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Ralf Sponholz (hinten) arbeitet in der Bahnhofsmission am Zoo. Lange war sie Willi Clausens letzte Zuflucht. Heute kommt er manchmal noch zu Besuch. Sponholz ist noch immer sein Betreuer.

Reportage

Die Rettung

Ohne seinen Beschützer Ralf Sponholz würde Willi Clausen heute noch in der Bushaltestelle am Zoo sitzen und saufen. Aber vermutlich wäre er schon tot. Die Geschichte einer Mission

Von Marijke Engel

Berlin Sie sind ein seltsames Paar, diese beiden Männer, wie sie in ihrem Dacia Logan um den Spandauer Kreisel kurven. Am Steuer sitzt ein bulliger Typ mit kurz geschorenem Schädel und zwei Piercings in der Unterlippe, der unaufhörlich gähnt, während sein Beifahrer, etwa doppelt so alt und bestens gelaunt, ohne Unterlass redet. Der Beifahrer trägt einen etwas zu engen roten Frotteepulli, über dem halblangen grauen Haar sitzt ein Nikolausmützchen. Es ist Advent. Und dieser Ausflug Teil einer langfristig angelegten Rettungsaktion. Wobei nicht zu jedem Zeitpunkt klar ist, wer hier eigentlich wen rettet.

Die Adventsfeier beginnt in einer halben Stunde. Ralf Sponholz und Willi Clausen* sind auf dem Weg zum Zoo, zur Bahnhofsmission. Als sie gegen halb zwei in die Jebensstraße einbiegen, steht da schon die Schlange der Elenden: Junge und Alte, Heile und Versehrte. Viele Männer, wenig Frauen. Windjacken, Wollpullis, alte Persianer. Wanderstiefel, Turnschuhe, Badelatschen. Rucksäcke, Rollkoffer, Plastiktüten. Es reden nur die Betrunkenen und die Verrückten. Wer klaren Verstandes ist, friert und schweigt. Drinnen wird es Gulasch geben, schön scharf. Danach für die, die wollen, noch eine Andacht obendrauf. Ein überschaubares Programm.

Willi Clausen freut sich trotzdem. „Mal was anderes, mal raus“, das reicht ihm eigentlich schon. Ralf Sponholz ist das zweite Mal an diesem Tag hier, er ist seit fünf Uhr auf den Beinen, hatte schon Frühschicht. Er fährt den Dacia ganz nah ran, hilft Clausen in den Rollstuhl und schiebt ihn vorbei an den Wartenden. Willi Clausen muss sich nicht anstellen. Früher mal, da war das hier „Willis Wohnzimmer“. Heute ist er Ehrengast. Wenn man so will ein Veteran, ein Überlebender. „Die kenne ich alle nicht mehr“, wird er später sagen. Der Hermann, der Venezuela-Peter, der Hansa-Peter… alle tot. Erschlagen, erfroren, zu Tode gesoffen.

Ha, was willst du denn?

Aus der Schlange löst sich ein großer Mann, „der Este“ nennen sie ihn hier. Sein wirrer Blick lässt nichts Gutes ahnen. Er kommt auf Willi zu, baut sich schwankend vor dessen Rollstuhl auf, beugt sich zu ihm hinab und beginnt in einer fremden Sprache auf ihn einzureden. Willi will eigentlich nur in Ruhe seine Zigarette rauchen, doch der Este redet weiter. „Wo ist Ralf?“, fragt Willi leise. Und plötzlich ist sein Beschützer zur Stelle. Sponholz war mal Türsteher. Obwohl er nicht besonders groß ist, wirkt er ganz schön wuchtig. Breitbeinig und stiernackig schiebt er sich zwischen Willi und den Esten. Und dann, just in dem Moment, als der Riese seinen Willi anfassen will, tut Ralf Sponholz das komplett Unerwartete: Er lacht. Und zwar laut und unmissverständlich. „Ha, was willst du denn?“, ruft er dem Esten lachend ins Gesicht. Der, perplex und eingeschüchtert, weicht zurück. Ralf wartet, bis Willi die Zigarette zu Ende geraucht hat. Dann schiebt er ihn rein, drinnen wird gleich die erste Runde Gulasch verteilt.

Ralf hat Willi gerettet. Wieder einmal. Wer verstehen will, warum, der muss wissen, wie die beiden sich kennengelernt haben. Vor gut zwei Jahren war das. Sponholz, damals 31 Jahre alt und Möbelpacker, leistete 600 Stunden „Arbeit statt Strafe“ in der Bahnhofsmission. „Fahren ohne Führerschein, konnte die 2?000 Euro nicht bezahlen.“ Mehr sagt Sponholz dazu nicht.

Willi Clausens Zuhause war damals eine gläserne Bushaltestelle am Zoo. Er habe täglich von ein paar Bomben gelebt, er meint Schnapsflaschen. Bomben, Granaten, Sprengstoff, mit solchen Worten umschreibt Clausen seinen Suchtstoff. Klar, dass so einer hochexplosiv ist. „Weißt du noch, Willi, kamst immer rein und hast alle als Nazis beschimpft“, sagt Sponholz. Willi Clausen klemmt mit seinem Rollstuhl hinter einem Resopaltisch und giggelt. „Nazis“, wiederholt er leise und kichert, als sei das ein guter Witz.

Willi hatte die Hosen voll damals. Immer wieder und nicht im übertragenen Sinne. Nach Kot und Urin stinkend, mit offenen Ekzemen, abgemagert und völlig verlaust sei er gewesen, sagt Sponholz. Kurzum: „In einem erbärmlichen Zustand.“ Und dann war da Sponholz, der hatte Erbarmen. Das trifft die Sache wohl am ehesten, laut Lexikon ist das die „starke innere Anteilnahme am Leid oder an der Not anderer, verbunden mit dem Drang, ihnen zu helfen oder sie zu trösten“. Es gab Tage, da hat Sponholz ihn mehrmals aus seinem Rollstuhl gewuchtet, ihn gewaschen und mit neuen Sachen aus der Kleiderkammer eingekleidet.

Nachdem er im März letzten Jahres seine Strafe verbüßt hatte, machte Sponholz einfach weiter. Ehrenamtlich. Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission, erkannte sein Talent und stellte ihn ein. Der Entschluss, den Möbelpackerjob endgültig hinzuschmeißen, fiel Sponholz nicht schwer. Er habe zwar mehr verdient – wegen des Trinkgelds. „Aber die Erfüllung ist das nicht, den ganzen Tag die Treppen hoch und runter zu laufen“, sagt er mit dieser norddeutschen Färbung; das klingt nach Raubein, nach Seebär, nicht wie einer, der durchs Leben läuft und nach dem Sinn sucht. Gefunden hat er ihn trotzdem, sagt er. Einsilbig ist er, was seine Person betrifft. Das sagt man den Norddeutschen ja nach. Nur so viel: Er ist früh von zu Hause weg, hat in Stralsund Maurer gelernt und ist vor neun Jahren nach Berlin gekommen. Wenn man ihn anruft, dann läuft auf seinem Mobiltelefon als Warteschleife ein Song der Berliner Band Haudegen, im Refrain heißt es: „Ich box dich raus/ein Mann ein Wort hab ich gesagt/also halte aus/ich leg die Hand für dich ins Feuer.“ Das Lied scheint mit Bedacht gewählt, auch wenn er abwinkt. Dieses Ein-Mann-ein-Wort-Ding gefällt ihm. Er sieht auch so ähnlich aus wie die Jungs von Haudegen. Eigentlich ein bisschen zu pausbäckig und doch ein ganzer Kerl. So will sich Ralf Sponholz sehen, und dieser Job gibt ihm die Chance, sein Ideal zu leben.

Die Bahnhofsmission hat 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag geöffnet. Sie ist ein sogenanntes niedrigschwelliges Angebot. Das heißt, jeder, der Hilfe braucht, kann erst mal kommen. Nur bleiben darf er nicht. Die eigentliche Aufgabe der Mitarbeiter besteht darin, den Laden am Laufen zu halten. Das heißt, Essen oder Kleidung an Bedürftige herausgeben und kurze Beratungsgespräche führen. Eigentlich ist Zeit das, woran es am meisten mangelt. Rund 500 Kontakte zählt die Berliner Einrichtung pro Tag. Aber was macht man mit jenen Stammkunden, deren Zustand sich über die Jahre verschlechtert? Die eigentlich viel mehr bräuchten als eine Mahlzeit und Worte, die aufhören, sich zu waschen, aber nicht aufhören können zu trinken, die sich selbst aufgeben und trotzdem weiterleben.

Seit Willi Clausen 2005 seine letzte Wohnung verloren hat, weist seine Betreuungsakte elf verschiedene Pflegeeinrichtungen auf, die es mit ihm versucht haben. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser nicht mitgerechnet. Nirgendwo konnte er bleiben, immer hat er randaliert, Mitbewohner eingeschüchtert, Personal angegriffen, immer im Suff. Auf jeden Entzug folgte der Absturz und auf den Absturz der Rausschmiss. Bis zu jener kalten Novembernacht vor einem Jahr. Sponholz hatte Nachtschicht und ein „blödes Gefühl“. Er wollte nach Willi sehen und fand ihn in einem U-Bahn-Aufzug am Zoo: „Fuhr immer rauf und runter, hing in seinem Rollstuhl, blau gefroren, verwirrt, völlig dehydriert.“ Sponholz rief den Notarzt. Willi kam ins Krankenhaus, und von da an liefen die Dinge anders als sonst. Denn Sponholz blieb dran. Er begleitete Willi durch den Entzug und fand danach das Haus Bethanien Radeland, ein Pflegeheim für chronisch psychisch Kranke in Spandau. Dort konnte man es mit einem wie Willi Clausen aufnehmen. „Die Schwestern haben ihn ins Herz geschlossen, er kann wirklich ein Charmebolzen sein“, sagt der Pflegedienstleiter. Trotzdem ist er von dort drei Mal wieder „auf Spur“ gegangen, wie er es nennt. Hat sich bei Edeka mit Schnaps versorgt und sich mit Bus und Bahn zum Zoo durchgeschlagen. Da war dann wieder Ralf. Der brachte ihn persönlich zurück. Und das Wichtigste: Er besuchte ihn regelmäßig. Nach seinem letzten Absturz im Juni ist Willi Clausen in den Wohnturm des Hauses gezogen. Dort leben die Patienten so gut es geht selbstständig. Bisher hat er es dort am längsten ausgehalten.

Auch für Ralf Sponholz hat sich was verändert. Seit dem ersten August gehören die Besuche bei Willi ganz ausdrücklich in sein Aufgabenfeld, er muss das nicht mehr auf Kosten der Kollegen zwischendurch oder in seiner Freizeit machen. Er hat sogar Zeit für drei weitere schwierige Fälle. Sein Chef, der Leiter der Bahnhofsmission, Dieter Puhl, hat ihm diese Zeit gekauft. Ohne Willi hätte Ralf Sponholz diese Chance nie bekommen. Er will jetzt Sozialarbeit studieren. Sein Chef wird ihn dabei unterstützen. Bisher, sagt Puhl, reichen die Spenden bei weitem nicht, um Ralfs halbe Stelle und die eines Kollegen bei der Mobilen Einzelfallhilfe dauerhaft zu retten. Beim Kältebus ist das anders, da geben die Menschen gern. Das versteht jeder auf Anhieb, der fährt rum und rettet Leben – jede Nacht.

Ralf Sponholz steht vor dem Wohnturm, und keiner macht auf. Er zückt eine Plastikkarte und fummelt damit das Schloss der Haustür auf. Oben im sechsten Stock sitzt Willi. Es ist hell, warm und verraucht, der Fernseher läuft. Draußen vorm Fenster treibt der Winterwind die Wolken über die Baumwipfel. „Mir ist krank“, sagt Willi zur Begrüßung. „Ach ja, Willi, so ist das, wenn man älter wird“, antwortet Sponholz, setzt sich aufs Bett und hört sich dann geduldig Willis Klage an. Die kaputte Hüfte schmerzt, der Fernseher ist kaputt, und neue Gelstifte braucht er auch. Und dieses Zeug für die Haare, aber das ist so teuer. „Dit einzige, wat hier klappt, sind de Türen.“ Es gibt diese Momente, da weiß Willi sein neues Leben durchaus zu schätzen, da schwärmt er von den Schwestern, seinen „Murmels“, von Annerose und von Moni, deren langes Haar er streicheln darf. Wenn er sich wohl fühlt, dann bleibt er vielleicht, geht nicht mehr „auf Spur“. Wenn er sich wohlfühlt, dann malt er. Grußkarten und Glückwunschkarten mit Gelstiften auf Pappkarton. Zur Zeit läuft die Produktion auf Hochtouren – Weihnachtsmotive: Tannenzweige, Kerzen, Schneemänner. „Die Murmels sind ganz verrückt danach.“ Wie immer hat Ralf etwas mitgebracht, Lebkuchen und eine warme Jacke aus der Kleiderkammer, die hat Willi das letzte Mal bestellt.

Der Todesmonat

Sponholz gießt sich einen Kaffee ein. Der Dezember, sagt Willi, sei ein furchtbarer Monat. Da gibt es gleich drei Todestage. Am 10. starb seine erste Frau an Krebs, am 19. habe seine zweite Frau Selbstmord begangen und am 25., vor sechs Jahren, da habe er Tochter und Enkeltochter beim Tsunami verloren. Soweit – so steht es auch in der Krankenakte – sind diese Informationen verlässlich. Es gibt Menschen, die werden von kleineren Katastrophen aus der Bahn geworfen. Doch wie Willis Leben vor der Ankunft in der Gosse genau verlief , weiß keiner so genau – nicht mal er selbst.

Da gab es einen Lottogewinn, ein Haus auf Teneriffa und Horst Tappert als Nachbarn, eine Haftentschädigung aus der Zeit in Bautzen. Dann war da dieser Anwerbeversuch des britischen MI5 in der Washington-Bar in Hamburg und ein Puma als Haustier, den man ihm dann später wieder weggenommen hat. Seine Jacht hat er verschenkt, das Medizinstudium abgebrochen. Das war aber erst später. Vorher gab es diesen Freispruch, weil er aus Notwehr gehandelt hat, damals, als er den Typen erstach, der in der S-Bahn das blinde Mädchen vergewaltigt hat. Willi kann sich manchmal an die kleinsten Details erinnern.

Der Fachmann nennt das Konfabulation. Der behandelnde Neurologe möchte nicht über einzelne Patienten Auskunft erteilen, aber er kann doch erklären, was der Alkohol im Hirn eines langjährigen Trinkers anrichtet. Man könnte sagen: die Erinnerung zerfließt. Dort, wo sich Lücken auftun, werden sie mit erfundenen Geschichten gefüllt. Die sind meistens bunter und größer als das echte Leben. Es sei ein Zeichen für die fortgeschrittene organische Schädigung des Gehirns. In einem solchen Stadium stellt sich die Frage nach Heilung nicht mehr, sagt der Neurologe. Gleichwohl könne man einen solchen Menschen vor der permanenten Selbstgefährdung retten. Etwa, indem man dafür sorgt, dass er nicht mit Gleichgesinnten zusammenkommt, in einem geschützten Umfeld lebt. „Jemand, der ihn dort regelmäßig besucht, kann lebensrettend sein.“

Willi Clausen ist jetzt 60 Jahre alt und schwer krank an Körper, Geist und Seele. Er weiß selbst, dass er einen weiteren Winter auf der Straße nicht überleben würde. Ab und zu trinkt er ein Bier, das geht, auch wenn täglich die Gefahr eines Rückfalls besteht. Das weiß er, und das weiß auch Ralf Sponholz. Wenn alles gut geht, dann hält er durch. Erstmal bis Heiligabend. Dann werden sie zusammen feiern. Unterm Baum, in der Bahnhofsmission.

*Name von der Redaktion geändert

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