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Die religiöse Verschleierung des Aufstands

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Samar Yazbek lebt seit ihrer Flucht aus Syrien 2011 in Frankreich
Samar Yazbek lebt seit ihrer Flucht aus Syrien 2011 in Frankreich © anna Weise

Die syrische Autorin Samar Yazbek protestiert mit ihrem Buch „Schrei nach Freiheit“ gegen das Regime von Syriens Präsidenten Baschar Al-Assad. Während weltweit öffentlich aus dem Buch gelesen wird, lebt die Schriftstellerin in Angst.

Von Astrid Kaminski

Die syrische Autorin Samar Yazbek befindet sich in einem tragischen Wettlauf mit der Zeit. Seit der Flucht aus ihrem Heimatland im vergangenen Jahr und seit der europäischen Veröffentlichung ihres Widerstandsbuches „Schrei nach Freiheit“ klärt sie unermüdlich über den Mut ihrer Landsleute und die Methoden der Gewaltdiktatur, denen sie ausgesetzt sind, auf.

In dem tagebuchartigen Dokument beschreibt sie die Strategien der herrschenden Assad-Sippe, die seit einem Jahr andauernden Unruhen als Bürgerkrieg erscheinen zu lassen und die starken konfessionellen Bindungen in Syrien dazu zu nutzen, religiösen Hass zu schüren.

Dem Regime sei jedes Mittel, jeder Mord recht, um den Aufstand nicht als „Schrei nach Freiheit“ erscheinen zu lassen, sondern als einen gewalttätigen, fanatischen Kampf der sunnitischen Mehrheit gegen die herrschende alawitische Minderheit.

Ganze Stadtviertel werden abgeriegelt

Ganze Stadtviertel würden ghettoartig zum angeblichen Schutz der unterschiedlichen Religionsgemeinden abgeriegelt und gleichzeitig immer wieder beschossen, um Zwietracht zu säen und sich als notwendig ordnende Staatsmacht in einem Bürgerkrieg aufzuspielen.

Wenn hierzulande inzwischen also vom „syrischen Bürgerkrieg“ gesprochen wird, dann könnte dies durchaus auch als erfolgreiche Geschichtsdarstellung des syrischen Gewaltregimes zu werten sein. Andererseits wird dieser „Erfolg“ mehr und mehr tragische Realität.

Die freie syrische Armee und die Waffenlieferungen aus islamischem Umfeld an Teile der Opposition kann man nicht einem gewaltfreien Widerstand zuordnen. Ebenso wenig ist die breite Bereitschaft der Syrer sich für Assads bis zu fünfzehn Geheimdienste und seine „Killerschwadrone“ (Rafik Schami) anwerben zu lassen, von der Hand zu weisen.

Mörder unter uns

„Wie leben all diese Mörder unter uns?“, fragt Yazbek immer wieder verzweifelt. Und auch sie weiß in ihrem Buch und in Podiumsgesprächen, dass sich Syrien noch nicht „jenseits von konfessioneller Gewalt“ befindet.

Trotzdem ist sie unbedingte Chronistin und Akteurin eines friedlichen Widerstandwillens. Auch für eine militärische Intervention möchte sie sich nicht aussprechen.

Man könne „Menschenleben nicht gegen Menschenleben wägen“, sagte sie in einem Interview. Ihr über vier Monate, vom 25. März 2011 bis zu ihrer Flucht im Juli, geschriebenes Tagebuch ist vor allem ein Dokument der großen konstruktiven Kräfte ihrer syrischen Landsleute. Und auch eines ihres fast unfassbaren persönlichen Mutes.

Samar Yazbek stammt aus einer der Regierung nahe stehenden, angesehenen alawitischen Familie. Bereits mit 16 Jahren aber hatte die außergewöhnliche Frau sich von traditionellen Bindungen losgesagt. Sie ließ sich von ihrem Mann scheiden und ist mit ihrer damals zweijährigen Tochter nach Damaskus geflohen. Dort studierte sie, arbeitete als angesehene Autorin und Moderatorin im syrischen Fernsehen. Als Zugehörige zur Elite des Landes ließ man sie trotz mancher Vorladung weitgehend gewähren.

Name der Autorin auf der Todesliste

Zum definitiven Bruch kam es erst mit Yazbeks Beteiligung am Widerstand gegen Assad. Sie wurde auf Flugblättern zur Verräterin gestempelt, ihr Bruder hätte sich aufgrund der Scham über ihre Aktivitäten fast erschossen, und schließlich tauchte ihr Name auf einer Todesliste auf.

Zudem war sie gezielter psychologischer Folter ausgesetzt, die von Drohanrufen bis zu gewaltsamen „Entführungen“ in die Folterkeller des Regimes reichte. Durch den Anblick von an Seilen aufgehängten und bis zur Bewusstlosigkeit geschundenen Menschen sollte sie dort zur Vernunft gebracht werden.

Vernunft, das bedeutet in der Sprache ihrer Folterknechte ein Auftritt im syrischen Staatsfernsehen, bei dem sie zuzugeben hätte, dass sie vom Westen zu ihren Aktivitäten manipuliert worden sei. Yazbek hat dafür ein anderes Wort: „Selbstmord“.

Sie hat sich diesem Selbstmord unter Einsatz ihres Lebens verweigert. Sie ist weiterhin durch das Land gefahren, hat sich verkleidet – um nicht wie eine Fliege im Netz der unzähligen Checkpoints hängenzubleiben – und Zeugenaussagen gesammelt. Ihre Tagebuch-Chronik ist schwer zu bewältigen.

Nicht nur aufgrund der unerträglichen Grausamkeiten, sondern auch, weil es angesichts der Gewalt die existentiellen Fragen stellt, zu denen wir immer noch keine Antworten haben. Nach der Lektüre von „Schrei nach Freiheit“ wird man leider umso weniger darauf hoffen können, dass „bis zu 300“ UN-Beobachter allein sinnvoll etwas ausrichten können.

Symbolischer Protest im Internet

Wer zumindest seine Stimme erheben möchte, kann auf der französischen Internet-Seite „vagueblanchepourlasyrie.org“ ein persönliches Stoppschild posten. Viele Prominente sind in Frankreich, wohin Yazbek zur Rettung ihrer Tochter geflüchtet ist, dieser Möglichkeit gefolgt.

Über das Internationale Literaturfest (ilb) in Berlin hat die Autorin nun zu einer weltweiten Solidaritätsbewegung aufgerufen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie den Wettlauf mit der Zeit noch gewinnen wird. Es ist unwürdig, sie dabei allein zu lassen.

Zu einer weltweiten Lesung aus Samar Yazbek „Schrei nach Freiheit“ hat das

Internationale Literaturfestival Berlin am Tag des Buches am Montag aufgerufen.

23. April um 12:00 Uhr, vor der Syrischen Botschaft in Berlin, Rauchstr. 25. Mit Irene Dische, Moritz Rinke, Ilse Ritter, Herbert Wiesner, Ulrich Schreiber u.a.

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