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Boris Johnson: Das Gespenst der Downing Street

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Von: Sebastian Borger

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Kehrt Boris Johnson als Premierminister zurück? Seine Chancen stehen gar nicht schlecht. Noch aber favorisiert man Ex-Finanzminister Rishi Sunak.

London – Hektische Telefonate, geheime Absprachen, öffentliches Posieren – für die 357 Abgeordneten der konservativen Regierungspartei dürfte dieses Wochenende anstrengend werden. Am Freitag stand ein Thema im Mittelpunkt aller Debatten: Steht ein Comeback des erst im Juli von der Fraktion aus dem Amt gescheuchten Ex-Premiers Boris Johnson an? Er wäre dann der fünfte (oder doch erst vierte?) Tory-Premier binnen sechs Jahren für taumelnde Königreich.

Boris Johnson, wirklich?

Dass der Ex-Premier auf ein Comeback hofft, hat er mehrfach öffentlich angedeutet. „Hasta la vista, baby“, verabschiedete er sich als Regierungschef. Bis zum Wiedersehen. Vor allem Liberalkonservative sehen die Diskussion um den Ex-Chef mit Grauen. Sie würden aus Protest gegen den als Lügner und Dilettanten aus dem Amt Gejagten ihre Mandate niederlegen und Nachwahlen erzwingen, gaben die Fraktionsveteranen Roger Gale und John Baron schon zu Protokoll. Die Fans eines Blitz-Comebacks innerhalb und außerhalb der Fraktion verweisen hingegen auf den hohen Wahlsieg von 2019. Freilich sind seine Zustimmungswerte in der Bevölkerung längst in den Keller gerutscht. Anders als 2019 stehen die Torys auch nicht mehr einer zerstrittenen Labour-Partei unter dem eigenbrötlerischen Jeremy Corbyn gegenüber.

Die mediale Begeisterung ob des kommenden Kampfs um die Macht in Downing Street lässt sich förmlich mit Händen greifen. Daniel LEAL/AFP
Die mediale Begeisterung ob des kommenden Kampfs um die Macht in Downing Street lässt sich förmlich mit Händen greifen. © Daniel Leal/afp

Will Johnson überhaupt?

Das dürfte davon abhängen, wie stark die Unterstützung übers Wochenende anwächst. Mit der Rückkehr ins Amt nach sieben Wochen würde Johnson jedenfalls alle Rekorde brechen. Dabei hatte er eigentlich verlauten lassen, es sei nun dringend Zeit zum „Heumachen“, vulgo: zum Geld verdienen; schließlich muss der mindestens siebenfache Vater allerlei Mäuler stopfen und zig Schulden abarbeiten. Als Festredner verdient der begnadete Witzeerzähler gern mal 250 000 Euro pro Abend. Von der Vakanz in der alten Wirkungsstätte hörte der 58-Jährige im Karibik-Urlaub. Zur Vorsicht mahnt aber Johnsons Biograph Andrew Gimson: Es sei „viel zu früh“ für eine Rückkehr ins Amt, zu frisch seien die Wunden des Streits, der zu seiner Vertreibung führte.

Wann stehen die Kandidaten fest?

Um 14 Uhr Ortszeit am Montag müssen die hoffnungsvollen Anwärter:innen nicht nur ihre Bereitschaft erklären, sondern auch 100 Unterstützungszusagen präsentieren. Mit diesem hohen Quorum schiebt der zuständige Fraktionsausschuss eitlem Schaulaufen den Riegel vor. Da die Tory-Fraktion derzeit 357 Mitglieder hat, treten also höchstens drei zum ersten Wahlgang an. Dem Statut zufolge müssten die zur zweiten Runde übrig bleibenden zwei den rund 180 000 Parteimitgliedern zur Entscheidung überlassen werden. Insgeheim hofft man aber, dass bei klarem Stimmenabstand der oder die Unterlegene zurückzieht. „Es könnte also sein, dass wir bereits am Montagabend wissen, wer neuer Parteivorsitzender und Premier ist“, erläuterte Jo Gideon, eine der Organisatorinnen, der BBC. Spätestens am Freitag soll die Nachfolge für Liz Truss geklärt sein.

Wer kommt in Frage?

Eindeutiger Favorit ist Rishi Sunak. Der 42-Jährige hat eine steile Karriere hinter sich: Erst seit 2015 Abgeordneter, endete er vorerst als Schatzkanzler. Die zahlreichen Sunak-Fans in der Fraktion schwärmen von seiner Kompetenz, insbesondere bei den Finanzen. Alle anderen halten ihn für einen Verräter an Johnson. Als Flügel-übergreifende Figur taugt er jedenfalls nicht.

Und wer wäre das?

Vielleicht Penny Mordaunt. Die für das Gesetzgebungsprogramm im Unterhaus zuständige Ministerin war bei der Abstimmungsserie im Juli erst im allerletzten Durchgang hinter Sunak und Truss auf Platz Drei gelandet. Die 49-Jährige polarisiert anders als Johnson und Sunak nicht, im Gegenteil: Ihr Programm ist die Versöhnung aller wichtigen Parteiströmungen. Und jetzt hat sie auch ihre Kandidatur erklärt.

Was macht die Opposition?

Schaut dem Treiben ohnmächtig zu, wie das Wahlvolk auch. Tosender Beifall begleitete in der BBC-Diskussionssendung „Question Time“ die Publikumsforderung nach Neuwahlen. Die Chancen auf einen vorgezogenen Urnengang tendieren aber gegen Null. (Sebastian Borger)

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