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Reparationsforderungen: „Deutschland ist gut beraten, den Schmerz ernst zu nehmen“

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Von: Tatjana Coerschulte

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Warschau im November 1944. Als Reaktion auf den Warschauer Aufstand im Herbst 1944 hatte das Hitler-Regime die Stadt links der Weichsel planmäßig sprengen lassen.
Warschau im November 1944. Als Reaktion auf den Warschauer Aufstand im Herbst 1944 hatte das Hitler-Regime die Stadt links der Weichsel planmäßig sprengen lassen. © dpa

Der Forscher Peter Oliver Loew über Reparationsforderungen aus Polen, unterschiedliche Wahrnehmungen diesseits und jenseits der Oder und Wunden, die nicht verheilt sind.

Herr Loew, die polnische Regierung hat kürzlich bekannt gegeben, dass sie für die Schäden, welche die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in Polen angerichtet haben, Reparationen fordert, und zwar 1,3 Billionen Euro. Was halten Sie von den Forderungen?

Die Reparationsforderungen sind nachvollziehbar, weil das Leid und die Zerstörungen, die Polen im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Hand und durch deutsches Mittun erlitten haben, nicht wiedergutgemacht worden sind. Sie sind allerdings acht Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg irgendwie aus der Zeit gefallen und führen zu neuen Problemen zwischen den beiden Ländern und in Europa.

Wie erklären Sie sich, dass diese Forderungen jetzt gestellt werden?

Das hat verschiedene Gründe, der wichtigste ist die Innenpolitik. In Polen stehen im nächsten Jahr Parlamentswahlen an, und die Umfragewerte der Regierungspartei PiS gehen seit Monaten leicht zurück. Die PiS fürchtet auch die Wirtschaftskrise, die durch den Krieg in der Ukraine unweigerlich auf Polen zukommen wird, und deswegen eine mögliche Niederlage bei den Wahlen. Dem möchte sie entgegenwirken und dieses Thema aufbringen, das in Polen emotional immer wirkt, denn der Krieg hat in der polnischen Gesellschaft Wunden geschlagen, die bis heute nicht ganz verheilt sind.

Hierzulande werden die Reparationsforderungen von vielen als antideutsche Tendenz verstanden. Verbindet Polen mit den Forderungen eine generell gegen die Deutschen gerichtete Schlagrichtung?

Das Stimmungs- und Meinungsbild ist in Polen sehr unterschiedlich. Die Reparationsforderungen der Regierung werden von einem Teil der polnischen Gesellschaft unterstützt, von einem anderem Teil aber nicht. Auch die Opposition hat sich hier zurückhaltend geäußert und gesagt, es macht keinen Sinn, jetzt diese Forderungen zu erheben, weil man dadurch nur politischen Schaden in den bilateralen Beziehungen und in Europa auslöst und es sowieso abzusehen ist, dass die Forderungen nie eingelöst werden können und somit ein Konflikt vom Zaun gebrochen wird, dessen Lösung schwierig wird.

Die Distanz zu Deutschland ist in den vergangenen Jahren wieder größer geworden

Peter Oliver Loew

Was bewegt jene Polinnen und Polen, die die Forderungen unterstützen?

Ein größerer Teil der polnischen Gesellschaft hat das latente Gefühl, dass Deutschland seine historische Schuld aus dem Zweiten Weltkrieg nicht in genügendem Maße gesühnt oder abbezahlt hat oder ihr gerecht geworden wäre in den letzten Jahrzehnten. Man hat den Eindruck, als sei Deutschland nach den Verträgen mit Polen – dem Grenzvertrag von 1990 und dem Nachbarschaftsvertrag von 1991 – relativ schnell zum Alltag zurückgekehrt. Tatsächlich herrschte in der deutschen Politik in den 90er- und in den Nuller-Jahren die Auffassung vor, die Versöhnung mit Polen sei vollzogen und es handle sich jetzt um eine Nachbarschaft in Europa wie andere auch.

Aber ist das nicht das Ziel, wenn man eine Normalisierung der Beziehungen anstrebt?

Nein, aus Sicht vieler Menschen in Polen und eines Teils der polnischen Politik ist das eben nicht so, weil die Wunden, die Polen im Krieg davongetragen hat, bis heute schmerzen und man sich ein sehr viel besseres Verständnis dafür in Deutschland erhofft hat. Diese Hoffnung ist oft enttäuscht worden, zum Beispiel bei Nord Stream 2. Das deutsche Bemühen, den Kontakt mit Russland aufrechtzuerhalten, selbst in einer Situation, wo Putins Regime immer aggressiver wurde, hat man in Polen als eine Missachtung der eigenen nationalen Interessen, der eigenen Sicherheitsbedürfnisse und der eigenen Gefühlslagen bewertet. So ist die Distanz zu Deutschland in den vergangenen Jahren doch wieder größer geworden.

Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt
Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. © Grzegorz Litynski

Wenn die Wunden des Krieges in Polen noch immer schmerzen – was ist es genau, das auch nach 80 Jahren nicht verheilt?

Das Bewusstsein der polnischen Gesellschaft, nach dem Zweiten Weltkrieg ein zerstörtes Land vorgefunden zu haben; eine Gesellschaft, die um mehr als fünf Millionen Menschen kleiner geworden war, weil so viele Staatsbürgerinnen und Staatsbürger Polens im Krieg ihr Leben verloren haben; das Bewusstsein, über Jahrzehnte danach unter kommunistischer Herrschaft auch nicht die Möglichkeit gehabt zu haben, sich frei entwickeln zu können – das führt dazu, dass Polinnen und Polen meinen, Deutschland müsse jetzt, wo Polen Teil der freien Völkerfamilie ist, mehr tun, um ihrem Land und ihrem Teil des Kontinents zu helfen. Da Deutschland diese Erwartungen oft nicht erfüllt, denkt man an die historischen Ereignisse zurück oder die Politik hat es leicht, die Wunden wieder aufzukratzen, die viele Menschen innerlich mit sich tragen. Fast jede Familie in Polen hat Erinnerungen an Tote im Krieg, Opfer im KZ, in Zwangsarbeit Verschleppte, Vertreibungserfahrungen aus Ostpolen, zerstörte Häuser und so weiter.

Dann gibt es in großen Teilen der Gesellschaft in Polen das Gefühl, dass Deutschland den Polinnen und Polen noch etwas schuldig wäre?

Zur Person

Peter Oliver Loew (Jahrgang 1967) ist seit 2019 Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, an dem der Osteuropa-Historiker, Slawist und Übersetzer zuvor seit 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war.

Das Institut wurde 1980 von Karl Dedecius gegründet. Es hat den Auftrag, zur deutsch-polnischen Verständigung beizutragen und engagiert sich unter anderem in Wissenschaft und Schule.

Ja, je nachdem, wo man das Ohr hinlegt, in unterschiedlichem Maße. In einer politisch instabilen Lage wie in Polen ist es für politische Akteure attraktiv, an Emotionen zu appellieren, und da bieten sich Themen wie der Zweite Weltkrieg besonders an. Deswegen ist Deutschland gut beraten, gut zuzuhören und Polens Schmerz und Emotionen ernst zu nehmen, selbst wenn sie wie derzeit von der polnischen Regierung auch als Teil eines Kulturkampfs gegen das liberale Europa inszeniert werden.

In Deutschland dagegen sind viele der Auffassung, dass sehr viel für die deutsch-polnische Aussöhnung getan wurde, nicht nur auf Regierungsebene, sondern auch mit Hilfe von Stiftungen, in der Jugendarbeit, und dass sehr viel Geld geflossen ist.

Es stimmt, dass sehr viel geschehen ist und dass es eine große Zahl von Akteuren gibt, die sich in Deutschland für die deutsch-polnische Verständigung einsetzen, und es gibt erhebliche Mittel, die aufgewendet worden sind. Schon 1990/91 wurden zum Beispiel die Schulden, die Polen bei der Bundesrepublik hatte, erlassen und zum Teil umgewandelt in die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, die seitdem mit großen Summen deutsch-polnische Projekte fördert. Aber das hat nur einen Teil der polnischen Gesellschaft erreicht, einen anderen Teil nicht. Und auf der anderen Seite der Rechnung stehen eben deutsches Nichtwissen über Polen, deutsche Herablassung gegenüber Polen und anderen Staaten im östlichen Europa, denen man meint, immer noch das eine oder andere beibringen zu müssen, von Erinnerungskultur bis hin zu globalen politischen Einschätzungen. Da fühlt man sich in Polen quer durch die Bank missverstanden oder arrogant behandelt.

Wie sollte Deutschland mit den Reparationsforderungen umgehen?

Deutschland sollte gut zuhören und aufmerksam lesen, was in den drei Bänden des Reparationsgutachtens aufgeschrieben worden ist. Und die Politik sollte erst mal abwarten, welche Schritte die Regierung in Warschau nun unternimmt. Wird sie eine offizielle Note bei der deutschen Regierung einreichen? Wird sie versuchen, den Rechtsweg zu beschreiten oder Wege aufzeigen, welche Rechtswege überhaupt beschritten werden könnten? Die Expertenmeinung geht dahin, dass es eigentlich kein Gericht gibt, das in der Lage wäre, hier ein Verfahren zuzulassen. Mal sehen, was die polnische Regierung sich dazu ausdenkt.

In einer ersten Reaktion hat sich die deutsche Regierung auf den Standpunkt gestellt, dass Reparationen mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag abgehandelt sind.

Es gab eine Reihe von Verzichtserklärungen der polnischen Regierung in verschiedenen Jahren, 1953, 1970, 1990, 2004, was Reparationsforderungen an Deutschland betrifft. Im Gegenzug gab es seitens der Bundesrepublik Deutschland Zusicherungen, etwa was die Grenzfrage betrifft, zum Beispiel 1970 im Rahmen des deutsch-polnischen Normalisierungsvertrags, sodann die Anwaltschaft für die Westintegration Polens in den 1990er-Jahren. Rechtlich gesehen ist die Reparationsfrage wohl vom Tisch.

Deutschland sollte gut zuhören 

Peter Oliver Loew

Warum wird die Forderung dennoch erhoben?

Die polnische Regierung behauptet, dass Polen bei diesen Vereinbarungen in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt gewesen sei, weil es unter Moskauer Kuratel gestanden habe, und jetzt müsse man die Dinge neu diskutieren. Aber wenn man so argumentiert, kann man letztlich alle Verträge in Frage stellen, die in kommunistischer Zeit geschlossen wurden. Und das kann auch nicht im Interesse Polens sein, weil dann möglicherweise irgendwann auch die Frage der deutsch-polnischen Grenzen auf den Tisch kommt. Man kann es hin und her wenden – ich glaube, alle sind gut beraten, den rechtlichen Status quo nicht zu ändern.

Also sollte Deutschland einfach abwarten?

Ja und nein. Deutschland sollte endlich eigene Akzente setzen, etwa indem noch einmal ein großer Fonds aufgelegt wird für deutsch-polnische Projekte, für symbolische Zeichensetzungen, für noch nicht wieder aufgebaute Denkmäler. Deutschland sollte sich noch intensiver für die Rückgabe von Kulturgütern einsetzen, für eine angemessene Entschädigung der letzten überlebenden Opfer des Zweiten Weltkriegs in Polen, die über die ein paar Hundert Euro hinausgeht, die es etwa für Zwangsarbeit in Deutschland gab. Und: Polen braucht ein Sicherheitsgefühl. Polen zweifelt daran, dass Deutschland in Krisensituationen dem Land zur Seite stehen wird. Das kann Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt nicht besser widerlegen als durch die Unterstützung der Ukraine. Aus der Sicht der polnischen Gesellschaft ist Deutschlands Unterstützung der Ukraine zu gering und nur eine freie Ukraine garantiert ein freies Polen in einem freien Europa. Das ist letztlich parteiübergreifender Konsens in Polen. Je besser Deutschland sich für die Ukraine einsetzt, desto besser wird sich das auf die deutsch-polnischen Beziehungen auswirken. (Interview: Tatjana Coerschulte)

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