Gegen Rassismus

Raum für Schweigen, Verstehen, Aufbegehren

Manchmal ist Schweigen und Zuhören wichtiger. Denn manchmal ist einfaches Interesse der größte Solidaritätsakt.

Frankfurt, Hauptwache, 3. Juni 2020. Seit etwas mehr als einer Woche ist George Floyd tot. Stoisch verlesen zwei der Organisatorinnen der Demonstration die viel zu lange Liste der People of Color, die in Deutschland im Kontakt mit der Polizei ums Leben gekommen sind. Ich höre still zu, immer wieder drängen sich schreckliche Bilder in meine Gedanken. Es ist ein Ritual, das ich kenne und das mich doch immer wieder sprachlos macht.

Neben Wut und Trauer begleitet mich in den vergangenen Tagen vor allem jenes Gefühl der Sprachlosigkeit. Dieses Erstarren der Worte, die sich eigentlich bewegen wollen. Um ihnen einen Raum zu geben, schreibe ich diesen Text. Er richtet sich auch an unsere weißen Freund*innen, da sie uns diesen Raum zugestehen können. Indem sie zuhören.

Gerade unterhielt ich mich mit einer weißen Kollegin über die jetzige Situation. Sie schilderte mir ihre Wut, distanzierte sich vom Alltagsrassismus und reflektierte ihre Privilegien. Ich bin mir sicher, dass sie mir damit ihre Solidarität ausdrücken wollte. Was in der Situation allerdings besser funktioniert hätte, wäre ein offenes Ohr. Denn manchmal ist einfaches Interesse der größte Solidaritätsakt. Ein Akt, zu dem es mitunter auch gehört, sprachlose Momente auszuhalten, um dem Sprechen von Betroffenen Raum zu geben.

Dieser Text hier soll beileibe keine moralische Ermahnung sein. Vielmehr eine Einladung, unsere individuellen Erfahrungen, Sorgen und Wünsche kennenzulernen. Das kann konfrontativ und schmerzhaft sein, aber auch eine große Bereicherung – für beide Seiten. Denn unter unseren Hautfarben stecken Biografien, Familiengeschichten und natürlich auch historische und politische Zusammenhänge. Von Rassismus betroffen zu sein, bedeutet manchmal, in alltäglichen Gesprächssituationen unter Anspannung hoffen zu müssen, dass mein Gegenüber nicht gleich eine abfällige Bemerkung über „Ausländer“ macht, weil ich mich dann dazu verhalten müsste. Es ist manchmal die schmerzhafte Verunsicherung über das Anrecht auf meine Identität, wenn weiße Menschen beschwichtigend sagen: „Du bist doch gar nicht wirklich schwarz.“ Und manchmal bedeutet es, nicht zu wissen, ob man der eigenen Wahrnehmung trauen kann, wenn man verletzt auf eine Geste oder Aussage reagiert und alle anderen darüber hinwegsehen.

Von Rassismus betroffen zu sein, ist ein komplexes Gewirr aus Emotionen, Gedanken und Erinnerungen, das uns mitunter sprachlos macht. Dieser Text soll unsere weißen Freund*innen

dazu ermutigen, Betroffenen einen Raum für dieses Gewirr zuzugestehen und dabei Neues kennenzulernen.

Der Autorist Kind einer weißen Mutter und eines afroamerikanischen Vaters.

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