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FR vom 22. September 2001

Die Uhr tickt

In seiner Botschaft an die Bürger stellt US-Präsident George W. Bush dem Terror ein bedingungsloses Ultimatum. Von Dietmar Ostermann (Washington).

Das Hohe Haus hielt den Atem an, und wer sich räusperte, der verursachte ein Geräusch wie Donnerhall. Die beiden Kammern des Kongresses hatten sich am Abend des 20. September im Kapitol versammelt. Das Kabinett bahnte sich Hände schüttelnd den Weg durch die Reihen der Abgeordneten, angeführt von Colin Powell, dem Secretary of State. Der Beifall kam, wie stets an diesem Tag, heftig und aus allen Ecken. Die Mitglieder des Verfassungsgerichts waren in schwarzer Robe erschienen, daneben die Militärführer des Landes, in Oliv. Die First Lady hatte die Ehrengäste des Abends hereingeleitet, den Briten Tony Blair zu ihrer Rechten.

Die USA lieben solche Rituale, den getragenen Moment, die hochfahrende Inszenierung. Das feierliche Stelldichein der gesamten Führung der Vereinigten Staaten gibt es sonst nur einmal pro Jahr, wenn der Präsident seine Rede zur Lage der Nation hält. Außer der Reihe wird diese höchste Versammlung nur selten einberufen; aus vergleichbarem Anlass zuletzt vor 60 Jahren. Damals war es Franklin Roosevelt, der seinen Mitbürgern zurief: „Unser Land wurde heimtückisch angegriffen.“ Japan hatte in Pearl Harbor die halbe Pazifikflotte der USA versenkt. Und der Präsident erweckte die Nation vom Podium des Parlaments mit dramatischen Worten aus Trauma und Trauer zur Tat. Es folgten dreieinhalb Jahre Krieg.

Die Ältesten im Saal mögen noch eine Erinnerung an das Jahr 1941 haben; den Jüngeren war es ferne Geschichte und neulich mal wieder Stoff für Hollywood. Bis vor neun Tagen. Seit die zu Bomben gewordenen Flugzeuge in New York in die silbergrauen Fronten des World Trade Centers schlugen und das Pentagon am Potomac heimsuchten, ist Pearl Harbor in den USA wieder wie soeben passiert. Das mag vermessen sein. Die Totenliste ist diesmal länger, die Erschütterung groß. Aber die Welt ist eine andere heute.

Die USA stehen im Zenit ihrer Macht, und Washington schlägt, zumindest für den Moment, aus allen Ecken der Welt eine Welle des Mitgefühls entgegen. Der Feind hingegen muss das Tageslicht scheuen und hält sich versteckt. Er hat keinen Staat, keine Hauptstadt, keine Adresse, keine Armee. Doch Roosevelt ist der Maßstab, an dem heute der Präsident gemessen werden soll.
Es geht wie in einem Bienenstock zu in den Stunden, seit die Sicherheitsdienste das Gebäude am späten Nachmittag abriegelten.

Hubschrauber kreisen über dem Kapitol. Ambulanzen sind vorgefahren. Drinnen ist die Anspannung mit Händen zu greifen. Ernste Gesichter, viel Schulterklopfen, viel Hin und Her und Stau in den Gängen. Niemand hält es lange aus auf seinem Stuhl. Jeden Parlamentarier scheint es zu drängen, besonders vielen Kollegen von der anderen Partei die Hand zu schütteln. Allein der Vizepräsident, Dick Cheney, ist nicht gekommen. Der Geheimdienst hat ihn an einen sicheren Ort in der Nähe Washingtons gebracht. Die USA wollen Geschlossenheit demonstrieren. Doch nicht die ganze Führung des Landes darf sich unter einem Dach versammeln. So ist das in diesen Zeiten der einstürzenden Sicherheiten.

Als im Kapitol der Hammer des Vorsitzenden Dennis Hastert zum dritten Mal niedergeht, muss sich der Saaldiener nicht erst Gehör verschaffen. Er schreitet zur Hälfte den Gang entlang ins Rondell, die Köpfe drehen sich, und alles Gemurmel erstirbt. „Mr. Speaker, der Präsident der Vereinigten Staaten.“ Auftritt für George W. Bush. Ein „Triumphmarsch“, werden die Zeitungen am nächsten Tag schreiben. Hände strecken sich dem Präsidenten entgegen, der Saal explodiert im Jubel.

Bush hat sich kurzfristig zu dieser Rede entschlossen, in der er der Nation Auskunft geben will über das, was geschehen ist, wer es getan hat und über das, was nun folgen soll. In den Tagen nach der Terrorkatastrophe hat der Präsident nicht immer eine glückliche Figur gemacht. Mal unsicher, mal harsch, sandte er jeden Tag andere Signale aus. Da wechselten durchaus besonnene Mahnungen zu Ruhe und Geduld mit ungeschütztem Cowboyslang. Jetzt haben die Redenschreiber lange am Text gefeilt. Der Entwurf war den ganzen Tag hin und her gewandert zwischen Karen Hughes, der engsten Freundin, Beraterin und politischen Gouvernante des Präsidenten, und Condoleezza Rice, der Fachfrau für Außenpolitik im Weißen Haus. Beide haben das unbedingte Vertrauen ihres Chefs.

Beide auch haben schon in der Vergangenheit immer wieder dafür gesorgt, dass der Präsident in entscheidenden Momenten an den für ihn ungemütlichen Rednerpulten glänzt und den richtigen Ton trifft. Beide mussten die noch bestehenden Differenzen in der Regierung über das Vorgehen im Kampf gegen den Terrorismus rhetorisch überspielen. Die offene Frage etwa, ob außer Afghanistan auch Irak zum Ziel möglicher Angriffe werden soll, wie es die Hardliner um Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz fordern und Außenminister Powell mit Rücksicht auf die arabische Welt zu verhindern sucht. Es ging also darum, Entschlossenheit zu zeigen, ohne schon alles zu sagen, weil man noch nicht alles weiß.

Die erste Botschaft richtet sich an die Bevölkerung daheim. An jene Menschen, die nach dem Terror von New York und Washington in Sorge vor weiteren Anschlägen leben, die entschlossen sind zum Kampf gegen den Terrorismus, aber auch unsicher über die richtigen Mittel dabei und die nun täglich von Massenentlassungen lesen. Über 80 000 Jobs haben allein die Fluggesellschaften in den vergangenen Tagen gestrichen. Die Hotels sind leer, die Strände vereinsamt. Über eine drohende Rezession reden die Experten nun nicht mehr nur als Möglichkeit, sondern als Fakt. Das Land braucht Selbstvertrauen.

Bush dankt den Helden von New York, den unermüdlichen Rettungskräften, denen, die nun bald wieder Manhattan aufbauen werden: „Meine Mitbürger, in den vergangenen neun Tagen hat die ganze Welt die Lage der Nation gesehen, und sie ist stark.“ Das Land braucht Sicherheit, und der Präsident verkündet die Gründung eines Amtes für Heimatschutz. Der populäre Gouverneur von Pennsylvania, Tom Ridge, soll im Ministerrang der Behörde vorstehen, direkt verantwortlich dem Präsidenten und betraut mit der Koordination von 40 Regierungsämtern, von der Luftfahrtbehörde FAA bis zum Geheimdienst CIA.

Selbst im Zweiten Weltkrieg hatte es so etwas nicht gegeben in den USA, wo man nun auch darüber nachdenkt, Alarmsirenen in den Städten zu installieren. Amerika werde lernen müssen, dass es nicht immun sei gegen Angriffe, mahnt der Präsident, der eine feine Linie hält zwischen der Rückkehr zur Normalität und den Dingen, die eben nicht mehr normal sein werden im Land. „Ich bitte Sie, Ihr Leben zu leben und ihre Kinder zu drücken“, sagt Bush an anderer Stelle.

Das Land aber will auch Genugtuung, es will, dass die Urheber der Tragödie vom 11. September zur Verantwortung gezogen werden. Der Präsident hat Gerechtigkeit gelobt, er hat versprochen, ihre Namen heute zu nennen, und er tut es: „Die Beweise, die wir gesammelt haben, zeigen alle in die Richtung lose verbundener Terrororganisationen, die bekannt sind als Al Qaeda.“

Mörder seien dies, bereits verurteilt für die Anschläge auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia und verantwortlich für das Attentat auf den Zerstörer Cole im jemenitischen Hafen von Aden. Al Qaeda, „die Basis“, ist das Netzwerk von Osama bin Laden, und auch dessen Name fällt. „Al Qaeda ist für den Terror, was die Mafia für das Verbrechen ist“, sagt der Präsident. Tausende Terroristen in über 60 Ländern – das ist der Feind.

Bush versucht gar nicht erst, auf die Forderung der afghanischen Taliban nach Schuldbeweisen einzugehen. „Die Taliban müssen die Terroristen ausliefern oder ihr Schicksal teilen.“ Nichts gibt es mehr zu reden. „Die Taliban müssen handeln, und sie müssen sofort handeln.“ Die Übergabe nicht nur bin Ladens, sondern aller Terroristenführer fordert Bush mit scharfen Worten, die Schließung aller ihrer Ausbildungscamps auch und Zugang zu den Zeltlagern „für die Vereinigten Staaten“.

Das ist das Ultimatum, die Uhr tickt, und die Truppen sind unterwegs. Pausenlos werden seit Wochenbeginn Kampfflugzeuge in den Nahen und Mittleren Osten verlegt, erstmals auch nach Zentralasien, in die ehemaligen Sowjetrepubliken Usbekistan und Tadschikistan. In Norfolk, Virginia, ist gerade ein weiterer Flugzeugträger zu den Klängen des Songs „New York, New York“ ausgelaufen.

Auch der Rest der Welt muss dem Präsidenten der USA glauben, dass die Urheberschaft der Terroranschläge jetzt hinreichend geklärt ist. Und er muss sich entscheiden: „Entweder ihr seid für uns, oder ihr seid für den Terrorismus.“ Die Nato-Alliierten hat Bush dabei schon mal an ihr solidarisches Bündnisversprechen erinnert: „Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle.“ Tony Blair, der Premier aus Großbritannien, der „wahrhafteste aller Freunde“, nickt oben auf der Empore.

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