Die Labour-Opposition bezeichnet sie als "zurückhaltend, verschlossen, zu Allianzen unfähig" Premierministerin Theresa May.
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Die Labour-Opposition bezeichnet sie als "zurückhaltend, verschlossen, zu Allianzen unfähig" Premierministerin Theresa May.

Großbritannien

Regieren aus dem Bunker

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Von Theresa Mays diplomatischem Geschick hängt der Brexit-Erfolg ihres Landes ab. Die Premierministerin gilt als verschlossen und kühl.

Gut neun Monate lang hat das politische London Zeit gehabt, sich an die neue Regierungschefin zu gewöhnen. Für die allermeisten gilt noch immer jene Einschätzung, die Theresa Mays Biographin Rosa Prince im Titel ihres Buches „Die rätselhafte Premierministerin“ zusammenfasst. Souverän hat die 60-Jährige vergangene Woche auf den Terroranschlag von Westminster reagiert, kühl hält sie ihr Kabinett zusammen und die schwache Opposition auf Distanz. Mit ihrem Brief an EU-Ratspräsident Donald Tusk läutet die Konservative nicht nur den Austritt der Insel aus den Brüsseler Institutionen und damit eine komplette Neuordnung der britischen Außen-, Sicherheits- und Handelspolitik ein. Sie stellt sich auch persönlich einer kaum zu bewältigenden Aufgabe.

Kaum zufällig erhält die Premierministerin Zuspruch aus den Reihen der überzeugten EU-Feinde. Sie mache das „genau richtig“, freut sich der jetzt unabhängige frühere Ukip-Abgeordnete Douglas Carswell. Brexit-Minister David Davis wird in der Öffentlichkeit nie müde, das Loblied seiner Chefin zu singen. Deren Rede im Lancaster-Haus, Grundlage des Austritts-Weißbuches der Regierung, rühmt der Minister als wegweisende Strategie. Die Offenheit der weltweit sechstgrößten Industrienation wird darin betont, das Interesse an engen Handelsbeziehungen zu Europa bekräftigt, die eigene Kompromissbereitschaft beteuert. Aber May hat auch den Satz gesagt: „Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal“ – notfalls werde die Insel ohne jede Übergangslösung aus der Gemeinschaft ausscheiden, deren Regeln seit mehr als 40 Jahren die britische Gesellschaft prägen.

Wohlgemerkt: Dieser Satz fiel nicht in der Hitze eines Wortgefechts im Unterhaus, sondern am Ende einer lang angekündigten, ausgefeilten Rede. Manifestiert sich da der Optimismus jener englischen Nationalisten, die instinktiv an die Überlegenheit ihres Landes gegenüber den korrupten Gesellschaften Europas glauben? Oder sehen wir die unbewegliche Maske einer beherzten Pokerspielerin, die zu Beginn langwieriger Verhandlungen ihren ersten Bluff vorführt?

Im Referendumskampf trat die damalige Innenministerin als wenig begeisterte Befürworterin des EU-Verbleibs auf. Seit sie im Juli ihren Vorgänger David Cameron beerbte, wirkt die Tochter eines anglikanischen Pfarrers, als müsse sie permanent überkompensieren. „Brexit bedeutet Brexit“ war nicht nur Versprechen an jene 51,9 Prozent des Wahlvolkes, die sich vom Gerede einer angeblich notwendigen „Wiederherstellung der Souveränität“ hatten beeindrucken lassen. Es richtete sich auch an die eigene Partei, beschwor deren Einigkeit, bugsierte die EU-Freunde in die Ecke ungezogener Stänkerer.

Sie werde den Brexit zum Erfolg machen, behauptet May unverdrossen, redet von den herrlichen Chancen des „unabhängigen Landes“, bewarb sich artig als erste ausländische Regierungschefin bei US-Präsident Donald Trump um Vorzugsbehandlung. Auf dem viel näher gelegenen Kontinent hingegen haben sie und ihre Regierung sich bisher wenig Freunde gemacht. Als neulich in englischen Zeitungen von einer Abkühlung des Verhältnisses zur deutschen Kanzlerin Angela Merkel die Rede war, kommentierte ein Insider: „Was sollte sich da abkühlen?“

Dabei komme es in EU-Verhandlungen eben nicht nur auf Interessen, sondern auch auf das persönliche Verhältnis an, mahnt der konservative Ex-Premier John Major: „Ein wenig mehr Charme und deutlich weniger billige Rhetorik würden den britischen Interessen zugute kommen.“ Der Mann, der an diesem Mittwoch 74 Jahre alt wird, muss es wissen: In seine Amtszeit (1990-97) fielen die extrem schwierigen Verhandlungen über den Vertrag von Maastricht, der den Weg zum Euro freimachte und den Briten den eigenen Weg innerhalb der EU garantierte.

Charme aber gehört, vorsichtig gesagt, nicht zu Mays Stärken. Als der damalige Vizepremier Nick Clegg sich bei Cameron beklagte, man könne mit der Innenministerin „kein bisschen“ Smalltalk machen, gab der damalige Premier zurück: „Das ist nicht persönlich gemeint. Mir geht es ganz genauso.“ Anders als bei Cameron sei das Regierungshandeln in der Downing Street unter May „zurückhaltend, verschlossen, zu Allianzen unfähig“, hat Labour-Spitzenpolitiker Keir Starmer beobachtet. Parteifreunde der Vorsitzenden werden hinter vorgehaltener Hand deutlicher und sprechen von einem „hermetischen Bunker: Sie führt die Zügel sehr eng.“

Entscheidungen trifft die Premierministerin nach umfassender Aktenlektüre am liebsten spät nachts und allein. Neben den Büroleitern Fiona Hill und Nick Timothy wird dem Vernehmen nach höchstens Ehemann Philip nach seiner Meinung gefragt. Brexit-Minister Davis genießt ein gewisses Ansehen, hingegen gelten Außenhandelsminister Liam Fox und Außenminister Boris Johnson als einflusslos.

Integrität oder Starrköpfigkeit? Mag sich eine Regierung so führen lassen – die britischen Berufsdiplomaten machen sich Sorgen darüber, ob May in den komplizierten EU-Verhandlungen die nötige Flexibilität aufbringen kann. Von heute an bleiben der Engländerin genau zwei Jahre, um diese Zweifel zu zerstreuen.

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