Janine Wissler wird als Politikerin angegriffen.
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Janine Wissler wird als Politikerin angegriffen.

Interview mit Olivia Sarma

Rechtsextreme Drohschreiben: „Täter fühlen sich legitimiert“

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Olivia Sarma von der hessischen Beratungsstelle „Response“ über Drohschreiben von Neonazis, ihre Wirkung auf Betroffene und die Bedeutung guter Polizeiarbeit.

Frau Sarma, nach den Morddrohungen gegen die Linken-Politikerin Janine Wissler wird erneut über rechtsextreme Drohmails diskutiert. Was bezwecken die Absender solcher Schreiben?

Erst einmal muss man sagen, dass diese Drohungen einem verrohten politischen Klima entstammen, in dem rassistische Aussagen wieder ganz offen getätigt werden. Dadurch fühlen die Täter sich legitimiert. Und dann zielen solche Botschaften besonders auf engagierte Leute, Menschen of Colour und Frauen. Die Absender wollen nämlich nicht nur die individuell Adressierten mundtot machen, sondern alle, die einer ähnlichen sozialen Gruppe angehören oder sich in ähnlicher Weise äußern. Auch Janine Wissler wird ja nicht als Privatperson, sondern als Politikerin mit einer klaren antirassistischen Haltung angegriffen.

Was lösen derartige Drohungen bei den Betroffenen aus?

Das ist ganz unterschiedlich. Viele, die zu uns in die Beratung kommen, wollen wissen, in wiefern Drohungen in E-Mails oder sozialen Netzwerken eine reale Bedrohung für ihre körperliche Unversehrtheit und die ihrer Familie bedeuten. Da gibt es die große Angst, dass man wegen Angriffen im digitalen Raum wirklich um sein Leben fürchten muss. Digitale und analoge Welt sind ja kaum noch zu trennen, auch Angriffe im Internet bedeuten eine sehr große Belastung. Von daher besteht die Gefahr, dass Menschen, die immer wieder massiv bedroht werden, sich aus Selbstschutz zurückziehen und tatsächlich einschüchtern lassen.

Kann man sagen, welche Betroffenen besonders gefährdet sind, sich durch solche Drohungen verunsichern zu lassen?

Das würde ich nicht sagen. Es kommen immer wieder Menschen zu uns, die schon sehr lange massiv angefeindet werden und ihre eigenen Umgangsstrategien damit entwickelt haben. Und selbst bei denen kippt es manchmal und sie sagen, dass sie die Angriffe nicht mehr aushalten. Wenn wie bei Janine Wissler persönliche Daten in den Drohungen auftauchen, bei denen man nicht weiß, woher die Täter sie haben, ist die potenzielle Bedrohung natürlich noch einmal viel massiver. Gerade, wenn die Daten wie bei Frau Wissler sogar aus den Behörden stammen könnten. Wir haben seit Beginn des hessischen Polizeiskandals Ende 2018 häufig Anfragen von Menschen, die sich Sorgen machen, dass sie auch in den Fokus geraten könnten.

Zur Person

Olivia Sarma leitet die hessenweit tätige Beratungsstelle „Response“. Die Einrichtung ist an der Bildungsstätte Anne Frank angesiedelt und berät Opfer rechtsextremer, rassistischer, antisemitischer, antimuslimischer oder antiziganistischer Gewalt. 

Die Beratungsstelle Response arbeitet unabhängig und ist parteiisch für die Betroffenen. 

Wie oft erreichen solche Drohungen denn ihr Ziel, die Betroffenen zum Schweigen zu bringen?

Aus unserer Beratung wissen wir, dass es für viele Menschen schon eine Art Normalität darstellt, angegriffen zu werden. Diese Normalisierung verbaler Gewalt gibt es ja leider auch in der öffentlichen Debatte. Gerade Menschen, die sich etwa in sozialen Medien sehr pointiert äußern, wird oft eine Art Mitschuld an Angriffen zugeschrieben. Dabei ist verbale Gewalt strafrechtlich relevant und muss auch gesamtgesellschaftlich als Problem ernst genommen werden. Zum Glück gibt es immer mehr Stellen, die zu diesen Themen Beratung anbieten, auch bei der Polizei wird sich dem Thema Hate Speech intensiver zugewandt.

Was brauchen Betroffene? Was hilft ihnen?

Auch das kann man nicht pauschal sagen. Was in jedem Fall gebraucht wird, sind Gesetze und Richtlinien, an denen sie sich orientieren können, und Menschen und Stellen, die sie kompetent umsetzen. Auch die Internetplattformen müssen ihrer Verantwortung gerecht werden, etwa wenn ihnen Hassbotschaften gemeldet werden. Es braucht aber eben auch eine gesellschaftliche Haltung, dass man sich zu solchen Angriffen positionieren muss, auch durch Gegenrede in den sozialen Medien. Fehlender Widerspruch kann als Zustimmung verstanden werden.

Wie wichtig ist die Ermittlungsarbeit der Polizei für die Betroffenen?

Sehr wichtig. Solange kein Täter ermittelt wird, bleibt die Bedrohung ja bestehen. Das macht Drohungen, die aus dem Polizeiapparat stammen könnten, so gravierend. Zumal sich im Fall „NSU 2.0“ die Frage stellt, ob wirklich alles getan wird, um rechte Netzwerke in der Polizei aufzuklären. (Interview: Hanning Voigts)

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