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Migranten demonstrieren in New York gegen Trump.

USA

Rechenspiele und Rückzieher

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Der Schock der US-Wahl sitzt weiterhin tief – und Trump verwirrt Freund wie Feind.

Um Hillary Clinton ist es still geworden. Kein Auftritt der Wahlverliererin, keine Botschaft, kein Wort, kein Ton von ihr. Aus der demokratischen Partei erheben sich zurzeit gerademal noch zwei Stimmen: Der sozialistische Abgeordnete Bernie Sanders aus Vermont, einer bisweilen konstruktiven und ansonsten beinharten Opposition das Wort zu reden. Elizabeth Warren, radikale Liberale, Akademikerin und Senatorin aus Massachusetts, versucht mit kämpferischen Rufen nach Erneuerung ihre Partei aus der Nachwahldepression herauszureißen. Gut möglich, dass die kluge glaubwürdige Warren 2020 zur Wahl stehen wird.

Aber nicht jetzt. Jetzt ist die Stunde Donald Trumps – und die Hillary Clintons, wenn es nach einer Gruppe prominenter Computerexperten und Wahlrechtsanwälten geht. Laut „New York Magazine“ will die Truppe Clinton dazu drängen, Neuauszählungen der Stimmen in drei Bundesstaaten zu erzwingen. Die Ergebnisse der Demokratin in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania wichen auffällig ab, heißt es. Von Manipulation und Hacking ist die Rede.

46 Stimmen bis zum Sieg

In Wisconsins Bezirken mit elektronischer Stimmabgabe habe Clinton sieben Prozent weniger erhalten als in Bezirken, die andere Methoden verwenden. Das summiere sich auf 30 000 Stimmen. Clinton verlor den Staat mit 27 000 Stimmen. Michigan (16 Wahlleute) ist nach wie vor nicht ausgezählt, Trump liegt dort nur 0,3 Prozentpunkte vor Clinton. In Wisconsin holte Trump zehn Wahlleute und in Pennsylvania 20. Dort hatte er knapp einen Prozentpunkt Vorsprung. Im „Electoral College“, der Gruppe der Wahlleute, liegt er bei 290 und Clinton bei 232. Würden alle drei Staaten bei einer Neuzählung an Clinton fallen, wäre sie Präsidentin.

Kaum wer in den USA glaubt noch ernsthaft daran, dass vier Jahre Trump-Präsidentschaft abgewendet werden können. Und viele sehen in den Rechenspielen der Spezialisten einerseits den Unwillen, das schockierende Ergebnis zu akzeptieren wie den gefährlichen Weg, den George W. Bush 2001 ging, als ihm eine Wahlniederlage gegen Al Gore drohte und er es wohl nur mit Hilfe der Gerichte schließlich ins Weiße Haus schaffte. Vielleicht lässt sich Clinton auch deshalb nicht in der Öffentlichkeit blicken. Aber die Öffentlichkeit ist zunehmend von dem im New Yorker Trump Tower inszenierten Spektakel in Bann geschlagen.

Klimawandel gibt’s wohl doch

Da ist zum einen das eigentümliche Defilee möglicher Kabinettskandidaten durch das Foyer des Luxus-Wolkenkratzers – manche haben vielleicht reelle Chancen, andere mögen nur Staffage sein (siehe nebenstehende Box). Sicher ist nur: Trumps Kabinettsliste lässt weiter auf sich warten.

Zum anderen rudert der Präsident in spe bei seinen krudereren Versprechungen und Behauptungen zurück: Dass er Hillary Clinton nicht „hinter Gittern bringen“ wird, liegt zwar eher daran, dass sie sich nichts hat zuschulden kommen lassen, aber es wirkt großmütig. Ungelenk dagegen ist Trumps Rückzieher beim Klimawandel. Der „New York Times“ sagte er: „Ich werde das sehr genau prüfen. Ich stehe dem Ganzen offen gegenüber.“ Keine Rede mehr von der angeblichen Fiktion, erfunden von neidischen Chinesen. Und dass die von Trump als legales Kriegsmittel verteidigte Folter nichts nutzt, davon scheint ihn der mögliche Verteidigungsminister, Ex-General James Mattis, überzeugt zu haben. In einem Fall zeigt Trump jedenfalls moralische Stärke: Er hat sich in aller Deutlichkeit von den Rechtsextremen der Alt-Right-Bewegung distanziert. (mit dpa)

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