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Steve Bannon will von Italien aus die „rechte Wende" in Europa starten. 

Kloster Trisulti

Bannons rechte Kaderschmiede für europäische Nationalisten

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In Italien entsteht „eine Gladiatorenschule“ für die neue Generation von Rechtsnationalisten -  Steve Bannon träumt von der rechten Wende in Europa. 

Fast tausend Meter hoch, umgeben von Eichenwäldern und Gipfeln, auf denen noch Schneereste leuchten, liegt der imposante Klosterbau Trisulti. Bis zum nächsten Dorf, Collepardo, sind es fünf Kilometer auf einer Serpentinenstraße. Mehr als acht Jahrhunderte lebten Mönche in der Kartause von Trisulti, etwa zwei Autostunden südöstlich von Rom, gänzlich abgeschieden. Bis vor einem Jahr noch lebte der letzte Mönch von Trisulti allein in dem etwa 25.000 Quadratmeter großen Klosterkomplex. Denn seit dieser Zeit hat der alte Mann einen neuen Hausherrn und Mitbewohner: Den Briten Benjamin Harnwell, 43 Jahre alt, mit Ende zwanzig zum Katholizismus konvertiert, Chef des ultrakonservativen Think Tanks „Dignitatis Humanae Institut“.

In einer Allianz mit papstfeindlichen Vatikankreisen und einem der bekanntesten US-amerikanischen Rechtspopulisten will Harnwell aus der Certosa di Trisulti eine Kaderschmiede machen. „Eine Akademie für alle, die die jüdisch-christliche Kultur des Westens verteidigen wollen“, wie er sagt. Gegen die Masseneinwanderung von Muslimen aus Afrika, gegen die gottlose Gesellschaft der globalisierten Eliten, gegen den Niedergang traditioneller christlicher Werte.

Für Steve Bannon, Ex-Chefstratege von Donald Trump, ist Italien das “Zentrum des Universums“

Eine Fortbildungseinrichtung für Politiker soll es sein, für Geistliche – und für normale Bürger. Steve Bannon, der ehemalige Chefstratege von US-Präsident Donald Trump, hat es zugespitzter formuliert: Trisulti werde „eine Gladiatorenschule für Kulturkämpfer“ – für eine neue Generation Rechtsnationalisten und Populisten.

Steve Bannon ist Schirmherr des „Dignitatis Humanae Instituts“. Der Ex-Chef des rechtsradikalen, islamfeindlichen und für Fake News berüchtigten US-amerikanischen Internetportals Breitbart News arbeitet an einer rechtspopulistischen Wende in Europa. Bannon träumt davon, dass bald nicht nur in Italien, sondern überall Populisten-Regierungen wie die der Fünf Sterne und der fremdenfeindlichen rechtsnationalen Lega an die Macht kommen. Bannon ist jetzt regelmäßig in Italien. Er hat es zum „Zentrum des Universums“ erklärt. Auch in Trisulti war er schon häufiger.

Bannon gab 2014 Anstoß für Akademie 

Weil hinter den dicken Klostermauern kaum geheizt ist, schlägt Harnwell vor, das Gespräch draußen in der Vorfrühlingssonne zu führen, die zumindest ein wenig wärmt. Er stellt die Stühle auf einen kleinen Vorplatz, von dem man auf die Klostergärten und einen Teich mit Madonna in der Mitte blickt. Harnwell, früher Kabinetts-Chef eines konservativen britischen EU-Abgeordneten in Brüssel, ist mittlerweile an Journalistenbesuche gewöhnt. Das Interesse an der rechten Denkfabrik ist groß. Er gibt sich „casual“, mit Jeans und Daunenweste, die Haare nach hinten gekämmt – ganz wie Bannon.

Von dem schwärmt er in den höchsten Tönen. „Er hat ein unglaubliches Charisma. Er ist der eindrucksvollste Typ, den ich je getroffen habe.“ Bannon mache keine Kompromisse, um vom Establishment akzeptiert zu werden. Er habe das politische Schema verändert. Statt „rechts gegen links“ heiße es jetzt: „Einfacher Arbeiter gegen globale Eliten.“

„Bannon war der intellektuelle Architekt des populistischen Paradigmas“

„Bannon war der intellektuelle Architekt des populistischen Paradigmas“, sagt Harnwell mit triumphierendem Lächeln. Bannon gab auch den Anstoß für die Akademie. Das war 2014, bei einer Konferenz des Instituts im Vatikan. Er war per Video zugeschaltet und wetterte in seinem Vortrag gegen den „faschistischen Islam“, den Säkularismus, die kapitalistische Vetternwirtschaft. „Das war die Inspiration“, sagt Harnwell. 

Im Dorf unterhalb der Kartause von Trisulti haben einige Bewohner ein Problem.

Beide arbeiten nun gemeinsam am Konzept und Trainingsprogramm der „Akademie für den jüdisch-christlichen Westen“. Dieses Jahr sind erst einmal nur Sommerkurse mit bis zu 50 Teilnehmern in Rom geplant. „Wir haben jetzt schon zehn Mal mehr Anfragen als Plätze“, sagt Harnwell. Ab 2020 soll die Schule in Trisulti dann ihren Vollzeit-Betrieb aufnehmen. Zuerst muss aber ein Teil des mittelalterlichen Klosters umgebaut und modernisiert werden. Bislang gibt es nicht einmal Internet-Zugang.

„Die Familie ist das Schlachtfeld in einem großen spirituellen Krieg“

Was die Unterrichtsinhalte der Akademie betrifft, bleibt Harnwell vage. „Es wird um Theologie, Philosophie, Wirtschaft und Geschichte gehen.“ Überhaupt ist er im Gespräch eher zurückhaltend. In Texten, die er auf Twitter und auf Breitbart News veröffentlicht, wird er deutlicher. Da geht es etwa gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, unter Überschriften wie „Die Familie ist das Schlachtfeld in einem großen spirituellen Krieg“. Harnwell ist überzeugt, dass es eine internationale Verschwörung gibt, an der die Vereinten Nationen und die EU beteiligt sind, um die Weltbevölkerung zu schrumpfen. Und er greift in seinen Texten den Papst an.

Beste Beziehungen zu erzkonservativen Katholiken 

Dabei hat er exzellente Beziehungen in den Vatikan – allerdings zu einem ganz bestimmten Teil der Kurie. Ehrenpräsident seines Instituts ist der Frontmann der erzkonservativen Traditionalisten in der katholischen Kirche: Kardinal Raymond Leo Burke, der größte Gegner von Franziskus. „Ein sehr weiser Mann“, sagt Harnwell. Er treffe sich regelmäßig mit ihm. Im Beirat des „Dignitatis Humanae Instituts“ sitzen weitere elf konservative Kardinäle, auch der deutsche Walter Brandmüller.

Franziskus‘ Reformbemühungen sind Leuten wie Burke, Brandmüller und Harnwell ein Dorn im Auge. Er verwässere die Doktrin, werfen sie ihm vor. Sie finden es skandalös, dass der Papst geschiedene Katholiken, die wieder geheiratet haben, in bestimmten Fällen zur Kommunion zugelassen hat. Er sei zu links. „Die katholische Kirche macht zu viel weltliche Politik, statt sich um den Glauben zu kümmern“, sagt Harnwell. „Der Papst verstört damit seine Herde“. Natürlich zielt das vor allem auch auf die zuwanderungs- und migrantenfreundliche Haltung von Franziskus. „Matteo Salvini wird in Italien inzwischen mehr respektiert als der Papst“, sagt Harnwell. Der Innenminister und Lega-Chef, der Italiens Häfen für Flüchtlinge geschlossen hat, sei einer, der es ernst meine mit dem Schutz der christlichen Kultur. 

Zuwanderung wird als Bedrohung gesehen

Zuwanderung hält Harnwell für eine enorme Bedrohung. „Wenn die ersten zehn Millionen Afrikaner nach Europa gekommen sind, wird die Demokratie verschwunden sein.“ Die herrschenden Politiker seien völlig inkompetent, sagt er und schimpft insbesondere auf Angela Merkel, die ihr Land für Migranten geöffnet habe. Von Europas christdemokratischen Parteien hält er nichts. „Die reden nur im Wahlkampf über christliche Werte. Aber sie liefern nicht.“ Tatsächlich seien heute Nationalpopulisten wie Salvini Marine Le Pen die politische Mitte.  

Institutsleiter Benjamin Harnwell sagt über Steve Bannon, dieser sei „der eindrucksvollste Typ, den ich je getroffen habe“.

Während Harnwell spricht, läuft ein Ehepaar mit Fremdenführerin vorbei. Vormittags kann das Kloster besichtigt werden, wenn man an einer kleinen Tour teilnimmt. Der Eintritt kostet fünf Euro, die an das Institut fließen. Es hat das Kloster seit einem Jahr angemietet, vom italienischen Staat. Trisulti ist seit 1873 ein Nationaldenkmal. Nach einer öffentlichen Ausschreibung hatte das Kulturministerium in Rom unter mehreren Bewerbern Harnwells Institut ausgewählt. „Es war immer bekannt, was wir hier machen wollen“, versichert der. 100.000 Euro beträgt die jährliche Miete, der Vertrag läuft 19 Jahre. Dazu kommen Umbau- und Modernisierungskosten. Wie sich die rechte Denkfabrik finanziert, ist unklar. „Wir bekommen Spenden“, sagt Harnwell, „es sind Privatleute, die anonym bleiben wollen.“ Deutsche seien nicht darunter. Spekuliert wird zuweilen, dass unter den Finanziers dieselben superreichen Amerikaner sind, die auch Trumps Wahlkampf unterstützten.

Zum Abschluss zeigt Harnwell dann noch die prachtvolle, mit Fresken verzierte Klosterapotheke, eine der Sehenswürdigkeiten von Trisulti. Und die Kirche, wo früher die Mönche im hölzernen Chorgestühl beteten. Jedes Mal, wenn er am Altar vorbeiläuft, kniet er beflissen nieder.

Im Dorf sind sie sauer, weil man nicht mehr im Kloster heiraten kann

Weiter unten an der Serpentinenstraße, im Dörfchen Collepardo, wird der neue Hausherr der Kartause mit gemischten Gefühlen gesehen. Barbara hantiert hinter dem Tresen der „Bar del Corso“ an der Espressomaschine. Sie könne nichts Schlechtes über „Benjamin“ sagen, versichert sie. Sympathisch sei er. „Mir ist die Politik egal, damit das klar ist. Aber die Leute im Dorf sind sauer, weil sie ihre Hochzeiten nicht mehr in der Klosterkirche feiern können.“ Der Bürgermeister versichert, in Collepardo habe man keine Angst davor, sich mit Gedankengut jeglicher Art auseinanderzusetzen. Aber Harnwell müsse zumindest die Kirche und einen Teil der Kartause für die Dorfbewohner öffnen.

Andere haben durchaus ein Problem damit, dass das Kloster zum Hort Ultrakonservativer und rechter Extremisten werden soll. Ende Dezember nahmen 300 Menschen an einem Protestmarsch teil. „Es ist ein sehr beunruhigendes Projekt“, sagte damals der linke Parlamentsabgeordnete Nicola Frantoianni. „Von Leuten, die ein neues Mittelalter in unserer Gesellschaft schaffen wollen.“

Für kommenden Samstag ist der zweite Protestmarsch angekündigt.

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