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Auch die BBC steht in der Kritik: Brexit-Minister Dominic Raab (r.) zu Gast in der Andrew-Marr-Show.

Brexit

Von Ratten und „Volksfeinden“

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Die Londoner Zeitungen gehen mit Brexit-Kritikern wenig zimperlich um / Eine Analyse von Sebastian Borger

Wer regelmäßig britische Medien konsumiert, wird einen Eindruck kaum los: Das Land befindet sich noch immer in einem permanenten Meinungskrieg über die richtige Haltung zur EU und den bevorstehenden Brexit. Ganz wie im eigentlichen Referendumswahlkampf bleiben besonders die Londoner Zeitungen gespalten und bedienen die jeweiligen Vorurteile ihrer Leserschaft; kaum irgendwo wird der Versuch unternommen, die Versäumnisse der konservativen Regierung unter Premierministerin Theresa May, aber auch die objektiven Schwierigkeiten ansatzweise ausgewogen darzustellen.

Zu den Ausnahmen zählt die Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT), die bei EU-Gegnern als „Stimme Brüssels“ gilt. An dieser Polemik stimmt nur, dass FT häufig über die Perspektive der EU-Kommission sowie der 27 Mitgliedsstaaten berichtet und damit die Londoner Nabelschau verlässt, die viele andere Blätter, egal welcher Couleur, betreiben. Die Kommentare lassen allerdings keinen Zweifel daran, dass das Blatt den Brexit für einen Irrtum hält. Damit gehört FT zum Kreis von Zeitungen wie „Daily Mirror“, „The Guardian“ und „The Independent“ sowie dem Wochenmagazin „New Statesman“.

Unklar bleibt derzeit die Haltung des Millionenblatts „Daily Mail“, das seit Jahren den größten Einfluss auf die Regierung ausübt. Unter seinem langjährigen Chefredakteur Paul Dacre bellte die reaktionäre Kleinbürger-Postille lautstark für den Brexit und gegen all jene „Volksfeinde“, so eine Schlagzeile vom Herbst 2016, die dessen rascher Umsetzung im Weg stünden. Kürzlich hat der knapp 70-Jährige Dacre dem deutlich milderen George Grieg, 57, Platz gemacht, der zuvor das Schwesterblatt „Mail on Sunday“ führte. Weil dessen Berichterstattung eher die Brexit-Probleme herausstellte, erhoffen sich Kritiker des Regierungskurses jetzt auch eine fairere Berichterstattung in der Tageszeitung.

Der Boulevard trommelt weiter für den Brexit

Davon kann in Boulevardblättern wie „Daily Star“ und „Daily Express“ ebenso wenig die Rede sein wie im einstmals ehrwürdigen „Daily Telegraph“ oder im Intellektuellen-Magazin „Spectator“. Allesamt trommeln sie weiter für den Brexit und prangern die vermeintlich dogmatische EU an. Den Vogel schießt wie immer „The Sun“ des US-australischen Medienzaren Rupert Murdoch ab. Als Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn im Februar den Verbleib der Insel in einer Zollunion mit dem Kontinent befürwortete, stellte ihn das Blatt tags darauf als Ratte an den Pranger.

Die Fernseh- und Rundfunksender sind, was die politische Berichterstattung angeht, zu parteipolitischer Neutralität und sachlicher Ausgewogenheit verpflichtet. Der TV-Sender Sky hat kürzlich nach monatelangem Gezerre den Besitzer gewechselt und wird zukünftig nicht mehr zum Murdoch-Imperium gehören. Der Nachrichtenkanal Sky News und sein Politik-Chefreporter Faisal Islam haben sich in den vergangenen Wochen immer wieder mit glänzenden Geschichten über die Probleme des Brexit hervorgetan.

Ganz anders die BBC. Die Berichterstattung des bekanntesten öffentlich-rechtlichen Senders der Welt, für mehr als die Hälfte der Briten „wichtigste“ Nachrichtenquelle, ist vielen Brexit-Kritikern ein Dorn im Auge.

Zu Unrecht, argumentiert Nick Robinson, einer der Moderatoren des Radio-Morgenmagazins Today, dem die gesamte Elite des Landes zuhört. Das Referendum sei vorbei, findet Robinson, damit sei auch die Notwendigkeit einer Balance zwischen den beiden Standpunkten nicht mehr gegeben: „Es gibt keine zwei Seiten mehr.“

Damit mache sich der Sender „journalistischer Feigheit“ schuldig, urteilt hingegen der Publizist Nick Cohen in einem Essay für „New York Review of Books“. Schlimm sei vor allem das totale Versäumnis, über die Finanzskandale der EU-Austrittsbefürworter zu berichten: „Das ist ungefähr so, als würden die US-Fernsehanstalten die Untersuchung der Trump-Kampagne durch Robert Mueller ignorieren“, schreibt Cohen.

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