waren 36 neue Corona-Fälle gemeldet worden. Nach Angaben von Chinas nationaler Gesundheitskommission seien am Freitag sechs und am Donnerstag eine Neuinfektion registriert worden – nachdem Peking offiziellen Verlautbarungen zufolge in 50 Tagen zuvor frei von Neuansteckungen geblieben war.

Nach einem Bericht der BBC wurde der betroffene Lebensmittelmarkt abgeriegelt. Insgesamt sind 21 Stadtteile in der Nähe des Marktes von neuen Restriktionen betroffen.

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