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In den 70ern wie heute eher die Ausnahme: Weibliche Filmemacher wie Margarethe von Trotta (hier mit Ehemann Volker Schlöndorff).

Kultur

„Regie wird uns nicht zugetraut“

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Filmemacherin Barbara Rohm spricht über die Hürden im Job und Stereotype vor und hinter der Kamera.

Frau Rohm, wie oft wurde Ihnen ein Mann als Regisseur vorgezogen?
Das lässt sich so nicht sagen. Fest steht: Viele Frauen, die sich bei Pro Quote Regie engagieren, haben das selbe erlebt wie ich. Wir haben uns gewundert, dass es so schwierig ist, in dieser Branche Fuß zu fassen. Dass wir zum Beispiel gegen eine Wand geprallt sind, wenn wir uns um Serien-Regie bewarben, mit der sich gut der Lebensunterhalt verdienen lässt. Selbst Kolleginnen, die für ihr Debüt den Deutschen Filmpreis bekommen hatten, bekamen keine Angebote.

Liegt das auch an der Scheu vieler Frauen, aus ihren Kontakten Geschäfte zu generieren?
Die Medienwissenschaftlerin Mahelia Hannemann hat eine Umfrage an der Filmuniversität Babelsberg durchgeführt und das Ergebnis war: Fünf Jahre nach dem Abschluss arbeiten 100 Prozent der Männer als Regisseure aber nur 25 Prozent der Frauen. Alle Männer gaben an, sie hätten ihre Aufträge über Empfehlungen bekommen. Das war bei keiner Frau der Fall. Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie schwer es für Frauen ist, einen Fuß in die Tür zu bekommen, wenn das Vertrauen in sie und die Unterstützung fehlt, auf die Männer zählen können.

Es gibt noch mehr Zahlen: 42 Prozent der Absolventen im Fach Regie sind Frauen, aber nur 11 Prozent der Sendeminuten bei der ARD werden von Frauen gedreht. Beim ZDF sind es nur acht Prozent. Nur zehn Prozent der Filmfördermittel gehen an Projekte mit weiblicher Regie. Woran liegt das?
Regieführen ist eine Führungsposition – und die wird Frauen schlicht und ergreifend weniger oder gar nicht zugetraut. Gleichzeitig wird aber behauptet, es werde nur nach Qualität entschieden. Dabei definiert doch in der Kunst jeder anders, was Qualität ist. Es geht nicht nur um die wirtschaftliche, sondern auch um die künstlerische Gestaltungsmacht – und die liegt hauptsächlich bei Männern der Altersgruppe 50 plus. Frauen und Nachwuchs kommen kaum vor.

Wer genau trifft denn diese Entscheidungen, die Frauen ausbremsen?
Das geschieht einmal natürlich in den Sendern und Produktionsfirmen, aber auch dort, wo Frauen sich mit ihren Projekten um Filmförderung bewerben. Dafür brauchen sie einen Sender als Partner – und der geringe Anteil der von Frauen produzierten Sendeminuten zeigt, wie schwierig das ist. Das ist eine Kette mit ganz vielen Hürden, die für Frauen höher sind als für Männer.

Heißt das, die Entscheiderpositionen sind auch überwiegend mit Männern besetzt?
In den Fördergremien ist das so. Deshalb fordern wir ja auch, dass sie paritätisch besetzt werden. Bei den Sendern sitzen in den höheren Etagen hauptsächlich Männer, doch es gibt auch viele Redakteurinnen. Das spielt aber leider oft gar keine Rolle, weil wir alle in derselben Gesellschaft aufwachsen, in unseren Entscheidungen von denselben Stereotypen geleitet werden.

Geht es also um klassische Rollenklischees wie das, eine Frau könne den anspruchsvollen Regieberuf nicht mit der Familie vereinbaren?
Das ist eines der Stereotype, die da herangezogen werden. Allerdings betrifft das Problem ja gleichermaßen Regisseurinnen mit und ohne Kinder. Es ist vielmehr so, dass was bei Männern als Garantie für Qualität gilt, bei Frauen oft zum Stigma wird. Ein bestimmtes Verhalten wird bei einem Mann als sympathisch und kompetent bewertet, das gleiche Verhalten bei einer Frau als arrogant und dominant. Studien aus anderen Branchen zeigen, dass der gleiche Lebenslauf anders bewertet wird, je nachdem, ob der Name eines Mannes oder der einer Frau drüber steht. Und auch der Begriff „Genie“ ist in unserer Kultur männlich konnotiert. Diese Stereotype leiten uns unbewusst, deshalb müssen wir sie aufdecken und uns bewusst werden, welche Unterschiede wir da machen.

Was bedeutet das denn für den Film, wenn die Macher überwiegend männlich sind?
Stereotype Rollenbilder spielen nicht nur hinter der Kamera bei den Machern eine Rolle, sondern auch die Welt in den Filmen und Serien hinkt der Realität hinterher. Die gläserne Decke im Film ist noch dicker als im echten Leben. Nur 20 Prozent der Figuren mit Beruf sind Frauen. Sie kommen als Managerinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen in Filmen viel seltener vor als in der Realität.

Ein Teufelskreis.
Genau.

Was sagen denn die Entscheider, wenn Sie sie mit solchen Zahlen konfrontieren?
Wir fordern die Quote, weil wir glauben, dass sie das geeignete Mittel ist, um einen Wettbewerb zu korrigieren, der verzerrt ist und nicht fair. Ob alle Entscheiderinnen und Entscheider da mitgehen, wissen wir noch nicht. Im letzten Jahr ist schon einiges in Bewegung geraten. Die ARD zum Beispiel hat 2015 eine 20-Prozent-Quote für weibliche Regie in Form einer Selbstverpflichtung beschlossen. Mit den Filmförderern sind wir da in einem guten Austausch für die Novellierung des Fördergesetzes. Dort wird eine paritätische Besetzung der Gremien und ein Gleichstellungsparagraf in Aussicht gestellt. Aber zum Beispiel beim ZDF bewegt sich gar nichts. Die verweigern bisher den Dialog mit uns.

Die Quote steht wohl auch dort im Verdacht, Frauen einen Vorteil zu verschaffen…
… aber Frauen wollen sich ja gar nicht dem Wettbewerb entziehen! Die aktuelle Situation ist einfach so, dass die Männer einen Vorteil haben. Schon vor über 30 Jahren gründeten Frauen wie Margarethe von Trotta den Verband der Filmarbeiterinnen mit den gleichen Forderungen wie wir heute. Damals hat man ihnen entgegengehalten, die Zeit werde das Problem von ganz alleine lösen. Das ist nicht passiert. Deshalb brauchen wir jetzt die Quote, um dieses starre System, das immer wieder die gleichen beschäftigt und das immer wieder gleiche produziert, aufzubrechen und der Vielfalt Raum geben zu können.

Eine Frauenquote in der Regie wird als ein mögliches Qualitätsrisiko wahrgenommen. Wie reagieren Sie auf dieses Argument?
Wir gehen davon aus, dass Talente unter Männern und Frauen und Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft gleichmäßig verteilt sind. Die 350 Regisseurinnen, die inzwischen hinter Pro Quote Regie stehen, können ja unmöglich an einem kollektiven Qualitätsmangel leiden. Eine Studie der Universität Rostock zeigt, dass Filme von Frauen im Vergleich erfolgreicher sind – sie laufen länger auf Festivals und bekommen mehr Preise. Auch dadurch wird klar, dass es bei der Besetzung letztlich um Konfidenzentscheidungen geht, bei denen immer auf das Vertraute zurückgegriffen wird.

Es geht Ihnen also gar nicht unbedingt darum, eine bestimmte weibliche Perspektive in den Film zu bringen?
Die weibliche Perspektive gibt es so ja gar nicht. Es geht darum, Vielfalt zu erzeugen, damit unsere Gesellschaft, so divers, wie sie ist, abgebildet wird. Und je diverser die Seite der Macherinnen und Macher ist, desto mehr Perspektiven spiegeln sich ja auch in den Filmen. Vielfalt ist ein ganz wichtiges Merkmal von Qualität. Wer Frauen ausschließt und damit die Hälfte der Talente, der bekommt ja auch nur die halbe Innovation, nur die Hälfte der Ideen und der Stimmen.

Doris Dörrie sagt, sie engagiere sich zähneknirschend bei Pro Quote. Viel lieber wäre ihr, es ginge ohne. Geht es Ihnen auch so?
Ja, klar, unser aller Ziel ist, dass wir überflüssig werden. Wir würden uns ja viel lieber nur auf unsere Filmprojekte konzentrieren. Wie Anke Domscheit-Berg immer so schön sagt: Die Quote ist eine Krücke – nicht schön, aber nötig.

Interview: Nadja Erb

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