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Täglicher Krieg: ein Soldat der „Freien Syrischen Armee“ in Haresta, einem Vorort von Damaskus.

Syrien

Die Ratlosigkeit der Weltgemeinschaft

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Der Bürgerkrieg in Syrien eskaliert, ohne dass die Vereinten Nationen einen Ausweg weisen können

Die leidenschaftlichen Appelle des UN-Sondergesandten für Syrien, Lakhdar Brahimi, vor dem UN-Sicherheitsrat verhallen ungehört. Trotz seiner eindringlichen Warnungen vor einem Auseinanderbrechen Syriens blockieren Russland und China weiterhin jede Resolution des UN-Sicherheitsrates zum Bürgerkrieg in Vorderasien.

Was auf den ersten Blick wie eine neuerliche Blockkonfrontation auf Ebene der Vereinten Nationen aussieht, überdeckt bei genauerem Hinsehen die komplette Rat- und Hilflosigkeit der gesamten Weltgemeinschaft gegenüber Damaskus.

Jenseits aller Appelle weiß selbst der Westen nicht, wie er in Syrien eingreifen sollte, wenn Moskau und Peking ihre Vorbehalte aufgäben. Denn die Situation im Land ist deutlich unübersichtlicher als in vielen Nachbarländern, die im Zuge des Arabischen Frühlings ihre Regime abgeschüttelt haben.

Ein Ausdruck dieser Unübersichtlichkeit ist die Entscheidung von US-Präsident Barack Obama vom vergangenen Sommer, die Aufständischen in Syrien nicht mit Waffen zu beliefern, obwohl maßgebliche Vertreter seiner Administration, allen voran Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Leon Panetta genau zu diesem Schritt geraten hatten. Der Präsident hatte aber Sorge, dass jene Waffen zunächst zwar gegen das Assad-Regime, im Anschluss aber auch gegen Syriens Nachbarn und in gar nicht allzuferner Zukunft sogar gegen US-Truppen eingesetzt werden könnten.

Denn längst ist unklar, wer sich alles unter dem Titel „bewaffneter Widerstand gegen Assad“ in Syrien tummelt. Westliche Geheimdienste sprechen von nicht weniger als 200 verschiedene Gruppen, die gegen den Diktator von Damaskus kämpfen. Schiiten, Sunniten, Alawiten, Familienclans, Schmugglerorganisationen und andere Rebellen. Unter ihnen befindet sich auch die Jabhat al-Nusrah, eine Terrororganisation mit klaren Verbindungen zu Al-Kaida, die sich innerhalb von zwölf Monaten zu einer der einflussreichsten Widerstandsgruppen entwickelt hat, weil sie für besonders blutige Anschläge verantwortlich ist. Am Montag starben bei einem Selbstmordanschlag von al-Nusrah im Nordosten des Landes angeblich 15 Geheimdienstmitarbeiter. Der Sondergesandte Brahimi verwies darauf, dass nicht nur das Regime von Assad, sondern auch der „Widerstand“ grausame Verbrechen verübe.

Unklar ist, über wie viel Einfluss jene Nationale Syrische Koalition tatsächlich verfügt, der Moas al-Chatib vorsteht. Der Zusammenschluss der Oppositionsgruppen gehört zu den Versuchen der Weltgemeinschaft, einen einheitlichen Ansprechpartner zu finden für die Zeit nach dem Sturz von Assad. Denn dass der Diktator in den nächsten Monaten stürzen wird, davon gehen inzwischen nahezu alle Beobachter aus.

Der UN-Gesandte Lakhdar Brahimi hat jetzt al-Chatib zu direkten Gesprächen mit Damaskus aufgefordert, um in Syrien einen Kampf bis zum bitteren Ende zu verhindern ? ein frommer Wunsch. Doch eine weitere Eskalation des Bürgerkriegs, so die Sorge in vielen westlichen Hauptstädten, würde die Situation abermals verschärfen, weil die Vorräte an Bio- und Chemiewaffen, über die das syrische Militär verfügen soll, in Umlauf geraten könnte. Selbst Russlands Außenminister Sergej Lawrow hatte dies als eine „rote Linie“ bezeichnet. Israels Luftwaffe hatte vorvergangene Woche bereits zwei Angriffe geflogen, um zu verhindern, dass Waffen der syrischen Armee zur radikalislamischen Hisbollah nach Libanon transportiert werden. Dem Vernehmen nach stehen US-Spezialkräfte in der Türkei bereit, die Chemiewaffenbestände zu sichern, sollte die Situation in Syrien völlig außer Kontrolle geraten.

Eine Militärintervention in Syrien gilt nach wie vor als undenkbar. Nach Ansicht von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) bräuchte es für einen Militäreinsatz in Syrien 200?000 Soldaten ? doppelt so viel wie gegenwärtig in Afghanistan stationiert sind. Ein solches Heer können die kriegsmüden Nato-Staaten ebenso wenig aufbringen wie Russland oder andere.

Syriens Opposition plädiert jetzt zumindest für die Einrichtung einer Flugverbotszone über dem Land, weil der Diktator Assad sich vor allem Dank der Luftüberlegenheit seiner Truppen an der Macht hält. Selbst dieser Schritt gilt westlichen Militärs als zu gefährlich, weil Syrien ? anders als Libyen oder Irak ? über eine deutlich modernere Flugabwehr und bessere Kampfjets verfüge. Die Erfolgsaussichten eines solchen Unterfangens seien „unseriös“, sagt Thomas de Maizière.

Die Weltgemeinschaft ist ratlos, der Sicherheitsrat zerstritten ? und in Syrien wächst die Zahl der Toten.

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