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„Als Frau kam ich natürlich nahe an die Frauen heran“, sagt Ulrike Keding. Dieses Foto zeigt iranische Kurdinnen in ihrer Festtagskleidung.

Frauen im Iran

Rolle der Frauen im Iran: Autorin Ulrike Keding berichtet im Interview von ihren Eindrücken

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Rolle der Frauen im Iran: Autorin Ulrike Keding schildert im Interview Eindrücke ihrer Reise durch den Iran. Ein Gespräch über Iranerinnen, die sich nicht einschüchtern lassen wollen.

Wir treffen uns zum Gespräch in einem Café in Frankfurt. Die Journalistin und Fernsehreporterin Ulrike Keding hat über Monate hinweg, ohne ihren Beruf zu erkennen zu geben, den Iran bereist. Über das Internet knüpfte die 56-Jährige als „Couchsurferin“ Kontakt zu zahlreichen Frauen, bei denen sie dann längere Zeit leben konnte. In ihrem Buch dokumentiert sie den verdeckten und öffentlichen Kampf um ihre Rechte ,den viele Frauen im Iran trotz immer härterer Unterdrückung führen. Sie macht deutlich, wie stark die Menschen im Iran unter den von den USA verhängten Sanktionen leiden. Ihr Plädoyer an uns ist, diese Menschen aber dennoch nicht aufzugeben und den Kontakt unbedingt aufrechtzuerhalten.

Frau Keding, Sie haben ein bewegendes Buch geschrieben über Frauen im Iran, die um ihre Freiheit kämpfen und ihre Menschenrechte. Wie ist Ihre Verbindung zum Iran entstanden?

Ich war schon immer von dem Land und seiner Kultur fasziniert. Das war der Auslöser. Ich habe keine familiäre oder andere Verbindung zum Iran. Aber ich bin Journalistin und ein neugieriger Mensch. Ich wollte immer hinter die Kulissen dort schauen. Es gibt ein negatives Image vom Iran im Westen. Viele westliche Frauen fahren schon dort nicht hin, weil sie dort ein Kopftuch tragen müssten. Von diesen Vorurteilen bin ich frei. Mir ging es um das tatsächliche Leben der Frauen im Iran.

Ulrike Keding  hat Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie Anthropologie in Wien studiert. Die Rundfunk- und Fensehredakteurin war Reporterin bei der Deutschen Welle, bei RBB, WDR und ZDF. Sie arbeitet heute als freie Journalistin.  

Es ist ja nicht selbstverständlich, sich als Frau aus dem Westen alleine über Monate hinweg durch den Iran zu bewegen. Und zwar auf eine Art und Weise, wie es westliche Besucher so gut wie nie tun. Sie sind lange Strecken mit dem Bus gefahren, während westliche Touristen vor allem fliegen.

Ich habe mich wunderbar gefühlt. Man muss nicht mutig sein, um so durch den Iran zu fahren. Die westlichen Touristen kommen mit organisierten Reisegesellschaften. So lernen sie aber nicht das Land kennen. Sie lernen nur die Museen und einige Moscheen kennen. Die Menschen dort sind sehr aufgeschlossen, hilfsbereit und freundlich. Ich stand bei ihnen permanent im Mittelpunkt, aber auf positive Weise. Auch Männer waren keineswegs aufdringlich.

Die organisierten Reisen vermitteln ja einen westlichen Blick auf Kulturdenkmäler. Sie haben Ihre Reisen über das Internet organisiert, Sie haben gezielt Ansprechpartner und Orte im Internet gesucht.

Ja. Ich habe Couch-Surfing praktiziert. So konnte ich den Kontakt zu den Frauen knüpfen. Ich wollte mich nicht einfach bei fremden Iranern einquartieren. Das war mir zu intim. Ich stellte dann fest, dass auch junge Iraner meist bei ihren Familien leben. Auch wenn ein junger Mann 28 Jahre alt ist, lebt er noch bei seinen Eltern und seinen Geschwistern.

Sie sollten den Begriff Couch-Surfing erklären.

Couch-Surfing ist eine weltweite Plattform mit zwölf Millionen Anhängern und heißt, dass man im Internet nach privaten Couchen surft. Das ist tatsächlich umsonst, man muss kein Geld bezahlen für den Aufenthalt. Der Iran besitzt eine tausendjährige Tradition von Gastfreundschaft, deshalb ist das im Iran sehr beliebt. Die Iraner wollen gerne Menschen aus dem Westen kennenlernen und können natürlich nicht so ohne weiteres in den Westen reisen. Sie brauchen ein Visum und sie brauchen Geld.

Verblüffend ist ja, dass sie sich als westliche Frau alleine frei bewegen konnten.

„Ich habe mich wunderbar gefühlt“: Studentinnen in Shiraz.

Die Iranerinnen und Iraner stehen unter extremer Kontrolle. Ich habe mich natürlich nie als Journalistin geoutet, sonst wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Im Frankfurter Konsulat wurde ich gefragt, wieso ich nur zwei Hotels angegeben hatte, mich aber doch sechs Wochen lang im Iran aufhalten wollte. Ich habe natürlich die Adressen meiner Couch-Surfing-Partnerinnen nicht angegeben, weil das im Iran nur halblegal ist. Dann habe ich behauptet, ich hätte meine Hotels noch nicht gebucht. Und damit bin ich durchgekommen.

Sie haben im Iran das geheime Leben der Frauen kennengelernt, das man im Westen kaum kennt.

Als Frau kam ich natürlich nahe an die Frauen heran. Einem Journalisten wäre das nie möglich. Ich konnte in den Frauentrakt in den Moscheen gehen. Die Frauen haben sich mir anders anvertraut als einem Mann. Die Frauen stehen sehr stark unter Beobachtung des Regimes, mehr als die Männer. Aber sie nehmen sich dennoch ihre Freiheiten. So fahren sie etwa mit ihren Freunden in die Wüste, um dort unbeobachtet auch ohne Kopftuch sein zu können. In Teheran und in anderen großen Städten wohnen Frauen sogar mit Männern zusammen, ohne verheiratet zu sein. Ich habe in einer gemischten WG gelebt. Das funktioniert so, dass die Vermieter bestochen werden mit einem Stapel Extrascheinen.

Ein starker Kampf der Frauen im Iran dreht sich darum, sich in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch bewegen zu können. Sie schildern ja in Ihrem Buch, dass es immer mehr Frauen gibt, die das tatsächlich wagen.

Ja. Es gibt die Bewegung „weißer Mittwoch“, das ist die bekannteste Bewegung für die Freiheitsrechte der Frauen. Die Frauen stellen sich ohne Kopftuch auf irgendwelche Verteilerkästen in Teheran, wo sie weithin sichtbar sind, und riskieren ihre Verhaftung. Es gibt auch stillen Protest. Viele Frauen tragen den Schleier nur ganz hinten, so dass man viele Haare sieht. Das sind die „schlechten Kopftuchträgerinnen“. Die Menschen wissen dann sofort, dass diese Frauen nicht hinter dem Regime stehen. Es gibt aber natürlich auch regimetreue Frauen, die das Kopftuch sehr streng tragen und sich überhaupt verhüllen.

Wird der Protest vor allem von jüngeren Frauen getragen?

Es sind die Großstädterinnen und die gebildeten Frauen. Auf dem Land ist der Widerstand geringer.

Lesung

„Die heimliche Freiheit“ von Ulrike Keding ist bei Herder erschienen und kostet 20 Euro. Die Leipziger Buchmesse wurde zwar abgesagt, aber Ulrike Keding stellt ihr Buch am Freitag, 13. März, um 18 Uhr in der Volkshochschule in Leipzig, Löhrstraße 3-7, vor. 


In Wiesbaden liest  Ulrike Keding am 21. April um 19.30 Uhr im Literaturhaus, Villa Clementine, Frankfurter Straße 1. 

Sie schildern ein iranisches Bürgertum, das sehr gebildet und hoch qualifiziert ist.

Ja. Die Iraner sind ein sehr gebildetes Volk. Es gibt auch Frauen durchaus in hohen Positionen. So wird die iranische Staatsfluglinie Iran Air von einer Frau geführt. Aber in der Politik besitzen die Frauen keine Rechte. Gerade haben leider wieder die konservativen Kräfte die Parlamentswahl gewonnen. Der Wächterrat der Geistlichen wählt die Kandidaten vorher aus – und Frauen und Reformer werden einfach nicht zugelassen.

Viele von den Frauen, die Sie trafen, wollen in den Westen.

Leider sehen die Frauen keinen Ausweg in ihrem Land. Sie können schon Ärztinnen werden und Wissenschaftlerinnen. Aber auch sie streben in den Westen. Die meisten Frauen, die ich getroffen habe, träumen von Europa. Eine Revolution im Iran sehen sie als nicht realistisch an. Die Opposition wird derart brutal niedergeschlagen und auch bespitzelt. Es gibt Millionen von Spitzeln. Man muss sehr aufpassen, wem man was erzählt. Ich habe auch Frauen getroffen, die schon in Deutschland waren. Die wollten allerdings nicht mehr zurück nach Deutschland, weil sie dort mit Ausländerfeindlichkeit konfrontiert waren.

Sie schildern auch die Lage iranischer Künstlerinnen, die im Verborgenen auftreten.

„Die Menschen wissen, dass diese Frauen nicht hinter dem Regime stehen.“

Ich habe einen Auftritt von Bahareh Mirza-Agha erlebt, das war toll. Sie ist im Iran eine Art Freiheitsidol und durfte in Teheran tatsächlich in einem Saal vor 1200 Frauen singen. Aber nur vor Frauenaugen, Frauen dürfen im Iran nicht vor Männern auftreten. Aber die Frauen haben ihr zugejubelt, weil es ihr tatsächlich gelungen war, diesen Saal zu mieten. Es gibt immer mehr Frauenkonzerte für Frauen. Am Eingang mussten alle Frauen ihr Smartphone abgeben, damit nichts gefilmt werden konnte.

Es gibt aber auch konservative Frauen.

Ja. Ich habe Tschador-Trägerinnen getroffen, die von Khomeini als einem Heiligen gesprochen haben. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung, so ist die Schätzung der Bundeszentrale für politische Bildung, stützen das Regime. Ich habe mein Buch „Die heimliche Freiheit“ genannt, weil die fortschrittlichen Frauen tatsächlich ein Leben im Verborgenen führen. Sie können schon verhaftet werden, weil ihre Kleider zu kurz sind.

Nimmt die Repression zu?

Ja. Bei den Novemberprotesten gegen die Benzinpreiserhöhung 2019 wurden Tausende verhaftet. Der Protest wurde niedergeknüppelt.

Können die starken Frauen einen Wandel herbeiführen?

„Es gibt auch stillen Protest“: Eine Frau raucht die Geylun-Pfeife.

Das ist die zentrale Frage. Ich würde sagen: Steter Tropfen höhlt den Stein. Aber die Mullahs bilden ein sehr cleveres Regime. Deshalb lassen sie den Frauen auch gewisse Freiheiten.

Das sind also kalkulierte Freiheiten?

Ja. Es ist eine kalkulierte Liberalisierung. Das Regime schlägt nur dann zu, wenn seine Macht gefährdet wird. Der erste Schritt zur Verbesserung wäre, Religion und Staat klar zu trennen.

Glauben Sie an einen Sturz des Regimes?

Darüber habe ich mit den Frauen diskutiert. Viele fürchten sich vor einer neuen Revolution. Einerseits wollen sie den Wandel, andererseits fürchten sie Anarchie. Viele Frauen plädieren für eine Evolution...

...also eine Art langsamen Wandels?

Ja, denn sie wollen kein Blutvergießen. Ein großes Problem ist, dass es keine Leitfigur der Opposition gibt. Das lässt die Diktatur nicht zu. Nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen geht es mit der Wirtschaft außerdem steil bergab. Die Sanktionen der USA sind sehr stark spürbar. Die Chance für einen Wandel wäre gewesen, wenn der Westen sich hier viel stärker wirtschaftlich engagiert hätte gegen die Sanktionen. Aber viele Unternehmen tun das leider nicht aus Angst um ihr US-Geschäft. Das ist sehr schade.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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