Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Gesellschaftlich will man nicht wahrhaben, dass auch Frauen auf der Straße für ein 4. Reich kämpfen“: Marsch der Partei „Der III. Weg“.
+
„Gesellschaftlich will man nicht wahrhaben, dass auch Frauen auf der Straße für ein 4. Reich kämpfen“: Marsch der Partei „Der III. Weg“.

Internationaler Frauentag

Rechtsextreme Frauen: „In der extremen Rechten spielen Frauen eine wichtige Rolle“

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
    schließen

Konfliktforscherin Michaela Köttig im Gespräch mit Bascha Mika über radikale Einstellungen von Frauen, traditionelle Rollenbilder und die Unterschiede zu gleichgesinnten Männern.

  • Wie radikal können Frauen sein?
  • Offenbar sehr: in der rechtsextremen Szene sind auch Frauen aktiv.
  • Die Konfliktforscherin Michaela Köttig beantwortet im Interview Fragen dazu.

Berlin – Was fasziniert Frauen am rechtsextremen Gedankengut? Warum werden sie in der AfD hofiert und wie verhalten sie sich bei Wahlen? Die Rechtsextremismusexpertin Michaela Köttig über Teilhabe von Frauen in der radikalen Szene.

Frau Köttig, Männer sind böse. Frauen auch? Oder sind sie die besseren Menschen, wenn es um Rechtsextremismus geht?

Bei Männern wissen wir, dass sie böse sind. Bei Frauen versuchen wir, es zu vertuschen oder zu bagatellisieren. In der extremen Rechten spielen Frauen eine wichtige Rolle. Sie übernehmen diese politischen Positionen nicht, um ihren Männern hinterherzulaufen, sondern weil sie selbst davon überzeugt sind. Dennoch bekomme ich immer wieder zu hören: Meine Nachbarin redet zwar wie eine Rechte – aber diese nette Frau meint das doch nicht so.

Frauen in der rechtsextremen Szene: Das Klischeebild ohne Aggressionen

Weil menschenfeindliche Positionen angeblich nicht zu Frauen passen?

Es gibt noch immer das Klischee der friedfertigen Frau ohne Aggressionen. Hinzu kommt die Vorstellung, dass Frauen nur in die Szene reingerutscht sind oder ihr anhängen, weil der Rechtsextremismus die mütterliche Rolle aufwertet. Gesellschaftlich will man nicht wahrhaben, dass auch Frauen auf der Straße für ein 4. Reich kämpfen oder wollen, dass Migrant:innen abgeschoben werden.

Bleibt aber der Fakt, dass es viel weniger aktive Frauen als Männer im rechten Umfeld gibt.

Und wie kommen solche Zahlen zustande? Schauen wir es uns bei rechten Gewalttaten an. Statistisch gesehen werden sie nur zu zehn Prozent von Frauen verübt. Doch was die Polizei an einem Tatort vorfindet, nimmt auch sie unter geschlechtsspezifischen Vorzeichen wahr. Die vielen Rechtsextremistinnen, die ich interviewt habe, sind niemals für irgendwelche Straftaten verfolgt worden, obwohl sie genügend begangen haben. Bei Gerichtsverhandlungen tauchen Frauen plötzlich als Zeuginnen oder sogar Opfer auf, obwohl sie eigentlich Täterinnen sind.

Rechtsextremismus: Weniger Gewalt durch Frauen?

Heißt das, rechte Frauen sind genauso gewalttätig wie Männer?

Insgesamt geht von Frauen in der extremen Rechten sicher weniger Gewalt aus. Aber bei den politischen Einstellungen gibt es keinen Unterschied. Da gibt es genau so viele Frauen wie Männer, die rechtsextrem orientiert sind.

Wieso hat die AfD dann bei der letzten Bundestagswahl nur ein Drittel Stimmen von Frauen bekommen? Zudem hat die Partei ja wesentlich weniger weibliche Mitglieder als männliche – noch weniger als die CSU.

Das liegt an der weiblichen Haltung zu Organisationen. Seit Jahrzehnten werden rechte Parteien zu einem Drittel von Frauen und zu zwei Dritteln von Männern gewählt. Bis ins Letzte lässt sich das nicht erklären. Aber es hat nichts mit den Überzeugungen der Frauen zu tun oder was sie politisch vertreten.

Der Mann wählt AfD, seine Frau teilt seine Einstellungen, wählt aber eine andere Partei? Sehr merkwürdig …

Sie muss die Einstellungen ja nicht nur teilen, sie kann auch die motivierende und treibende Kraft in dieser Konstellation sein. In der Praxis kann es dann so aussehen, dass der Mann rechtsextrem wählt und seine Frau gar nicht zur Wahl geht. Aber wenn ihr eine Muslima in einer Burka begegnet, spuckt sie ihr ins Gesicht.

Frauen: Was ist am Rechtsextremismus faszinierend?

Was fasziniert Frauen am Rechtsextremismus?

Ich habe mir viele Lebensgeschichten von extrem rechten Frauen angeschaut. Bei ihnen sind immer drei Ebenen verbunden. Die eine bezieht sich auf die Vergangenheit der Familie im Nationalsozialismus, die nicht thematisiert wurde. Da gibt es Familiengeheimnisse und die Enkel- und Urenkel:innen lassen diese Themen wieder aufleben.

Zur Person

Michaela Köttig, (55), ist Professorin für Gesprächsführung, Kommunikation und Konfliktbearbeitung an der Frankfurt University of Applied Sciences. Dort ist sie auch Sprecherin des Kompetenzzentrums für Soziale Interventionsforschung. Zudem ist sie Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Gender und Rechtsextremismus mit dem Fokus auf Familiengeschichte, biografische Entwicklungen und Gruppeninteraktionen. In ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit den Lebensgeschichten rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen. mik

Aber dann müsste es hierzulande eine Unmenge an rechten Frauen geben …

… genau, diese Ebene reicht eben noch nicht aus. Hinzu kommt eine Familienkonstellation, in der sich die Mädchen mit den Großeltern identifizieren oder eine rechte Szene, in der sie neue Familienkonstellationen schaffen. Dann ist da noch die dritte Ebene. Es muss rechte Cliquen in der Schule oder im Freundeskreis geben oder irgendeine Person, die sie anspricht. Es braucht soziale Räume, in denen rechts sein ausgelebt werden kann.

Und alles zusammen führt dann zu einer dauerhaft rechten Haltung?

Wenn diese drei Ebenen zusammenspielen, kann man in der Regel davon ausgehen, dass sich Mädchen und Frauen längerfristig in der rechtsextremen Szene verorten. Die hat eine wichtige Funktion, denn dort verarbeiten sie ein familiales und lebensgeschichtliches Thema. Es ist nichts Vorübergehendes, sie arbeiten sich an ihren Themen ab.

Politische Ideologien: Was führt zu einer rechten Haltung?

Werden Männer und Frauen von unterschiedlichen Aspekten rechter Ideologien angezogen?

Ich sehe da keinen grundlegenden Unterschied. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Milieus in der extremen Rechten total breit sind. Es geht nicht nur um’s Parteienspektrum, sondern auch um die Kameradschaftsszene oder die intellektuellen Kontexte wie rechte Denkfabriken, in denen kreativ gearbeitet wird.

Und die sind für Frauen spannend?

Eine meiner rechtsextremistischen Interviewpartnerinnen erzählte, sie sei aus ihrer Jugendclique ausgestiegen, weil die zu viel gesoffen und zu viel draufgeschlagen hätten und außerdem zu unpolitisch waren. So könne man die Welt nicht verändern.

Es gibt genauso viele Frauen wie Männer, die rechtsextrem orientiert sind, so Köttig.

Rechte Ideologien sind in der Regel mit reaktionären Frauenbildern verbunden. Identifizieren sich rechtsextreme Frauen genau deshalb mit diesem Gedankengut? Oder wie sonst kommen sie mit den Rollenvorgaben zurecht?

Die extreme Rechte ist in der Hinsicht ja relativ flexibel. Alice Weidel lebt offen homosexuell und kann dennoch stellvertretende Parteivorsitzende der AfD sein. Rechte Parteien und Organisationen ermöglichen ziemlich viel, und Frauen, die sich da engagieren, ignorieren ganz schön viel. Sie entscheiden sich bewusst für diese Szene und überlegen, was sie da wollen. Das Frauenbild zu verändern, gehört dabei oft nicht zu den vordersten Zielen.

Frauen in Rechtsextremen Strukturen: „Wenn eine Frau aufsteigen will, wird sie es schaffen“

Aber wo können Frauen in diesen männlichen Gedankengebäuden und Strukturen denn ihren Platz finden?

Sind das wirklich männliche Strukturen? Die Frauen teilen ja das rechte Gesellschaftsbild mit klaren Hierarchien und einer Volksgemeinschaft, die ethnisch definiert ist. Die ultrarechte Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene, einer der zentralen Vereine in diesem Spektrum, wurde viele Jahre von einer Frau geführt.

Es geht also auch um Karriere?

Wenn eine Frau in einer rechten Partei oder Gruppierung aufsteigen will, wird sie es schaffen. Das sieht man an der AfD. Frauen haben es da sogar ziemlich leicht, Listenplätze zu bekommen, weil die Strukturen noch nicht verkrustet sind. Zudem erzählen AfD-Aussteigerinnen, dass Frauen in der Partei richtig hofiert werden. Mit ihnen transportiert man verharmlosende Bilder, die vom harten rechten Kurs ablenken. Deshalb werden sie auch gern an Infoständen vermarktet.

Wie sehr haben Frauen denn zur Verankerung der AfD in der Mitte der Gesellschaft beigetragen?

Dazu muss man sich die Entwicklungsgeschichte der extremen Rechten ansehen. Bis zum Ende der 1990er-Jahre hat sie sich in einer Art Selbstvergewisserungs- und Aufbauphase befunden. Sie beschäftigte sich mit Organisationsstrukturen, Theorien und Konzepten. Mit Beginn der 2000er-Jahre gab es eine neue Strategie – und zwar, die gesamte Gesellschaft zu unterwandern. Seitdem geht es darum, politische Positionierungen und Ideologiefragmente in alle Kontexte der Gesellschaft einzuweben.

Rechtsextremismus: Frauen setzen rechte Vorstellungen durch

Wer hat denn diesen Masterplan entworfen und wer ihn ausgeführt?

Formuliert hat ihn die NPD mit ihrem Vier-Säulen-Konzept. Darin ging es nicht mehr um Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft, sondern deren strategische Unterwanderung, zum Beispiel Mitglied zu werden bei der freiwilligen Feuerwehr oder sich in den Elternbeirat wählen zu lassen. Ziel ist, Beziehungen aufzubauen und die zu nutzen, um rechte Vorstellungen durchzusetzen. Wenn dann die Nette von nebenan beginnt, Migrant:innen aus der Nachbarschaft oder dem Verein rauszudrängen, kann sie eher auf Unterstützung zählen.

Weil damit auch an vorhandene Ressentiments und Rassismen angeknüpft wird?

Genau, die extreme Rechte hat die ja nicht neu erfunden. Auf diesem Wege konnten Pegida oder die AfD sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus etablieren und überhaupt erst entstehen. Das Besondere an diesen Organisationen ist, dass es darum geht, zu bestimmten Themen ganz unterschiedliche Bündnisse herzustellen. Bei der Abtreibungsfrage zum Beispiel treffen sich dann christliche Fundamentalist:innen mit Lebensschützer:innen und extrem rechten AfDlern.

Unterschiedlichste Bündnisse lassen sich ja auch bei den „Querdenkern“ beobachten …

… es ist bei Pegida, der AfD und den „Querdenkern“ das gleiche Phänomen. Und Corona spitzt die Situation noch mal zu, weil sehr verschiedene Lager die gesellschaftliche Situation ähnlich bewerten und gemeinsam protestieren. Frauen sind in dieser Bewegung tragend. Sie treten öffentlich auf, sind auf der Straße aktiv und verbreiten sogar besonders krude Statements.

Ist es in Ihren Augen eigentlich ein Zeichen von Emanzipation, wenn sich rechtsextreme Frauen so wenig von gleichgesinnten Männern unterscheiden?

Schwierige Frage. Einerseits kann es für eine Frau ein emanzipatorischer Schritt sein, sich überhaupt politisch zu engagieren und nach außen zu treten. Andererseits kann sich eine Frau auch deshalb in der Szene verorten, weil sie ein reaktionäres Mütterideal vertritt. Frauen finden in der extremen Rechten sehr unterschiedliche Anknüpfungspunkte. (Interview: Bascha Mika)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare