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Schwerbewaffnete prorussische Aktivisten in Kramatorsk.
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Schwerbewaffnete prorussische Aktivisten in Kramatorsk.

Ukraine

Ratlose Soldaten

  • Christian Esch
    VonChristian Esch
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Seit 50 Jahren haben westliche Armeen Erfahrung mit zivilen Aufständischen. In der Ukraine ist das anders. Im Osten der Ukraine weiß derzeit eigentlich keiner so genau, wohin – erst recht nicht die Soldaten aus Kiew.

Eine Armee kann wenig ausrichten, wenn sie nicht weiß, wer ihr Feind und was ihre Aufgabe ist. Im Dorf Ptscholkowo, gleich neben dem Bahndamm, ist eine ganze Kolonne ukrainischer Schützenpanzerwagen in diesem Dilemma steckengeblieben. Es ist Mittwochabend; Stunden lang schon sind die elf Fahrzeuge umringt von einer wütenden Menschenmenge.

Manchmal schieben sich Züge langsam an der Menge und den Truppen vorbei, dann wird die Szenerie in grelles Scheinwerferlicht getaucht, und erstaunte Schlafwagenschaffner schauen von hoch oben aus den geöffneten Türen.

Auf den Panzerfahrzeugen sitzen müde und ausdruckslos Fallschirmjäger der 25. ukrainischen Luftlandebrigade aus Dnjepropetrowsk. Die Gesichter sind schon dunkel von den Dieselabgasen. Fünf Tage sind sie auf kleinen Straßen unterwegs gewesen, in ihren engen BMD-Tanks, und davor hat man sie auf Bahnwaggons hin- und herverlegt, und das Resultat der ganzen Aktion war, dass sie nun in Ptscholkowo sich selbst entwaffnen müssen.

Denn das fordert die Menge. Wobei gerade noch ausgehandelt wird, wie weit die Entwaffnung gehen soll, und darüber wird schon stundenlang gestritten, zwischen erregten und teils angetrunkenen Männern in Lederjacken. „Was wedelst Du hier mit Deinem Armen rum, in meinem Dorf!“, schreit einer gerade denjenigen an, der sich als Vertreter der „Volksrepublik Donezk“ ausgegeben hat. So nennen sich die prorussischen Kräfte, die die Gebietsverwaltung in Donezk besetzt haben sowie Gebäude in Kramatorsk und Slawjansk, nicht weit von Ptscholkowo.

Ein ukrainischer Offizier steht ratlos auf dem ersten Panzerwagen, vor dem der Streit passiert, und versucht über sein Handy Befehle zu erhalten.

Was in Ptscholkowo an diesem Abend passiert, ist der sichtbarste Beleg für das Scheitern der „Antiterroroperation“, die die Kiewer Übergangsregierung im Donezker Gebiet ausgerufen hat. Als die Luftlandepanzer durch Ptscholkowo fuhren, hat eine Menschenmenge sie gestoppt. Es half nichts, dass die Soldaten in die Luft schossen und sogar einen Pkw niederwalzten, der ihnen in den Weg gestellt wurde. Nun wird Waffengleichheit hergestellt.

Ein Panzer nach dem anderen fährt vor, dann müssen die Soldaten die Schlagbolzen ihrer Kalaschnikows abgeben und den Verschluss der Bordwaffen. Auch die ukrainische Fahne an einem der Fahrzeug erregt Unmut. „Flagge weg, Flagge weg!“ ruft eine Gruppe Männer, aber dann darf die Fahne doch bleiben. Und den Soldaten wird Suppe gereicht – nicht ohne mahnende Worte: „Ihr habt auf uns geschossen, und ihr werdet das wieder tun!“, rufen empörte Frauen.

„Ach so? Meinst Du, wir hätten Euch nicht auseinanderjagen können, wenn wir gewollt hätten?“, blafft einer zurück, aber er ist der einzige, der sich laut wehrt. „Lass’ ihn, die Jungs sind doch mit ihren Nerven am Ende“, beruhigt ein Mann seine Frau. So mischen sich Empörung und Verständnis, Wut und Mitleid. Um den Panzer daneben hat sich keine Menge gebildet. Zwei Soldaten fragen leise: „Sind wir jetzt Verräter? So berichten sie im Fernsehen. Wo sollen wir hin? Können wir noch nach Hause?“

Jagd auf Panzer

Ohne Gewalt, so hat man in Kiew gelernt, lässt sich die Besetzung von Gebäuden durch hochprofessionelle, bewaffnete Gegner im Donezker Gebiet nicht verhindern. Aber mit Gewalt, so lernt man jetzt, geht es eben auch nicht. Jedenfalls nicht so. Kiew hat eine Antiterroroperation ausgerufen und dafür auch Militär eingesetzt, in unterstützender Funktion.

Aber es hat keinen Ausnahmezustand ausgerufen – das hätte die Wahlen am 25. Mai kompromittiert –, und es hat den Soldaten offenbar strenge Auflagen gemacht. „Unsere Führung hat donnernd eine Antiterroroperation ausgerufen, aber zugleich selbst Blumen in die Gewehrläufe gesteckt“, schreibt der Militärexperte Dmitri Timtschuk.

So kommt es, dass eine andere Gruppe empörter Einwohner regelrecht Jagd auf vier weitere BMD-Luftlandepanzer machen konnten, die sich auf das Flugfeld von Kramatorsk retten wollten. Das ist derzeit die Hochburg der Kiewer Truppen.

Am Mittwoch kam es im Dorf Wesjoly zu einer Schießerei: Um vier von Zivilisten verfolgten Panzern den Weg zum Flugfeld freizukämpfen, wurden Fallschirmjäger abgesetzt. „Wir hatten den Soldaten Essen gegeben, und es war ausgemacht, dass sie die Seite wechseln“, erzählt die Anwohnerin Walerija. „Aber dann haben sie das Essen weggeworfen und sind losgerast.“

Verwirrende Lage am Flughafen

Sie sagt das am Donnerstagmittag, während weiterhin Militärhubschrauber einfliegen. Vor dem Haupteingang zum Flugfeld stehen Bewaffnete des Geheimdienstes SBU. Aber nur hundert Meter weiter ist bereits die erste Straßensperre der Gegner der Kiewer Regierung.

Die Straßensperren im Donezker Gebiet vermehren sich überhaupt. An der Hauptstraße in die Gebietshauptstadt ist am Abend ein kilometerlanger Stau entstanden – wie sich herausstellt, weil Anhänger der „Volkrepublik“ Betonblöcke aufgestellt haben. Sie stehen nur 50 Meter vom Posten der Verkehrspolizei entfernt, aber die tut so, als gäbe es die das Problem gar nicht.

Ähnlich verwirrend ist am Donnerstag die Lage am Flughafen von Donezk. Gerade ist bekannt geworden, dass die Kiewer Regierung russischen Männern zwischen 16 und 60 Jahren grundsätzlich die Einreise verweigert, aus Sicherheitsgründen. Es ist aber ein schmerzhafter Schritt für die Ostukraine, wo jeder Verwandte im Nachbarstaat hat. Schon am frühen Abend des Donnerstags sind Demonstranten der „Volksrepublik“ am Flughafen aufgetaucht.

„Wir wollen durchsetzen, dass russische Bürger einreisen dürfen“, bestätigt einer von ihnen. Auch Wladimir Makowitsch von der „Provisorischen Regierung“ ist da, und verschwindet zu „Verhandlungen“ mit der Führung des Flughafens. Es ist schwer zu sagen, was wirklich verhandelt wird, oder ob da ein Theaterstück aufgeführt wird.

Keine Räumung der besetzten Gebäude

In der Innenstadt von Donezk haben sich dafür am Abend die Gegner der „Volksrepublik“ versammelt. Aufgerufen hat ein „Komitee der patriotischen Kräfte des Donbass“. Ein paar Tausend kommen, das ist nicht wenig für eine Stadt wie Donezk, wo die überwiegende Mehrheit der Einwohner mit ukrainischem Patriotismus nichts anfangen kann. Aber noch beeindruckender als die Zahl der Demonstranten ist die Zahl der Polizisten, die die Kundgebung schützen soll. Und kaum ist sie beendet, werden alle gebeten, den Ort zu verlassen.

Die Soziologiestudentin Irina Skljarowa steht noch da, mit zwei Ballons in den ukrainischen Farben Blau und Gelb. „Aus denen solltet ihr bitte die Luft ablassen“, sagt ihr Dmitri Tkatschenko, einer der Veranstalter der Kundgebung. Widerwillig tut sie es. Aber als dann noch eine Gruppe kräftiger junger Männer kommt und Witze über ukrainischen Speck reißt, da bricht es aus ihr heraus: „Packt eure Koffer, ab nach Russland!“

Aber die Gegner der Kiewer Revolution sind nicht Zugereiste, die man so einfach zurückschicken könnte. Sie sind selbst Donezker, jedenfalls in ihrer überwältigenden Mehrheit. Die Führung der „Volksrepublik“ hat am Freitag angekündigt, dass sie die von ihr besetzten Gebäude nicht räumen wird – auch wenn eine solche Räumung am Donnerstagabend im fernen Genf vereinbart wurde, zwischen Vertretern von Ukraine, Russland, EU und Vereinigten Staaten.

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