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Rechte in Frankreich. Erinnerung ist unerwünscht

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Von: Stefan Brändle

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Marine Le Pen
Marine Le Pen © Christophe Archambault/afp

Vor 50 Jahren wurde der „Front National“ gegründet. Doch Marine Le Pen, die die Partei in „Rassemblement National“ umbenannte, will ihren Vater Jean-Marie Le Pen nicht feiern

Ein Sonderkongress zum runden Geburtstag? Eine Jubelfeier mit europäischen Nationalist:innen? Nichts davon plante Marine Le Pen zum 50. Geburtstag des französischen „Front National“ (FN) in dieser Woche. Für sie genügt ein kurzes Kolloquium unter der Devise „Von der Hoffnung an die Macht“.

Auch Parteigründer Jean-Marie Le Pen war nicht geladen. Der 94-jährige Rechtsextremist hatte den FN am 5. Oktober 1972 aus der Taufe gehoben. Vichy-Milizionäre des Zweiten Weltkriegs, ehemalige Waffen-SS, Algerienkämpfer und Kolonialnostalgiker hatten den damals jüngsten Abgeordneten der französischen Nationalversammlung als gemäßigtes Aushängeschild vorgeschoben. Nach dem Rat des italienischen Neofaschisten Giorgio Almirante (MSI) sollte er einen „lächelnden Faschismus“ verkörpern.

Rechte in Frankreich: Jean-Marie Le Pen machte FN zu seiner Wahlplattform

Jean-Marie Le Pen lächelte aber nicht lang, sondern bootete die Ultrarechten der „Neuen Ordnung“ aus und machte den FN zu seiner persönlichen Wahlplattform. 1986 zog er mit 35 Abgeordneten – und Unterstützung durch den sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, der die gaullistischen Konservativen schwächen wollte – in die Nationalversammlung ein.

Mit der Behauptung, die Gaskammern des Zweiten Weltkriegs seien „ein Detail der Geschichte“, und anderen Affären und Gerichtsurteilen machte er sich einen Namen als Scheusal der Republik. „Eine Million Arbeitslose, das ist eine Million Immigranten zu viel“, polterte der Mann mit dem Glasauge. 2002 erlebte er seine Sternstunde, als er den Sozialisten Lionel Jospin aus dem Präsidentenrennen schlug. Erst in der Stichwahl unterlag er gegen Jacques Chirac.

Rechte in Frankreich: Marine Le Pen benannte Partei um

2015 wurde Jean-Marie Le Pen von seiner eigenen Tochter aus dem FN geworfen. Marine Le Pen verfolgt eine Strategie der „Entdämonisierung“ und taufte die Partei in „Rassemblement National“ (RN) um. Das bedeutet „auch einen politischen Bruch“, wie der Le Pen-Spezialist Jean-Yves Camus meint. Der RN habe den Immigrationsstopp zwar immer als Kerninhalt, verbiete sich aber jedes laute Wort dazu. Auch den EU- und Euro-Austritt propagiere sie nicht mehr, sagt Camus. Dafür berufe sie sich mittlerweile sogar auf den Republikbegründer Charles de Gaulle.

Le Pen weiß, dass sie bei ihrer vierten Präsidentschaftskandidatur 2027 nur dann eine Chance hat, wenn sie den „republikanischen Damm“ gegen ihre Partei durchbrechen und Stimmen des konservativ-gaullistischen Lagers gewinnen kann. Viele ihrer Anhänger:innen in Südfrankreich hassen de Gaulle jedoch bis heute, weil er „ihr“ Algerien 1962 in die Unabhängigkeit entließ. Auf diese reaktionären Wähler bleibt Le Pen angewiesen.

Rechte in Frankreich: Der runde Geburtstag wird leise begangen

Zugleich hat Le Pen ihren 89 RN-Abgeordneten in der Nationalversammlung offensichtlich eingebläut, verbindlich aufzutreten – lächelnd eben. Das wirkt: In einer aktuellen Umfrage wird der RN erstmals weniger „gefährlich“ (so der Umfrageterminus) eingestuft als die Linksallianz um Jean-Luc Mélenchon.

Jede Erinnerung an die Anfänge des Lepenismus ist da unerwünscht. Denn in Wahrheit offenbart die Parteigeschichte nicht nur eine politische Kontinuität in der Sache, sondern auch die 50-jährige Herrschaft der Familie Le Pen über die „nationale“ Bewegung Frankreichs. Folgerichtig wird ihr runder Geburtstag leise begangen, und auch ohne Auseinandersetzung mit der Ära von Jean-Marie Le Pen.

Jean-Marie Le Pen lädt derweil 50 Getreue zu einer Privatfete in seine Villa im Pariser Nobelvorort Saint-Cloud ein. Einem Radiosender erklärte er: „Es ist doch absurd, Jean-Marie Le Pen in der Geschichte des FN vergessen zu wollen“. Womit er sogar recht hat.

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