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Über das Motiv für die Doxing-Attacke wird weiter spekuliert.

Datenklau

Mit dem PC zum Recyclinghof

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    Jörg Köpke
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Der Schüler aus Homberg verwischte die Spuren des Datendiebstahls. Die Debatte über politische Folgen geht weiter.

Der 20-Jährige aus dem hessischen Homberg hat sich nach der illegalen Veröffentlichung privater Daten große Mühe gegeben, seine Spuren zu verwischen. Das erfuhren Bundestagsabgeordnete am Donnerstag bei einer Sondersitzung des Innenausschusses zum Datenklau bei Politikern und Prominenten. Er löschte seine Festplatte demnach 32-mal. Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, sagte nach Angaben von Teilnehmern der nichtöffentlichen Sitzung, der junge Mann habe außerdem einen Computer auf einem Recyclinghof „ordnungsgemäß entsorgt“.

Die Frage, wie es Johannes S. gelingen konnte, derart viele sensible Daten zusammenzutragen, blieb unbeantwortet. Zwar hatte Münch schon am Montag erklärt, dass es jenem gelungen sei, einzelne Passwörter zu knacken. Die Theorie vom Einkauf der Daten im sogenannten Darknet wies Münch jedoch zurück. Über den Zeitraum eines Jahres soll der Schüler aus Mittelhessen an seinen Listen gearbeitet haben, bevor er sie im Dezember zu veröffentlichen begann.

Die Mitglieder des Innenausschusses fragten Münch und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), wie sicher es sei, dass der Beschuldigte allein gehandelt habe. Daran äußerten unter anderem der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, und der stellvertretende Grünen-Fraktionschef, Konstantin von Notz, Zweifel. Münch sagte während der Sitzung, man könne nicht ausschließen, dass es weitere Täter gebe. Seehofer ergänzte, man habe darauf aber auch keine Hinweise. Unklar bleibt überdies das genaue Motiv des Täters. Der Datendieb war Anfang der Woche festgenommen worden. Er legte ein Geständnis ab und wurde anschließend auf freien Fuß gesetzt. Bei seiner Vernehmung sagte er nach BKA-Angaben, er habe Menschen „bloßstellen“ wollen, über deren öffentliche Äußerungen er sich geärgert habe.

Unterdessen geht die Debatte über politische Konsequenzen aus dem Fall weiter. Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Armin Schuster (CDU), sagte auf Anfrage: „Aus dem Fall ist die Luft raus. Aber in dem Thema ist vielleicht so viel Luft drin wie noch nie.“ Er fügte hinzu: „Wir brauchen ein Cyberabwehrzentrum, in dem wie beim Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum Bund und Länder vertreten sind.“ Derzeit gebe es stattdessen das übliche föderale Durcheinander. Auch müsse das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) mehr Kompetenzen bekommen und etwa „digital Streife fahren“ dürfen. Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, Eva Högl, forderte ebenfalls übersichtlichere Strukturen und ein vom Bundesinnenministerium unabhängigeres BSI, damit dieses Firmen, Institutionen und Bürger beraten könne.

Kein Kontakt zu Twitter

Dem Vernehmen nach kündigte Seehofer an, die Befugnisse des BSI ausbauen zu wollen. Bislang ist es nur für die Sicherheit der Regierungsnetze zuständig – nicht für die einzelner Abgeordneter. Seehofer habe ferner angeregt, E-Mail-Dienste zu verpflichten, Anforderungen für Passwörter hochzusetzen, berichten Sitzungsteilnehmer. Ihnen zufolge soll er gesagt haben: „Schon in den 80er Jahren ist es mir gelungen, das Passwort für meinen Commodore 64 zu umgehen.“ Münch wird mit den Worten zitiert: „Abgeordnete sind eine kritische Infrastruktur“ – und spielte damit auf die Eigenverantwortung der Parlamentarier an, von denen es offenkundig einige an den nötigen Schutzmaßnahmen im Netz hatten fehlen lassen.

Nach Angaben der Abgeordneten Anke Domscheit-Berg (Linksfraktion) beklagte der neue Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber schließlich während der Sitzung, dass es auch für die Verantwortlichen nach wie vor keine Kontakttelefonnummer von Twitter in Deutschland gebe. Man müsse immer über Irland gehen. Auch Bürger fänden keinen Kontakt. Die gehackten Daten waren überwiegend via Twitter verbreitet worden.

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