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Im Gegensatz zu den Vorjahren sind diesmal nur noch wenige Ustascha-Abzeichen zu sehen.

Ustascha-Anhänger

Rechtsradikale treten als Ehrengäste in Bleiburg auf

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Beim Treffen der kroatischen Ustascha-Anhänger in Bleiburg treten bekannte Rechtsradikale als Ehrengäste auf.

Die Menschenschlange, die sich durch das österreichische Unterloibach zieht, ist kaum zu überblicken. Die zweistöckigen Einfamilienhäuser mit ihren ordentlich getrimmten Hecken und Rasen verschwinden hinter einem Meer aus Fahnen. Rot-Weiß-Blau, horizontal gestreift, in der Mitte das Schachbrettmuster des kroatischen Staatswappens. Darunter Ortsnamen aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina aber auch aus Österreich und Deutschland. Weniger als 400 Einwohner zählt der Ortsteil Loibach, der zur Kärntner Gemeinde Bleiburg gehört. Doch an diesem Samstagvormittag fluten Tausende Kroaten die Straßen – angereist aus ganz Europa. Wie jedes Jahr im Mai.

Es ist eine stille Prozession. Das Gemurmel der Betenden, die leise gesungenen Kirchenlieder stören kaum die Ruhe der Ortschaft. An der Spitze schreiten katholische Geistliche in weißem Ornat. Alles sieht nach einer religiösen Feierlichkeit aus. Doch die jährliche Gedenkfeier in Bleiburg ist mehr – egal von welcher Seite man es betrachtet: Für die Teilnehmer die Erinnerung an ein nationales Trauma, für Kritiker eines der „größten Faschistentreffen Europas“. Eines allerdings ist sie offiziell nicht mehr: eine religiöse Veranstaltung.

Ustascha erinnern an die „gefallene kroatische Armee“

In der offiziellen kroatischen Geschichtsschreibung firmiert die Kleinstadt Bleiburg, nur wenige Kilometer von der slowenischen Grenze entfernt gelegen, als Chiffre für die vermeintliche jahrzehntelange Unterdrückung des kroatischen Volkes durch Serben und Kommunisten – gerne auch beides. Im Mai 1945 war der von der faschistischen Ustascha-Bewegung regierte „Unabhängige Staat Kroatien“ zusammengebrochen. Zehntausende NS-Kollaborateure flohen vor den anrückenden Tito-Partisanen Richtung Norden. In ihrem Schlepptau auch Tausende Zivilisten. Bei Bleiburg hofften sie, sich der britischen Armee ergeben zu können.

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Rund 10.000 Teilnehmer nahmen an der Gedenkveranstaltung bei Bleiburg teil.

Die Briten aber lieferten die Gefangenen an die mit ihnen verbündeten Partisanen aus. In den Folgemonaten wurden Zehntausende ohne Gerichtsprozess hingerichtet. Eine Ereignis, das in Kroatien als „Beginn des Kreuzwegs des kroatischen Volkes“ firmiert. Eine Opfererzählung, in der alles, was vor dem Mai 1945 passiert ist, keine Rolle spielt. Etwa die systematische Ermordung Hunderttausender Serben, Roma und Juden durch die Ustascha.

Ziel der Prozession ist das Loibacher Feld. Dort hat der Bleiburger Ehrenzug, Organisator der jährlichen Gedenkfeier, bereits vor Jahren ein Grundstück erworben und eine Kapelle errichten lassen, die zugleich als Bühne dient. Ein schwarzer Gedenkstein erinnert in Kroatisch an die „gefallene kroatische Armee“. Die deutsche Übersetzung spricht nur von „unschuldigen Kroaten“.

Es sind erneut etwa 10 000 Menschen, die sich hier versammeln, um an die „Tragödie von Bleiburg“ zu erinnern. „Wir gedenken hier aller unschuldiger Opfer, unabhängig von ihrer Nationalität, Religion oder Ideologie“, betont Fabijan Svalina, Leiter der kroatischen Caritas. Schon die Tatsache, dass mit Svalina ein einfacher Priester die Messe leitet, zeigt, dass in diesem Jahr einiges anders läuft in Bleiburg. Seit 2003 hat die kroatische Bischofskonferenz das „Patronat“ über die Veranstaltung inne. Seitdem leitet eigentlich jedes Jahr ein kroatischer Bischof die Messe auf dem Loibacher Feld.

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Dafür allerdings bedarf es der Zustimmung des für Bleiburg zuständigen Bistums Gurk-Klagenfurt. Doch die österreichische Diözese verweigerte in diesem Jahr erstmals ihren Segen. Bereits im März hatte das Bistum bekanntgegeben, dass es die Messe als „Teil einer Veranstaltung“ ansehe, „die politisch instrumentalisiert und Teil eines politisch nationalen Rituals ist, das einer selektiven Wahrnehmung und Deutung von Geschichte dient“. Eine freundliche Umschreibung für das, was Beobachter des Gedenkens bereits seit mindestens einem Jahrzehnt immer wieder öffentlich machen.

In Bleiburg wird Ustascha offen verherrlicht

Immer wieder war es in Bleiburg zu offener Verherrlichung der Ustascha gekommen. Teilnehmer kleideten sich in Ustascha-Uniform, die bis vor wenigen Monaten in Österreich nicht verbotenen Symbole der Ustascha-Bewegung waren allgegenwärtig. In Bierzelten am Rande des Loibacher Felds wurden Ustascha-Lieder gegrölt, während auf der Bühne konservative Politiker aus Kroatien politische Reden hielten. Trotz aller gegenteiligen Beweise beteuerten die Veranstalter immer wieder, nur ein „würdiges Totengedenken“ abhalten zu wollen.

Eine Darstellung, der die Diözese Gurk-Klagenfurt nicht mehr so recht glauben wollte. Bereits 2018 hatte sie strenge Auflagen erlassen: kein politischen Reden, keine offenen oder verdeckten Ustascha-Symbole, kein Alkoholausschank. Diese allerdings seien „zum überwiegenden Teil“ nicht eingehalten worden. Damit verlor die Gedenkfeier von Bleiburg offiziell den Status als „religiöse Feier“ und wurde mehr als zuvor zum Politikum für die österreichischen Behörden.

Noch bevor in Unterloibach die Prozession beginnt, sammeln sich rund einen Kilometer entfernt rund 100 Gegendemonstranten am Bleiburger Bahnhof. Mobilisiert hatten „Radikale Linke“ in Kärnten und die sozialistische Kleinpartei „Arbeiterfront“ aus Kroatien. „Never let the fascists have the field“ steht auf einem der Protestbanner zu lesen. „Überlasst den Faschisten niemals das Feld.“

Zu den Gegendemonstranten gehört auch der ehemalige Nationalratsabgeordnete der österreichischen Grünen, Karl Öllinger. „Politisch ist es ein fatales Symbol, dass Österreich nichts macht“, sagt Öllinger. Wie andere Kritiker auch, spricht er sich für ein Verbot der Gedenkfeier aus. Jahrelang hatten die österreichischen Behörden damit argumentiert, dass dies bei einer religiösen Feier rechtlich beinahe unmöglich sei. Doch in diesem Jahr fällt die Gedenkfeier unter die Einschränkungen des „einfachen“ Versammlungsrechts.

Vor knapp zwei Wochen hatte der Kärntner Politiker Peter Pilz ein Gutachten öffentlich gemacht, in dem ein renommierter Verfassungsrechtler zu dem Schluss kommt, dass ein Verbot der Veranstaltung nicht nur möglich sondern „zwingend geboten“ sei, weil sie „nationalsozialistische Bestrebungen und Gedankengänge“ wieder beleben könnte.

Erstellt wurde das Gutachten im April dieses Jahre im Auftrag der für Bleiburg zuständigen Bezirkshauptmannschaft Völkermarkt. Eben diese lokale Behörde entschied sich dennoch gegen ein Verbot. Zur Begründung wird auf ein Gegengutachten der Kärntner Landespolizeidirektion verwiesen – das allerdings bislang nicht öffentlich gemacht wurde.

Die Diskussion über ein mögliches Verbot zeigt indes Wirkung. Im Gegensatz zu den Vorjahren sind 2019 nur noch wenige offene oder versteckte Ustascha-Abzeichen zu sehen. Ein junger Mann trägt das Ustascha-Logo als goldenen Anstecker an seinem Barrett, andere Teilnehmer tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Bleiburg“ über dem Bild eines kroatischen Wehrmachtssoldaten. Vorab hatten die Veranstalter sowie kroatische Veteranenverbände darum gebeten, auf „umstrittene Symbole“ zu verzichten – und unter anderem auf die hohen Geldstrafen in Österreich verwiesen.

Rassisten und Leugner von Todeslager Jasenovac sind vor Ort

Bleiburg 2019, das bedeutet, dass man genauer hingucken muss. Aussagekräftig sind etwa die prominenten Besucher. Neben zwei Ministern der amtierenden konservativen Regierung zählen dazu Leute wie der Slowene Roman Leljak, der unlängst in Kroatien ein Buch veröffentlicht hat, in dem das Ustascha-Todeslager Jasenovac zum „Mythos“ umgedeutet wird. Ebenfalls vor Ort: der rassistische Ideologe Tomislav Sunic, gern gesehener Gast bei Veranstaltungen rechtsradikaler Parteien wie der NPD in Deutschland. Zahlreiche Teilnehmerinnen lassen sich am Eingang zum Feld mit dem rechtsradikalen TV-Moderator Velimir Bujanec fotografieren – einem Mann der einst selbst Ustascha-Nachfolgeorganisationen angehörte. Sie alle sitzen direkt vor der Bühne – im Bereich der Ehrengäste.

Und auch auf einen Bischof wollten die Veranstalter dann doch nicht verzichten. Ivica Petenjak, Bischof des kleinen Bistums Krk in Kroatien, darf zwar nicht die Messe leiten, aber eine Rede halten. Sie beginnt mit einem Plädoyer für ein freies und vereintes Europa, ehe sie im freundlichen Duktus einer Sonntagspredigt rechte Verschwörungsnarrative bedient. „Diejenigen, die all die Jahrzehnte versucht haben, unsere Erinnerung auszulöschen“, sagt Petenjak, „haben wieder ihr Haupt erhoben und damit gezeigt, wie groß die Dunkelheit in ihrem Herzen ist.“ Das Publikum applaudiert. Es hat verstanden: Diejenigen, die die Gedenkfeier kritisieren, sind gleichzusetzen mit denjenigen, die für die „Tragödie von Bleiburg“ verantwortlich sind.

Nach Ende der Veranstaltung leert sich das Loibacher Feld binnen einer Stunde. Zahlreiche Autobusse mit deutschen und österreichischen Kennzeichen blockieren bei der Abreise die Straße. Die Polizei zieht eine positive Bilanz. Verhaftet wurde nur ein Mann, wegen Zeigen des Hitlergrußes. Im Vorjahr war es noch zu sieben Festnahmen gekommen.

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