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Die Krimtataren sind eine ursprünglich auf der Halbinsel Krim lebende muslimische, türksprachige Ethnie.

Situation der Krimtataren

„Sie wollen uns Angst machen“

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Refat Tschubarow, Führer der Krimtataren, über das Leben seines Volkes fünf Jahre nach der Annexion der Krim.

Herr Tschubarow, die Besetzung der Krim durch Russland 2014 hat Sie praktisch zum politischen Emigranten im eigenen Land gemacht. Wie haben Sie die vergangenen fünf Jahre erlebt?
Ich würde das nicht Emigration nennen, ich lebe ja trotzdem im eigenen Staat, in der Ukraine. Aber wie viele Tausende Krimtataren kann ich nicht mehr in meine Heimat zurück, die ja auch Teil der Ukraine ist. Diese fünf Jahre sind für mich schwarz gefärbt. Meine Mutter ist 85, wurde 1944 unter Stalin deportiert. Jetzt hat sie Angst, man lasse sie nicht mehr zurück, wenn sie mich besucht. Sie will auf der Krim, in der Heimat, sterben.

2014 stellte Moskau den Krimtataren allerlei Rechte und Privilegien in Aussicht. Warum haben Sie abgelehnt?
Wenn wir als Krimtataren gesagt hätten, gut, die Ukraine hat ihr Gebiet nicht schützen können, Russland ist da, wir müssen also mit Russland klarkommen, das wäre Selbstbetrug gewesen. Wer auch immer im Kreml sitzt, welch schönen Angebote er den Krimtataren auch unterbreitet, wir wissen, diese Versprechungen sind keinen Groschen wert. Seit 1793, seit der ersten Annexion der Krim durch Russland, kam alles Unglück für die Krimtataren aus Moskau.

Die Wolgarepublik Tatarstan fühlt sich halbwegs wohl in Russland.
Dort leben drei von fünf Millionen russischer Tataren, der zweitgrößten ethnischen Gruppe Russlands, ihre Republik ist Subjekt der Russischen Föderation. Aber bevor Tatarstan bestimmte Eigenständigkeiten erhielt, gab es zwei Tschetschenienkriege mit Hunderttausenden Toten. Russland benutzt geschickt sehr verschiedene Mechanismen. Indem es die einen unterdrückt, zieht es andere an sich. Aber wenn morgen die Wolgatataren ein bisschen lauter über ihre unveräußerlichen Rechte reden, dann wird man gegen sie so grausam vorgehen wie vorher gegen die Tschetschenen.

Wie leben Ihre Leute auf der Krim? Wie stark sind die Repressalien gegen sie?
Im Februar gab es Hausdurchsuchungen in drei Familien in dem Dorf Bijuk-Onlar, drei Männer wurden verhaftet, zwei davon Familienväter, alle drei werden beschuldigt, terroristischen Organisationen anzugehören. Zurzeit sind über 70 Leute in Haft. Dutzende wurden verschleppt, über zehn davon haben wir ermordet gefunden. Die Repressalien haben System, sie wollen uns Angst machen, uns zwingen, die Krim zu verlassen.

Es gibt das Ziel, die Krimtataren von der Halbinsel zu verdrängen?
Russland hat die Krim nicht okkupiert, um auch nur einer Volksgruppe dort Gutes zu tun. Es hat in diesen fünf Jahren die Krim zum militärischen Vorposten umgebaut. Alle modernen Waffen, die Russland besitzt, hat es auf die Krim gebracht. Die Krim ist eine Drohung für die Südflanke der Nato, strategisch sehr wichtig für die Kontrolle des Schwarzen und des Mittelmeeres. Wenn ein Staat besetztes Gebiet in eine Festung verwandelt, kann er dort keine Leute gebrauchen, die ihm nicht bedingungslos ergeben sind.

Refat Tschubarow

Sie sind in Kiew, der Medschlis ist es auch, die Masse Ihrer Leute aber noch auf der Krim. Verlieren Sie, die Elite, nicht den Kontakt zum eigenen Volk?
Von 33 Mitgliedern des Medschlis befinden sich nur zehn außerhalb der Krim. Und nur fünf von 33 haben die Seite der Okkupanten gewählt. Die neueste Geschichte, vor allem die Sowjetzeit, hat uns gelehrt, uns selbst zu organisieren, zu kämpfen, gewaltfrei, aber massenhaft. Der Kuraltai, unser Parlament, war von 1917 bis 1991 verboten. Die Krimtataren wissen, wie man sich gegen Unterdrückung zu wehren hat.

Welche strategischen Ziele verfolgt Russland nach Ihrer Ansicht in der Ukraine?
Putin hat bestimmte Vorstellungen über Russlands Position in der Welt, die er versucht, Schritt für Schritt zu realisieren. Und die Ukraine hat das gewaltige Problem, dass sie sich in der ersten Reihe befand, als Putin damit anfing. Gegenüber uns setzt er direkte, gegenüber den Ländern Europas potenzielle Aggression an. Wenn wir die Ukraine nicht verteidigen, sind sie an der Reihe.

Was halten Sie vom Verhalten des Westens gegenüber Russland in diesen fünf Jahren ein?
Die Bemühungen des Westens haben sicher dazu geführt, dass die Ausweitung der russischen Expansion gestoppt wurde. Aber diese Bemühungen reichen nicht aus, um Russland zu zwingen, in den Rahmen des internationalen Rechts zurückzukehren. Der Aggressor wurde aufgehalten, aber die Folgen seiner Aggression bestehen weiter. Der Westen muss konsequenter sein.

Das klingt nicht, als stünde Europa wie eine Mauer hinter der Ukraine?
Dass Putin so wurde, wie er heute ist, haben wir auch einem Teil der Politiker Westeuropas zu verdanken. Und wenn sich die Welt eines Tages hinsetzt, um jedem zu bemessen, was er verdient, dann hoffe ich, dass man sich auch an Schröder oder andere Politiker erinnert, die sich für russisches Öl und Gas verkauft haben.

Interview: Stefan Scholl

Zur Person

Refat Tschubarow (61) ist Vorsitzender des Medschlis, des Selbstverwaltungsorgans der Krimtataren. Seine Heimat wurde im Frühjahr 2014 von russischen Truppen besetzt. Nach einer umstrittenen Volksabstimmung am 16. März schloss Russland die Halbinsel am 18. März an. Seit 2014 darf Tschubarow nicht mehr in die Krim einreisen, der Medschlis wurde als extremistische Organisation verboten. 2017 verpflichtete der UN-Gerichtshof Russland, dieses Verbot aufzuheben, es ignoriert den Beschluss. Der stellvertretende Vorsitzende des Medschlis, Achtjom Tschijgos, wurde zu acht Jahren Haft verurteilt.

1944 hatte Stalin 200 000 Krimtataren in Viehwagen nach Zentralasien deportieren lassen, 40 000 bis 90 000 waren dabei umgekommen, die Überlebenden und ihre Kinder durften erst nach 1989 zurückkehren. Von knapp 280 000 Krimtataren, die 2014 auf der Krim lebten, siedelten Zehntausende in die verbliebene Ukraine um. (FR)

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