CIA riet angeblich schon früher von Uran-Vorwurf ab

Geheimdienstchef Tenet ließ im Oktober 2002 Anschuldigungen gegen Irak aus einer Präsidentenrede streichen

Von Dietmar Ostermann

WASHINGTON, 13. Juli. Schon drei Monate, bevor Bush im Januar in seiner Rede zur Lage der Nation die angeblichen Uran-Kaufpläne Iraks erwähnt hatte, soll Tenet das Weiße Haus über Zweifel an der Stichhaltigkeit der Vorwürfe informiert haben. Anfang Oktober habe Tenet den Stellvertreter von Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, Stephen Hadley, persönlich davor gewarnt, die Uran-Vorwürfe in einer bevorstehenden Rede des Präsidenten in Cincinnati zu erwähnen, meldeten am Wochenende mehrere US-Zeitungen unter Berufung auf ranghohe Regierungskreise. Die entsprechende Passage wurde daraufhin im Oktober aus dem Manuskript gestrichen.

Warum der umstrittene Vorwurf im Januar in der traditionell wichtigen Rede zur Lage der Nation wieder auftauchte, ist unklar. Anfang voriger Woche hatte die US-Regierung eingeräumt, dass der Vorwurf auf gefälschten Dokumenten basierte. Bush und Rice hatten dann mit dem Hinweis, die CIA habe die Rede abgesegnet, indirekt den Geheimdienst verantwortlich gemacht. CIA-Direktor Tenet hatte am Freitag in einer Erklärung die Verantwortung für den "Zustimmungsprozess in meiner Agentur" übernommen.

Mit der Formulierung stellte Tenet indes klar, dass die CIA im Januar zwar keinen Einspruch gegen das Redemanuskript eingelegt hatte, aber auch keineswegs die treibende Kraft war bei der Wiederbelebung der in Geheimdienstkreisen lange umstrittenen Uran-Geschichte. Angeblich ist man bei der CIA verärgert, jetzt für den Vorfall allein verantwortlich gemacht zu werden. So werden hinter der jetzt anonym bekannt gemachten Warnung Tenets ans Weiße Haus im Oktober CIA-Quellen vermutet. Im Weißen Haus hatte es zuvor stets geheißen, der Präsident und seine Spitzenberater seien über die Zweifel der Geheimdienste nie informiert worden.

In seiner Erklärung hatte Tenet vorige Woche auch darauf hingewiesen, dass auf Drängen der CIA im Januar die Uran-Passage in der Rede zur Lage der Nation zumindest geändert worden sei. Man habe schließlich einer Formulierung zugestimmt, in der die Vorwürfe der britischen Regierung zugeschrieben wurden. Dies sei zwar "faktisch korrekt" gewesen, da London zuvor ein entsprechendes Dossier veröffentlicht habe, entspreche aber nicht den Standards einer Präsidentenrede.

Im Weißen Haus will man sich an den genauen Hergang nicht mehr erinnern können. Laut Washington Post gibt Bushs Chefredenschreiber Michael Gerson an, nicht mehr zu wissen, wie der Vorwurf in das Redemanuskript gelangt ist. In US-Medien wird spekuliert, dass vor allem Vizepräsident Dick Cheney seit langem darauf gedrängt hatte, Iraks angebliches Atomwaffenprogramm in der Öffentlichkeit zu einem der zentralen Argumente für einen Krieg zu machen. Im März hatte Cheney den abenteuerlichen Vorwurf erhoben, Irak habe Atomwaffen.

Nachdem Tenet die Verantwortung für den Vorfall übernommen hatte, hatte Bush dem CIA-Direktor am Samstag sein volles Vertrauen ausgesprochen und die Sache damit für erledigt erklärt.

ossier: Irak nach dem Krieg

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