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Oskar Gröning, Buchhalter des Todes.

SS-Mann

Die Reue des "kleinen Unteroffiziers"

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Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning bittet Auschwitz-Überlebende um Vergebung, aber wer genau zuhört, nimmt ihm das nicht ab.

Der Satz, der am besten beschreibt, wie der frühere SS-Mann Oskar Gröning, angeklagt wegen Beihilfe zur Ermordung von 300.000 Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, heute, 71 Jahre später, seine Schuld bewertet, lautet: „Ich bin ein armer, kleiner Unteroffizier gewesen.“

Das ist einerseits gelogen, denn Gröning, der zu einer „zackigen“ Truppe wollte und sich freiwillig zur SS gemeldet hatte, war damals Unterscharführer, was dem Unteroffiziersrang entspricht, aber eben ein Rang des elitären schwarzen Korps war. Andererseits macht der Satz klar, dass an den 27 von der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Lüneburg angesetzten Prozesstagen über einen Angeklagten verhandelt wird, der zwar schon vor Jahrzehnten gestanden hat, Gepäck und Geld der 1944 nach Auschwitz deportierten ungarischen Juden eingesammelt zu haben – von den 425.000 Juden wurden mehr als 300.000 vergast –, aber bestreitet, damit strafrechtliche Schuld auf sich geladen zu haben: „Ich bin ein armer, kleiner Unteroffizier gewesen.“

Gröning hat schon am ersten Verhandlungstag, am Dienstag, von seiner Reue gesprochen und die Überlebenden von Auschwitz um Vergebung gebeten. Aber wer genau zuhört, wie er das Schicksal arbeitsunfähiger Juden im Lager beschreibt („Wer das nicht konnte, wurde entsorgt.“), wie er von der „Abfertigung“ todgeweihter Menschen spricht, wie er im Gerichtssaal den Schluck aus der Wasserflasche im Jargon begründet („Ich mache es jetzt wie in Auschwitz mit dem Wodka.“), der glaubt Oskar Gröning weder die Reue noch das aufrichtige Bedürfnis nach Vergebung.

Und doch bekommt er sie. Eva Kor, 81 Jahre alt, eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz, erteilt sie ihm. Sie und ihre Zwillingsschwester Miriam waren zehn Jahre, ihre älteren Schwestern Edit und Aliz 14 und zwölf Jahre alt, ihr Vater 44 und ihre Mutter 38, als die Familie nach Auschwitz kam. Nur die Zwillingsschwestern überlebten und wurden von dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele für Experimente benutzt.

An den Spätfolgen der Injektionen, die Mengele den Mädchen verabreichte, ist Eva Kors Schwester 1993 gestorben. Sie, Eva, habe einen Weg gefunden, ihren Schmerz zu heilen: „Indem ich allen Menschen, die mir diesen Schmerz verursacht haben, vergebe.“ Und so vergebe sie auch Oskar Gröning. Aber das, sagt Eva Kor, entbinde ihn nicht davon, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen.

Das berührt den juristischen Kern des Verfahrens. Wie viel Verantwortung für die 300.000 Morde muss sich Oskar Gröning strafrechtlich zuschreiben lassen? Jahrzehntelang hatte sie die deutsche Justiz nicht gesehen. Der Bundesgerichtshof verlangte den Nachweis individueller Tätigkeit, die direkt oder wenigstens indirekt zum Tode eines oder mehrerer Häftlinge führte. Erst im Prozess gegen den Ex-KZ-Aufseher John Demjanjuk hatte sich die Rechtsauffassung geändert. Das Landgericht München befand 2011, es genüge, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt im Lager war und um das Geschehen wusste. Doch ist das Urteil nie rechtskräftig geworden – Demjanjuk starb vor einer Entscheidung über seine Revision. Und es ist durchaus möglich, dass das Verfahren gegen Oskar Gröning genauso enden wird.

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