+
Balkon eines Plattenbaus in Frankfurt (Oder): Die DDR-Fahne weht auch nach 30 Jahren noch. 

Rechtspopulismus in der Ex-DDR

Verbitterung und Blockade-Haltung: So tickt Ostdeutschland

  • schließen

Der Soziologe Steffen Mau spricht über die zerbrochenen Leben der Menschen in der ehemaligen DDR.

Herr Mau, warum reden wir nach 30 Jahren wieder so intensiv über die ostdeutsche Gesellschaft und die Folgen der Umbrüche nach 1989/90?
In den 90er und den 2000er Jahren konnte man noch von Anpassungsbeschwerden reden und erwarten, das würde sich früher oder später geben. Heute sehen wir, dass es sich verstetigt. Nach der Vereinigung wurde mit einem Modernisierungsmodell an die Ex-DDR herangegangen: Die Institutionen des Westens wurden eingerichtet, und die Erwartung war, dass die Gesellschaft dieselbe wird. Das war eine Illusion. Die Wirkung von Kultur, bestimmten sozialstrukturellen Charakteristiken und die Folgen der „Arbeitsgesellschaft DDR“ wurden unterschätzt. Auch wenn vieles zusammengewachsen ist: Wir haben immer noch zwei unterschiedliche Teilgesellschaften in Deutschland.

Sie haben Ihre alte Heimat Lütten Klein besucht, ein Neubauviertel in Rostock. Was haben Sie dort herausfinden wollen?
Es gibt ein Doppelbild des Ostens: Die Innenstädte sind schön, die Lebenszufriedenheit steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Doch der geballte Frust bleibt, die Enttäuschung, Systemskepsis und Rechtspopulismus. Daher meine Frage: Wie kommt dieses Doppelbild zustande? Es ist das Gepäck der DDR-Gesellschaft und die Vernarbungen aus der Transformationszeit, die hier eine Rolle spielen.

Steffen Mau, geboren 1968 in Rostock, ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Uni Berlin.

Was bewirkt das?
Es gibt bei Teilen der Bevölkerung eine biografische Erschöpfung. Die artikuliert sich durch einen Unmut gegen weitere Veränderungen: Jetzt schon wieder in eine sich dynamisch verändernde Gesellschaft hineinzugeraten, die durch Globalisierung, neue Migrationsbewegungen, Zumutungen der Kosmopoliten geprägt ist, machen wir nicht noch mal mit. In den 90er Jahren erfuhren die Ostdeutschen eine fundamentale Erschütterung aller Koordinaten ihrer sozialen Existenz. Das führt heute zu einem Festhalten am Bekannten und dem Sichern der Besitzstände.

Wie hat sich die ostdeutsche Gesellschaft entwickelt?
Die DDR war eine nach unten nivellierte, stark zusammengestauchte Gesellschaft. Wer studieren durfte, entschied der Staat. Am Ende gab es gravierende Mobilitätsblockaden. Mit der Wende war die Hoffnung, dass der Deckel aufgeschraubt würde und es zu Umschichtungen nach oben und breiter Aufstiegsmobilität kommen würde. Das ist nicht passiert. Viele haben im Vergleich zu ihrer Elterngeneration soziale Abstiege hinnehmen müssen, obwohl es ihnen konsummäßig besser ging. Die Ostdeutschen haben die Bundesrepublik unterschichtet, die Westdeutschen haben den Osten überschichtet. Sie wurden die neue Elite; das wirkt bis heute nach.

Sie kritisieren die Volkskammerwahl im März 1990 als nicht wirklich frei und fair. Wie kommen Sie darauf?
Die Wahl im März 1990 war natürlich demokratisch. Aber auf den ostdeutschen Marktplätzen fanden Stellvertreterkämpfe statt. Das westdeutsche Parteiensystem wollte sich ausdehnen. Wer den Osten gewinnen konnte, bekam eine Chance auf Mehrheiten in der neuen Bundesrepublik. Ich habe das damals miterlebt. Die ostdeutschen Redner waren das Vorprogramm. Dann kamen Willy Brandt, Helmut Kohl und Helmut Schmidt, denen zugejubelt wurde, die aber gar nicht zur Wahl standen. Letztlich ging es schon um einen Wettstreit im Hinblick auf zukünftige gesamtdeutsche Mehrheiten. Die DDR-Bürgerrechtsbewegung und die neuen Initiativen wurden davon überrannt.

Was davon wirkt bis heute nach?
In der DDR gab es eine Art Versorgungs-Arrangement zwischen der Obrigkeit und der Bevölkerung. Und auch die westdeutschen Politiker warben ab 1990 mit dem Versprechen, die Konsummöglichkeiten zu verbreitern. Die Ostdeutschen waren 1989/90 gerade dabei, sich zu erfinden in ihren politischen Möglichkeiten. Im Vereinigungsprozess wurde ihnen diese Verantwortung wieder abgenommen. Ihre weitergehende Mitsprache – man denke nur an einen gesamtdeutschen Verfassungskonvent – wäre nur störend gewesen. Dabei bildeten sich diese Mentalitäten fort, die man gerade im Begriff war, abzustreifen. So hat sich die Demokratie nicht herausgebildet, als das, was sie auch ist: Als ein kleinteiliges, schwieriges, manchmal enttäuschendes Geschäft, das zugleich manchmal unglaublich befreiend und beglückend sein kann.

Warum verfängt der Rechtspopulismus so besonders stark im Osten?
Liberale und Kosmopoliten sagen: Du musst dich verändern, um dich an eine sich wandelnde Welt anzupassen. Rechtspopulisten sagen: Die Welt muss sich verändern, um sich an dich anzupassen. Du kannst bleiben, wie du bist. Die einen haben eine Veränderungs-Aufforderung, die anderen entlasten davon. Viele Menschen, auch in Lütten Klein, sagen: Ich schaffe das nicht mehr. Ich hatte so viele Brüche und Veränderungen in meinem Leben zu bewältigen, mein Neubauviertel hat sich komplett verändert, hat einen Prestigeverlust zu verkraften, und jetzt ist es genug.

Die mittlere und ältere Generation wird besonders von der AfD angesprochen. Woran liegt das?
Die Generation, die die Revolution getragen hat, ist von den Sturmschäden der Wende am meisten betroffen und bekommt durch die Zeiten atypischer Beschäftigung nur eine kleine Rente. Das sind nicht alles Armuts-existenzen. Aber viele sind verbittert wegen verpasster Chancen und vergeudeter Lebenszeit. Sie hatten nach 1990 große Probleme, sich wieder einzufädeln. Das ist eine fundamentale Enttäuschung. Viele haben sehr viel Zeit gebraucht, sich wieder aufzurappeln. Jetzt wollen sie das festhalten, was sie haben – und sind mitunter auf Selbstverteidigung ausgerichtet.

Sie sind in Lütten Klein aufgewachsen. Ihr Buch „Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ hätte auch „Rückkehr nach Lütten Klein“ heißen können. Hatten Sie einen Vorteil?
Mich haben die Leute nicht – oder besser: nicht nur – als jemand von draußen gesehen und so hatte ich große Vorteile. Oft fielen Sätze wie „Sie wissen ja, wovon ich rede“ und „Sie wissen ja, wie es ist“. Dann erzählten sie vielleicht Sachen, die sie anderen nicht erzählen. Da war der Bonus, den ich als Lütten Kleiner hatte. Es war ein Gefühl, in dem, wie sie leben und was sie sind, verstanden und akzeptiert zu werden.

Interview: Jan Sternberg

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion