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Will weiter Karriere machen in der AfD: Fraktionschefin Alice Weidel mit Alexander Gauland.

AfD-Parteitag in Braunschweig

Den Rechtsextremen hingegeben

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Beim AfD-Bundesparteitag geht es vordergründig um die Gauland-Nachfolge an der Spitze. Doch die ehrgeizigsten Parteimitglieder lauern in der zweiten Reihe – allen voran Alice Weidel.

Alice Weidel zwingt sich zur Ruhe, aber ihre Gesichtszüge gehorchen ihr nicht. Neben ihr, in der ersten Reihe der AfD-Fraktionssessel im Bundestag, schimpft Alexander Gauland. In der dritten Reihe schreit Beatrix von Storch, wild gestikulierend. Weidels Kiefer zermahlen angestrengt einen Kaugummi. Ihre Mundwinkel zucken kurz zu einem spöttischen Lächeln. In ihrem Blick, der eisig wirkt wie fast immer, liegt Verachtung. Weidel tippt auf ihrem Handy herum, während der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs sie vom Rednerpult frontal angeht: „Rechtsextremisten wie Sie stehen mir bis hier“, ruft Kahrs und führt die Hand auf Höhe des Kehlkopfs. „Frau Weidel, nur dass sie es einmal gehört haben.“ Weidel sitzt da in ihrer Uniform: dunkelblauer Blazer, blütenweiße Bluse mit hochgestelltem Kragen, Perlenkette um den Hals.

Es ist eine Businessuniform, die noch nach der alten Alice Weidel aussieht. Nach der promovierten Volkswirtin, der Goldman-Sachs-Bankerin, der Unternehmensberaterin. Nach der Quereinsteigerin in die Politik, die in der AfD den Bundesfachausschusses Euro und Währung leitete. Die noch 2017, als sie schon zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl gekürt worden war, lieber Reden über die Themen der alten Lucke-AfD hielt, über den Euro, die faulen Südeuropäer und die Target-II-Richtlinie. Die Attacken gegen Migranten und Muslime überließ sie damals noch anderen. Den Applaus auch.

Die neue Alice Weidel aber will und tut etwas anderes: Sie hat nicht nur ihre Sprache radikalisiert, sie paktiert mit der radikalen Rechten in der Partei, um ihre Position zu sichern. Weidel will weiter Karriere machen in der Partei, die vordergründig so gar nicht zu ihr passt: Sie will die AfD als Spitzenkandidatin auch in die nächste Bundestagswahl führen – und dann weitersehen. Vor allem will sie die Kontrolle über den Weg der AfD erlangen. Denn die 40-Jährige weiß, wie gefährdet ihre Stellung eigentlich ist in der Männerpartei AfD, die immer stärker nach dem Schweiß rechtsextremer Kameraderie riecht.

An diesem Wochenende ist AfD-Bundesparteitag in Braunschweig, ein neuer Vorstand soll gewählt werden. Parteisenior Alexander Gauland läutet mit fast 79 den Generationenwechsel ein, kandidiert voraussichtlich nicht erneut als Vorsitzender. Gauland hat Weidel aufgebaut, als Kontrastprogramm: alter Mann, junge Frau, grantiger Nationalkonservativer, smarte Ökonomin. So war das vor zwei Jahren. Vor ein paar Wochen erst ließen sich Gauland und Weidel als Fraktionschefs wiederwählen, im Duo.

In Braunschweig kämpft sie allein, und es geht für sie um viel. Dabei kandidiert sie „nur“ als erste Vizevorsitzende, nicht ganz vorne. Wenn alles nach Plan läuft, wird Gaulands Nachfolger der Sachse Tino Chrupalla, Fraktionsvize in Berlin. Der 44-Jährige ist Weidels und Gaulands Favorit. Er ist zudem ein Kompromisskandidat: Nach den Wahlerfolgen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen drängen die Ostverbände auf mehr Einfluss im Bundesvorstand. Die prominentesten Vertreter – Björn Höcke aus Thüringen und Andreas Kalbitz aus Brandenburg – sind aber noch nicht vermittelbar für die Spitze.

Eine AfD, die von Weidel mit Hilfe von Chrupalla gesteuert wird, wäre eine Partei, die sich noch nicht völlig offen radikal gibt, die sich den Extremen aber hingegeben hat. Es wäre zugleich eine Partei, die mit einem kosmetischen Rest Bürgerlichkeit versuchen wird, auf mittlere Sicht mehr zu sein als reine Opposition. Wenn sie diesen Spagat nicht halten kann, wird sie zerbrechen.

Chrupalla weiß, was er Weidel verdankt – und umgekehrt. Beide wissen darum, wie wichtig Allianzen und gegenseitige Abhängigkeiten sind – und schwimmen auch strategisch auf derselben Welle. In einem Rundschreiben an die Mitglieder seines Kreisverbands forderte Chrupalla „Mäßigung im Ausdruck“. „In der Sache weichen wir keinen Millimeter, aber wir müssen stets sachlich und vernünftig argumentieren und unsere Worte sorgfältig abwägen.“

Weidel besuchte im September erstmals die „Sommerakademie“ des neurechten „Instituts für Staatspolitik“ von Götz Kubitschek in Schnellroda. Zu den Stammgästen gehören hier Gauland, Kalbitz und Höcke, nicht die lange als „gemäßigt“ geltende Weidel. Der Besuch hatte zwei strategische Ziele: Weidel verschaffte sich einerseits Stallgeruch beim „Flügel“, andererseits aber versuchte sie denjenigen ins Gewissen zu reden, die am liebsten unter AfD-Fahnen auf den Straßen marschieren würden. „Die Herausforderung ist, nach den Regeln zu spielen, um sich nicht zu diskreditieren“, sagte sie in Schnellroda.

Wie riskant solche Besuche sind, weiß Weidel selbst. Doch vor allem weiß sie, wie prekär ihre Position in Fraktion und Partei eigentlich ist. Vor zwei Jahren, beim Parteitag in Hannover, griff Höcke sie nach ihrer Bewerbungsrede frontal an, da sie das (gescheiterte) Parteiausschlussverfahren gegen den Rechtsausleger unterstützt hatte. Vor einem Jahr wurde die Affäre um die illegalen Schweizer Parteispenden an ihren Kreisverband Bodensee öffentlich. Weidels Rückhalt in der Fraktion schwand, nur mit Hilfe Gaulands und der „Flügel“-Vertreter hielt sie sich.

Zwei Wochen vor dem entscheidenden Parteitag empfängt eine gutgelaunte Weidel in ihrem Fraktionsvorsitzenden-Büro mit spektakulärem Blick über den Tiergarten. In sicherer Umgebung ist sie witzig, höflich, selbstironisch. Und nimmt kein Blatt vor den Mund, was ihre Karrierepläne angeht. Zu zitieren ist aus diesem Hintergrundgespräch nur das: „Die Partei muss sich für die kommenden Herausforderungen breit aufstellen. Wir brauchen in der ersten und zweiten Reihe Persönlichkeiten, die eine Partei führen können. Ich werbe dafür, dass Tino Chrupalla Bundessprecher wird und dass Roland Hartwig als Stellvertreter gewählt wird.“

Hartwig war als Leiter der innerparteilichen „Arbeitsgruppe Verfassungsschutz“ noch vor kurzem ein rotes Tuch für die Radikalen. Ebenso wie Weidel wird er von den „Gemäßigten“ in der AfD inzwischen als „Flügel“-gesteuert und damit unwählbar eingestuft. In der AfD ist alles ein Risiko.

Weidel aber hat gelernt, sich zwischen diesen Risiken zu bewegen. Sie weiß genau, was sie tut – und wann. Auch und gerade dann, wenn sie die Kontrolle zu verlieren scheint. Wenn sie ein Video ins Netz stellen lässt, in der sie von der Bühne aus den Saalschutz anweist, einen Zuschauer zu entfernen, weil sie bei ihm eine Halsabschneidergeste gesehen haben will, dann will sie ein Image der Alice Gnadenlos transportieren. Dann bellt sie Sätze ins Publikum wie: „Ah, da kommt ja richtig Stimmung auf. Ja, raus. Reg dich nicht auf. Geh nach Hause zu Mama.“ Der Mann war übrigens AfD-Anhänger.

Seit dem Bundestagswahlkampf 2017 hat sich Weidel im Gleichschritt mit der AfD immer weiter radikalisiert. Die blütenweiße Bluse und die Perlenkette bilden inzwischen einen schrillen Kontrast dazu. Und genau dieser Kontrast ist das Geheimnis ihres Erfolgs. Nirgends war das so gut zu sehen wie im sächsischen Landtagswahlkampf. In Görlitz und Weißwasser trat sie zusammen mit Chrupalla auf. Die AfD-Sympathisanten auf den Marktplätzen und an den Straßenecken feierten sie wie einen Star aus einer anderen Welt. Eine, die von Herkunft und Lebensstil eigentlich zum „globalistischen Establishment“ gehört, wie es Gauland in seinen Reden nennt. Die aber jetzt genauso scharf und enthemmt agiert wie die lautesten ihrer Anhänger.

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