Es muss nicht das Unterste nach oben geholt werden, um einen frischen Blick auf die Welt der Arbeit zu werfen.
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Es muss nicht das Unterste nach oben geholt werden, um einen frischen Blick auf die Welt der Arbeit zu werfen.

Die Welt nach Corona

Wer schützt das Home vor dem Office?

  • vonOliver Herwig
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Je länger die Corona-Krise dauert, desto dringlicher wird: Für die Verbindung von Wohnen und Arbeiten braucht es neue Räume – eine Aufgabe für Architektur und Design. 

Der Kaffee dampft und der Computer fährt hoch. Gleich ploppen all die Nachrichten auf, die wir nicht schon vom Handy gewischt oder weitergeleitet haben. Alles wie gewohnt? Nicht ganz. Keine Kollegen da, kein Flurfunk, kein Händedruck. Und doch ist Homeoffice die neue Normalität für Tausende von Menschen, die sich nie erträumt hätten, Arbeit und Leben auf engstem Raum zu verbinden.

Corona bringt schlagartig zusammen, was die Moderne mühsam getrennt hatte. Nach der Wohnküche, dem halböffentlichen Schlafzimmer samt Wellnessbad ist das Homeoffice die dritte Wohnwende des frühen 21. Jahrhunderts. Menschen, Städte und Wohnhäuser müssen sich erst noch darauf einrichten.

Was genau die erzwungene Einsamkeit vor dem heimischen Rechner mit uns macht, ist wohl bereits Gegenstand diverser soziologischer und psychologischer Studien. Wir können hier nur spekulieren. Und annehmen, dass es von den jeweiligen Umständen abhängt, ob Selbstisolation als Befreiung, angenehme Abwechslung oder als Strafe empfunden wird, die nun acht Stunden in der eigenen Bude abzusitzen ist. Was nach Freiheit klingt, ist freilich oft keine. Digitale Überwachung und ständige Erreichbarkeit unterminieren die Unverletzlichkeit der Wohnung. Die Bürotür hinter sich schließen und nach Hause zu gehen, um dort mal Mensch zu sein – das war einmal. Insofern beschleunigt Corona nur das, was sich in den vergangenen Jahren ohnehin abgezeichnet hatte. Homeoffice heißt auch, dass selbst Mittagspausen nicht so einfach durchzusetzen sind. Jederzeit kann etwas Wichtiges reinkommen, ein Kollege um Hilfe bitten oder die Vorgesetzte eben mal den überfälligen Bericht anfordern.

Was tun? Höflich absagen – oder ostentativ im Chat die Stulle in den Mund schieben? Fragen der Etikette sind nicht bedeutungslos. Doch dahinter steht eine viel bedeutsamere Frage: Ist das Homeoffice nun Strafe oder Privileg? Vom Standpunkt eines Monteurs, dem nie eine Wahl gelassen wurde, wo er Autos zusammenschrauben soll, ist Heimarbeit bestimmt ein großer Vorzug. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey im Auftrag des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft zeigt noch eine überwältigende Mehrheit für die Arbeit zu Hause: 58 Prozent der 1000 Befragten „wünschen sich dies ausdrücklich, 17,4 Prozent sind noch unentschieden.“ Das dürfte sich ändern, sobald aus der Krise ein Dauerzustand wird und das Homeoffice heimlicher Standard.

Oliver Herwig arbeitet als freier Journalist in München und unterrichtet Designtheorie an der Kunstuniversität Linz. Als Moderator konzipiert er Tagungen und Podiumsgespräche. Seit 2018 leitet er mit Andreas Grosz das KAP Forum.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) jedenfalls machte sogleich deutlich, dass er „mehr Homeoffice ermöglichen, aber nicht erzwingen“ wolle. Gegenüber der „Bild am Sonntag“ betonte er, dass es auch im Homeoffice einen Feierabend gebe – „und zwar nicht erst um 22 Uhr“. Bezahlt wie Angestellte, bei Arbeitszeiten wie Selbstständige? Davon haben sicher nicht alle Büroarbeiter geträumt. Mit den Orten und Zeiten verschwimmen auch die Kategorien. Dazu passt, dass der DGB-Chef die Bürgerversicherung für alle fordert.

Das Homeoffice ist eine Herausforderung – und das gleich in doppelter Hinsicht: soziologisch wie gestalterisch. An der Schnittstelle von Heim und Arbeit prallen Welten aufeinander. So sehr das Büro in den letzten Jahren auch gemütlicher erscheinen sollte und irgendwie lässig, es blieb doch eher ein Ersatz-Zuhause mit einer Ersatz-Familie auf Zeit. Dagegen ist gar nichts zu sagen, nur ist das Homeoffice wirklich eine Gestaltungsaufgabe? Oder doch eher eine Frage der Psychologie? Der Editorial Director eines großen Verlages für Architektur bringt den Zwiespalt auf den Punkt: „Je länger die Krise und damit die Nutzung dauert, desto dringlicher wird das Homeoffice zu einer Gestaltungsaufgabe, für die das Wohlbefinden immer wichtiger wird: Wie können wir das ansonsten auf die Dauer aushalten, ohne ein Ende in Sicht?“

Offenbar nutzten einige die erzwungene Distanz zu umfangreichen Renovierungsarbeiten. Wände streichen, Boden abschleifen, Tapeten ausrollen. Bereits Mitte März verkündete das Pinterest-Presse-Team, dass die Suchanfragen zu „Schreibtisch im Büro organisieren“ um 473 Prozent gestiegen seien. Allerdings ging es zugleich um Recherchen wie die für „goldene Milch“, also Kurkuma Latte (um 43 Prozent gestiegen) und Stilfragen, etwa nach dem perfekten „Home-Office Outfit“ (plus 82 Prozent). Darf man sich im Schlabberpulli eigentlich vor den Rechner setzen? Natürlich. Wenn schon lässig, dann richtig. Doch soziale Kontrolle per Video-Chat schränkt die persönliche Lässigkeit doch gehörig ein. Dann googelt man Mario Barth, der gespielt verkatert und im Schlafrock die größte aller Stilfragen stellt: Warum überhaupt noch anziehen? Und mit einem Schlag wird deutlich: Nicht jeder ist ein Big Lebowski, der selbst im Pyjama stilvoll einkaufen kann. Offenbar geht es im Homeoffice auch um Selbstachtung.

Stadtplaner gesucht: vorwärts in die Vergangenheit

Corona wirkt wie eine gigantische Vereinzelungsmaschine, und das kann auch modernste Technik gerade mal einige Zeit übertünchen. Was also ist hier die Aufgabe von Architektur und Design? Eines jedenfalls ist sicher: Die Zeiten, in denen Bürobauten als unbedingte Assets im Portfolio der Immobilienwirtschaft galten, sind wohl vorbei. Das Büro als Institution wird nicht aussterben. Es kann aber sein, dass ein Drittel aller Arbeitsplätze gar nicht dorthin zurückkehrt, sondern als stille Reserve ins traute Heim abwandert. Das muss nicht per se schlecht sein, denn die Luft in der Stadt wird spürbar besser.

Mitten in der Krise über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Homeoffice wirkt wie ein Befreiungsschlag gegenüber der funktionsgetrennten Stadt der Moderne, fein säuberlich aufgeteilt nach Industrie, Gewerbe und Wohnen, gemäß den Prinzipien des Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) von Athen – eine Fehlentwicklung, zusammen mit der Ideologie der autogerechten Stadt. Damit klinkt sich das Homeoffice ein in einen ganz anderen Konflikt – und zwar in den von Ökologie und Gemeinschaft versus Turbokapitalismus und hemmungslosem Ressourcenverbrauch. Auch wenn niemand weiß, wie gut die Ökobilanz dieses Arbeitsmodells genau aussieht, steht doch fest, dass so manche Fahrt zum Arbeitsplatz entfallen dürfte, zusammen mit Dienstreisen zu Treffen, die viel Stress versprechen – und wenig Konkretes. Wie angenehm höflich wirkten zudem die Video-Chats der letzten Tage, in denen sich Menschen ausreden ließen, zuhörten und tatsächlich nach Lösungen suchten. Auch wenn das Homeoffice gegenüber CIAM wie ein Rücksprung in vormoderne Zeiten wirkt – freilich mit modernsten Kommunikationsmitteln –, ist es doch ein Baustein für eine ökologische Wende.

Corona hat die Art verändert, wie wir miteinander umgehen, reden und uns austauschen. Wir zoomen, skypen und treffen uns zu virtuellen Besprechungen. Wer vor der Krise noch gezögert hatte, moderne Kommunikationsmittel zu nutzen, wird plötzlich zwangsweise upgedated. Zwei Jahre Transformation in Richtung online in zwei Monaten, so nannte dieses Phänomen Microsoft-Chef Satya Nadella kürzlich.

Bits und Bytes sind die Abstandshalter einer Gesellschaft, für die das Treffen unter vier Augen ein exklusiver Genuss wird. Das Digitale wird Standard, alles andere wird sich rechtfertigen müssen. Wenn daraus nicht doch noch die große Überwachungsnummer wird, könnten Umwelt und Gesellschaft gleichermaßen profitieren – weniger allerdings das eigene Heim. Hier geht es gar nicht um geniale Gestaltungstipps, wie mit einem ergonomischen Schreibtisch die letzten Leistungsreserven zu heben sind, hier geht um ganz persönliche Entscheidungen, in die in der Regel weder Architekten noch Designer einbezogen werden.

Das hat sogar einen guten Grund. Der Stadtwanderer und Soziologe Lucius Burckhard meinte einmal, dass Dinge mit so hohem Symbolwert und so geringem Anteil von Erfindung wie das Essbesteck gar nicht Gegenstand von Gestaltung seien. Gleiches könnte man vom Homeoffice annehmen. Hier soll sich jede(r) austoben, wie es gerade gefällt, wenn damit ein Stück Persönlichkeit verbunden ist. Das heißt dann vielleicht nicht mehr „Arbeiten 4.0“ oder „New Work“. Sondern Arbeitsküche. Oder Schlafcomputerzimmer. Ein ganz normales Stück Heim. Darauf müssen wir uns wohl oder übel einstellen.

Lockerheit erwünscht: Schön flexibel bleiben

My home is my office. Was heißt das nun konkret für die Zukunft der Wohnung, wenn niemand mehr so genau sagen kann, wo die Arbeit eigentlich endet und das Zuhause beginnt? Als halböffentlicher Ort nehmen die eigenen vier Wände jedenfalls selbst hybride Züge an und stellen das Private infrage. Was das mit Menschen machen kann, hat Billy Wilder bereits 1960 mit „The Apartment“ gezeigt. Versicherungsagent C. C. „Bud“ Baxter fühlt sich von seinem Heim entfremdet, da es zeitweise von seinen Vorgesetzten als Liebesnest genutzt wird. Das „Un-Private-Home“ wäre langfristig wohl gefährlicher als alles, was kluge Arbeitswissenschaftler und Innenarchitekten bislang mit dem Büro anstellten, das immer wohnlicher und verspielter, aber eigentlich nur auf Effizienz getrimmt wurde. Sollte das Homeoffice wirklich Standard werden, gilt es, das Home vor dem Office zu schützen.

Der Ansatz, mit Arbeitsstättenverordnungen und DIN-Vorgaben unterm Arm die eigene Wohnung zu ertüchtigen, hier eine Tageslichtleuchte aufzustellen und dort für Mindestabstände zu sorgen, weist in die falsche Richtung. Dürfen Hausaufgaben etwa nicht mehr am Esstisch entstehen, der neuerdings für die Büroarbeit reserviert ist? Das Zuhause ist jedenfalls kein Ort für Büro-Normen. Richtlinien, die der Gesundheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern verpflichtet sind, sollten der neuen Lebenswirklichkeit angepasst werden, nicht umgekehrt. Wenn Mama oder Papa mit dem Baby im Tragetuch gerade am Computer arbeiten, geht es nicht um Normen, sondern um Minuten. Familienleben, Arbeit und Freunde auf begrenztem Raum unter einen Hut bringen zu müssen, ist für viele unmöglich. Und für manche sogar eine Horrorvorstellung. Selbst in der großzügigen Altbauwohnung ist ein permanentes Arbeitszimmer ein Eindringling. Multifunktionsmöbel, Klappschreibtische und Bürowandelboxen werden dieses Problem nicht lösen. Es geht um Grundsätzliches.

46,7 Quadratmeter hatten Bundesbürger 2018 im Schnitt zur Verfügung, ein Wert, der seit 2013 kaum mehr wächst. Natürlich ist das luxuriös im Vergleich zu vielen anderen Ländern, zeigt aber auch die Grenzen der bisherigen Bau- und Wohnungspolitik. Wir brauchen nicht noch mehr Mikroapartments, Klein- und Kleinstwohnungen, sondern neue Wohnformen. Häuser können ruhig flexibler werden. Offener. Vielfältiger. Und experimenteller.

Architekten und Städtebauer schwärmen schon lange von nutzungsoffenen Wohnungen, so etwas wie Gründerzeitsiedlungen 2.0, in denen jedes Schlafzimmer eben auch Büro sein könnte und das Wohnzimmer mal Versammlungsstätte, mal Indianerlager. Das freilich verlangt Raum, den Städte heute schwerlich hergeben. Und plötzlich reden wir von Bodenreform und nicht von zusätzlichen Abschreibungsmöglichkeiten für häuslich genutzte Arbeitszimmer. Es ist auch schwer vorstellbar, dass ungenutzte Bürotürme in der Innenstadt nun Wohnungen werden. Viel wahrscheinlicher klingt ihre Umwandlung in Luxusappartements, von denen C. C. „Bud“ Baxter und andere nur träumen können.

Das Homeoffice ist aber nicht nur Schicksal, sondern auch Chance, Städte neu zu denken und den hybriden Arbeits-Lebens-Gemeinschaften ebenso flexible Räume zu geben. Eine Art Gamification der Umwelt, die Standards infrage stellt, Grundrisse und Typologien. Warum nicht ein Erdgeschosszimmer für alle, in das man sich stundenweise einmieten kann, statt die Wohnung mit digitalen Aktenordnern und Video-Botschaften mit Blick auf den Wäscheständer zu entwerten? Nicht zuletzt geht es um zweckfreie Rückzugsräume, die nicht nur zeitlicher Natur sind, sondern reale Räume. Eines ist sicher. Hier wird es keine Standardlösung geben, sondern viele kleine, oft widersprüchliche Kompromisse vor Ort.

Oliver Herwig arbeitet als freier Journalist in München und unterrichtet Designtheorie an der Kunstuniversität Linz. Als Moderator konzipiert er Tagungen und Podiumsgespräche. Seit 2018 leitet er mit Andreas Grosz das KAP Forum.

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