+
Die Alten bleiben in Quarantäne, die Jungen dürfen wieder ins Leben?

Coronavirus

Ringen um den richtigen Ausstieg

  • schließen
  • Markus Decker
    Markus Decker
    schließen

In der Debatte über das Ende des Ausnahmezustands wird zunehmend gefordert, vor allem Ältere zu isolieren. Doch das stößt auf Widerstand.

Bevor das Virus nach Deutschland kam, hatte Ingeborg Fischer* ein großes Geburtstagsfest geplant, eine Gaststätte gemietet, alle ihre Geschwister, Kinder, Enkel und Urenkel sollten samt Familie anreisen, schließlich wird man nur einmal 90 Jahre alt. Als das Virus kam, sagte sie das Fest ab, wollte vielleicht zu Hause feiern – aber als an diesem Montag nun der Geburtstag war, verbrachte Ingeborg Fischer ihn allein.

„Da müssen wir jetzt einfach mal durch“, sagt sie am Telefon. Seit zwei Hüft-OPs ist sie wieder bestens zu Fuß, aber auf Hilfe angewiesen, beim Haarewaschen und Putzen zum Beispiel. Das übernimmt eigentlich die Familie, aber zum täglichen Ablegen der Thrombosestrümpfe und zur schnellen Gesundheitskontrolle kommt ein Pflegedienst – und der muss vermeiden, eine mögliche Infektion von einem Kunden zum nächsten zu tragen. „Ich musste unterschreiben, niemanden in die Wohnung zu lassen, der im Ausland war oder selbst anfällig ist“, erzählt sie, und auf ihre Söhne trifft das zu. So sind die wechselnden Pfleger mit Mundschutz und Gummihandschuhen, die sich fünf Minuten bei ihr aufhalten, derzeit ihre einzigen direkten Kontakte von Angesicht zu Angesicht.

Im Moment hofft Fischer darauf, dass sich die Lage entspannt. Auf die Idee, dass das Leben draußen bald wieder normal weitergeht, sie aber weiter allein in der Wohnung sitzt, ist sie allerdings bislang nicht gekommen. „Manche Fragen stelle ich lieber nicht, sonst kriege ich nur eine Antwort, die mir nicht gefällt“, sagt sie. Genauso könnte es kommen.

Die vergangenen Tage waren beherrscht von Versuchen der Politik, die Verbreitung des Virus zu bremsen und gleichzeitig Rettungspakete auf den Weg zu bringen. Doch inzwischen wird der Ruf derjenigen lauter, die angesichts der massiven Probleme, die der Stillstand mit sich bringt, ein Ausstiegsszenario fordern.

Es war Ärztepräsident Klaus Reinhardt, der sich schon in der vergangenen Woche im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland mit einer Mahnung zu Wort gemeldet hatte. „Die jetzigen Einschränkungen hält unsere Gesellschaft nicht ewig durch“, warnte er. Und er war auch der Erste, der andeutete, wie es weitergehen könnte: „Wichtig ist, dass wir Risikogruppen isolieren, dann können wir durch eine langsame und kontrollierte weitere Ausbreitung in der jüngeren Bevölkerung einen Durchseuchungsgrad erreichen, der die Epidemie zum Ende bringt.“

Inzwischen ist dieser Vorschlag auch in der Politik angekommen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekräftige am Mittwoch, nach Ostern werde die Regierung zusammen mit den Ministerpräsidenten der Länder Ausstiegskonzepte besprechen. „Es wird auch eine Zeit nach Corona geben. Es wird eine Zeit geben, in der wir noch gegen das Virus kämpfen, aber in der sich das Leben wieder schrittweise normalisiert“, sagte er. Die Frage laute dann: Wie könne man Ältere, Hochbetagte und chronisch Kranke dennoch schützen?

Die Alten bleiben in Quarantäne, die Jungen dürfen wieder ins Leben? Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer formulierte es so: die Risikogruppen „aus dem Alltag nehmen“ und die Jüngeren „kontrolliert wieder in den Produktionsprozess“ integrieren. Doch das löste umgehend Widerspruch aus. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast sprach von einem unsinnigen Vorschlag. „Knapp 18 Millionen Menschen kann man nicht kasernieren, ohne Kontakt zu Jüngeren zu haben“, sagte sie. Auch Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ging auf Distanz: „Wir kommen nur gemeinsam aus der Krise, nicht mit einem gespaltenen Land.“ Christian Drosten, der bekannte Virologe an der Berliner Charité, sagte schlicht und ergreifend: „Die Idee, dass man nur Risikogruppen isoliert, funktioniert nicht.“

Sozialverbände äußerten sich ebenfalls ablehnend. „Auch ältere Menschen über 70 müssen einkaufen, mit dem Hund Gassi gehen und sich an der frischen Luft bewegen, wenn sich alle an die Regeln halten“, sagte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele. „Ausgangssperren für Ältere sind deshalb das falsche Mittel.“ Ähnlich reagierte der Präsident des Bundesverbands Volkssolidarität, Wolfram Friedersdorff. „Die soziale Isolierung der älteren Mitmenschen würde nicht nur die Ausgrenzung und Einsamkeit der Betroffenen verstärken, sondern auch gesundheitliche Probleme verursachen.“ Man brauche vielmehr „soziale Verbundenheit“.

Ist eine Isolation von älteren Menschen aber überhaupt auszuhalten? Viele Pflegeheime haben schon seit Mitte März für Besucher geschlossen und konnten erste Erfahrungen sammeln. Die Leiterin eines Heims in Monheim am Rhein berichtete, sie habe zunächst die Angebote für die Bewohner verändert. So würden zum Beispiel Informationsabende organisiert. Denn: „Unsere Gäste schauen ja auch Fernsehen, das erzeugt natürlich auch riesige Ängste, über die die Menschen sprechen wollen.“

Gleich nach dem Beschluss zur Isolation wurde außerdem ein Tablet angeschafft, wie die Heimleiterin weiter erzählte. „Damit können die Bewohner jetzt mit ihren Angehörigen skypen“. Davon werde auch rege Gebrauch gemacht. Sie hoffe, so die Heimleiterin, dass das erst einmal ausreiche, damit keine Einsamkeit aufkomme.

Aber was passiert, wenn das „erst einmal“ nicht Tage dauert, sondern noch Monate? (mit ani/cle)

*Name von der Redaktion geändert

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion