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Javier Sicilia ist zu einer moralischen Instanz Mexikos geworden.
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Javier Sicilia ist zu einer moralischen Instanz Mexikos geworden.

Drogenkrieg Mexiko

Der rastlose Dichter

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
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Javier Sicilia verlor in Mexikos Drogenkrieg den Sohn. Nun will er das Land retten

MEXIKO-STADT. Er hatte das Rauchen schon fast aufgegeben. Auf acht Zigaretten täglich war der Dichter Javier Sicilia runter. Dann kam der 28. März 2011, der Tag, an dem die Mafia seinen Sohn tötete. Es war ein Mord wie so viele in Mexiko – sinnlos, unerklärlich. Juan Francisco Sicilia war zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Mafia verschleppte den 24-Jährigen nachts aus einer Bar und erstickte ihn mit Klebeband.

Den Vater erreichte die Nachricht während einer Lesereise auf den Philippinen. Auf dem Heimflug tat er das, was ein Poet tut, wenn ihm das Herz vor Schmerz zerspringt: Er schrieb. „El mundo ya no es digno de la palabra“ – die Welt ist des Wortes nicht mehr würdig, heißt der acht Zeilen lange Vers. Nachdem Sicilia in seiner Heimatstadt Cuernavaca angekommen war, las er ihn auf dem Hauptplatz vor. Umringt von Freunden sagt er unter Tränen, es sei sein letztes Gedicht: „In mir gibt es keine Poesie mehr.“

Aber der Tod des Sohnes war die politische Geburt von Javier Sicilia. Der 55-Jährige ist zum Führer von Mexikos Protestbewegung geworden: gegen die Rauschgiftmafia, gegen den Krieg der Regierung, gegen die Kartelle, gegen Korruption. Und gegen die Präsidentenwahl an diesem Sonntag. Er nennt sie eine Farce.

„Nur um des Bösen willen“

Javier Sicilia sitzt an einem runden Tisch, vor ihm ein voller Aschenbecher, eine Tasse kalten Kaffees. Er raucht jetzt wieder Kette, „Delicados“ mit Filter, die Zigaretten aus Reispapier, die bei den Intellektuellen des Landes so beliebt sind. Sicilia raucht hastig, aber er spricht sanft und bedächtig. „Wir leben in einem Land, das mit Toten überschwemmt ist“, sagt er. Dem Poeten fallen viele Adjektive für seinen Staat ein, der nicht in der Lage ist, seine Bürger zu schützen: fragmentiert, gescheitert, nicht existent. „Nach dem Nazi-Horror, den Diktaturen Lateinamerikas, den Massakern in Afrika dachten wir, es sei alles überwunden. Doch nun passiert etwas Ähnliches in unserem Land. Und ohne Ideologie, nur um des Bösen willen. Irgend etwas hat die Seele verdunkelt.“

Der Bürgerkrieg ohne erkennbare Fronten hat in sechs Jahren bereits 60000 Menschenleben gefordert. Nicht Armeen stehen sich gegenüber, sondern Banden bis an die Zähne bewaffneter Killer der Drogenkartelle. Sie töten für Reviere oder Routen, ihre Opfer sind die Killer der Gegenseite, Polizisten, Soldaten – oder Unbeteiligte wie Juan Francisco Sicilia. Jeden kann es treffen in diesem Krieg, in dem Leichen an Brücken aufgeknüpft werden und 14-Jährige für die Mafia foltern und exekutieren. „Kann man in diesem Klima etwa wählen?“, fragt Sicilia und bläst eine dicke Rauchwolke in die Luft.

Die Präsidentenwahl vergleicht er mit einer Nebelwand, hinter der die wahren Probleme des Landes lägen. „Die Kandidaten tun so, als lebten wir im Frieden“, sagt er. Tatsächlich kommt das Thema, das die Mexikaner am meisten beschäftigt, im Wahlkampf kaum vor. Von der „Unsicherheit“ im Lande reden die Kandidaten, statt vom Drogenkrieg, vom Morden, von den Verschwundenen.

„Es ist jämmerlich“, sagt Sicilia und spricht Millionen seiner Landsleute aus der Seele. So ist dem trauernden Vater in den vergangenen Monaten gelungen, was in Mexiko unmöglich erschien: Er hat die Menschen zusammengebracht, die von den Zuständen im Land genug haben. „Estamos hasta la madre“ – wir haben die Schnauze voll, ist die Parole der Protestbewegung, die Hunderttausende vereinnahmt hat: Mütter, die ihre Söhne verloren haben. Frauen, deren Männer verschwunden sind. Mexikaner, die was verändern wollen. Wenn Sicilia seine tiefe Stimme erhebt, hört ihm das ganze Land zu.

Bis zum Frühjahr 2011 war der Dichter, Drehbuchautor und Journalist Sicilia nur wenigen ein Begriff. Inzwischen ist der kräftige Grauhaarige zu einer moralischen Instanz geworden, zur breitesten Schulter, an die sich jeder anlehnen kann, der auf der Suche nach Trost, Gerechtigkeit und Erklärungen nur auf taube Ohren stößt oder an überforderten, von korrupten Seilschaften durchzogenen Behörden scheitert.

Sicilia organisiert landesweite Protestmärsche, klagt vor Zehntausenden von Demonstranten die Kartelle an, die Korruption, die verrotteten Institutionen, die unfähigen Regierungen. Sein Aktionismus ist getrieben von einem einzigen Wunsch: Der Tod seines Sohnes soll nicht ganz ohne Sinn gewesen sein. Der Vater, der sein Kind verloren hat, will als Bürger wenigstens sein Land retten. „Ich muss mein Gesicht zeigen: für die Würde meines Sohnes, für all die Kinder, die in dieser Schlacht gefallen sind, und für alle diejenigen, die in Zukunft sterben werden.“

„Keiner hat Ideen“

Als Sicilia vor vier Wochen die Bewerber um das Präsidentenamt zusammenrief, wagte keiner, die Einladung auszuschlagen. Trotz berstender Terminkalender kamen sie alle ins feine Chapultepec-Schloss in Mexiko-Stadt. Statt eines Dialogs gabe es eine Abrechnung: Sicilia kanzelte sie ab wie ein Lehrer ungezogene Schüler. Jedem hielt er dessen Versäumnisse vor. Keiner widersprach.

Der Dichter verlangte von den Kandidaten, sie sollten miteinander reden und nicht übereinander. Sie sollten gemeinsam etwas tun, um das Land zu heilen. Eine Regierung der Nationalen Einheit forderte er von ihnen. Genauso gut könnte er Utopia fordern.

Nicht einen Tag hat der rastlose Dichter seit dem Tod seines Sohnes pausiert. Anderthalb Jahre schon ist der gläubige Katholik auf seinem Kreuzzug für ein besseres Mexiko. Zur Wahl gehen wird er am Sonntag, aber er wird seine Stimme ungültig machen. „Wer auch immer gewinnt, er wird Unheil und Elend nur verwalten. Keiner hat Ideen, Vorschläge, neue Ansätze“, sagt er. Dann zieht er die letzte der „Delicados“ aus der Schachtel und bittet um Entschuldigung. Er müsse schlafen, essen, Kraft sammeln. Der Weg sei noch so lang.

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