Rassismus in den USA

„10 Regeln, um eine Polizeikontrolle zu überleben“: Wie schwarze Eltern ihre Kinder vorbereiten 

Rassismus und Polizeigewalt sind in den USA nicht erst seit dem Mord an George Floyd Alltag. Schwarze Eltern fürchten jeden Tag um ihre Kinder. Der Gastbeitrag. 

Washington – Das Video ist nur zwei Minuten lang. Kinder, Jugendliche und Erwachsene kommen zu Wort. Sie geben zehn Hinweise, wie man sicher nach Hause kommt. Wie man eine Gefahr überlebt, die nur für einen Teil der Bevölkerung in den USA als tödliche Bedrohung gilt. Die Menschen in dem Video sind allesamt schwarz. Der Titel des Videos: „10 Regeln, um eine Polizeikontrolle zu überleben.“ 

In dem Video, das der öffentlich-rechtliche Fernsehsender PBS (Public Broadcasting Service) produziert hat, geht es nicht um Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung. Es soll keine Unterschiede zwischen schwarzen und weißen US-Amerikaner*innen erklären. Es geht in den gesamten zwei Minuten einzig und allein darum, dass das Kind am Ende des Tages wohlbehalten und unbeschadet nach Hause zurückkehrt.

Nach dem Mord an George Floyd in Minneapolis: Schwarze Eltern erklären rassistische Polizeigewalt in USA

Wie das gelingen kann, erklärt dieses Video in zehn einfachen Schritten:

  1. Sei höflich und respektvoll, wenn Du von der Polizei angehalten wirst.
  2. Wenn Deine Grundrechte verletzt wurden, können Du und Deine Eltern eine Beschwerde einlegen.
  3. Versuche niemals, Dich in eine Diskussion mit der Polizei verwickeln zu lassen.
  4. Erinnere Dich daran, dass alles, was Du sagst und tust, vor Gericht gegen Dich verwendet werden kann.
  5. Halte Deine Hände immer in Blickrichtung der Polizei.
  6. Vermeide jeden Körperkontakt mit der Polizei, mache keine plötzliche Bewegung.
  7. Lauf nicht weg! Auch wenn Du Angst hast.
  8. Auch wenn Du unschuldig bist, widersetze Dich niemals einer Verhaftung.
  9. Mache keine Aussage zum Vorfall, bis Du nicht die Gelegenheit hattest, mit einem Anwalt zu sprechen.
  10. Bleib ruhig! Achte auf Deine Worte, Deine Körpersprache und Deine Emotionen.

Diese Mischung aus Jura-, Soziologie- und Psychologie-Crashkurs ist der Kern jenes berühmt-berüchtigten Gespräches, das jede schwarze Familie in den USA mit ihren Kindern führen muss, um die Gefahr durch die Polizei und die daraus abgeleitete Überlebensstrategie in die Köpfe der Kinder einzutrichtern. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2019 hat ergeben, dass tödliche Polizeigewalt in den USA so verbreitet ist, dass sie zu den Haupttodesursachen für junge schwarze Männer zählt. Das Aufklärungsgespräch, das die Eltern in diesem Zuge mit ihren Kindern führen, nennt sich schlicht „The Talk“.

Man merkt jeder einzelnen Person in dem oben genannten Video an, dass es um alles geht. Dass dies keine theoretische Einlassung ist, wie die Ermahnung, sich die Zähne zu putzen, weil sonst „Karius“ und „Baktus“ die Mundhöhle besiedeln werden. Die Einhaltung dieser Regeln markiert für schwarze Menschen in den USA die Grenze zwischen Leben und Tod.

Auch - und insbesondere - für Kinder.

Rassismus und Polizeigewalt erklären: Nicht erst seit dem Mord an George Floyd eine Herausforderung in USA

Als ein schwarzer Vater in einer Ratgebersendung desöffentlich-rechtlichen Rundfunks „npr“ anruft, um Tipps zu erhalten, wie er diesen „Talk“ mit seinen Kindern am besten vorbereitet, nimmt die Radiomoderatorin dies zum Anlass, um im Stadtzentrum von Chicago schwarze und weiße Eltern nach ihrer Herangehensweise zu befragen. Man erfährt, dass ausnahmslos jedes schwarze Elternteil mit seinen Kindern darüber redet, wie es sich bei einer Polizeikontrolle zu verhalten hat. Mehrere Eltern weisen darauf hin, dass sie Söhne groß ziehen und dass diese besonders gefährdet seien. Eine Mutter erklärt ihrem Sohn: „Egal wie schnell Du läufst, die Pistolenkugel eines Polizisten wird Dich immer einholen.“

Als die Radiomoderatorin dieselbe Frage weißen Eltern stellt, ist die Antwort eine andere: Kein einziges weißes Elternteil hat jemals mit seinen Kindern über das Verhalten bei Polizeikontrollen gesprochen. Es kann sich auch niemand erinnern, dass ihre Eltern mit ihnen darüber geredet hätten. Was niemand sagt, aber jeder denkt: Weiße Eltern brauchen dieses Gespräch nicht zu führen. Weil es unnötig ist. Weil weiße Kinder üblicherweise nicht von Polizisten erschossen werden.

Wie man mit Kindern in den USA über Rassismus und Polizeigewalt spricht

Die Sorge schwarzer Eltern ist hingegen so groß, dass mittlerweile landesweit tausende Workshops zum „Talk“ stattfinden, wo Eltern und Kinder lernen, wie man das Risiko minimiert, dass eine Verkehrskontrolle eskaliert. In einem dieser Workshops muss allerdings selbst ein schwarzer Polizeibeamter eingestehen, dass er jedes Mal verängstigt ist, wenn er von einem weißen Polizisten angehalten wird. Ein Vater berichtet davon, wie er beim Anblick seines 15-jährigen Sohnes an eine bedrohte Tierart denken muss, der Sohn hat Angst, dass er das 18. Lebensjahr nicht erreicht.

Die Gefahr durch Polizeibeamte ist derart eklatant und schwerwiegend, dass Amnesty International seit vielen Jahren Schwerpunktberichte über die Polizeigewalt in den USA veröffentlicht.

Auch in Schulklassen mit mehrheitlich schwarzen Schülern wird der „Talk“ mittlerweile gelehrt. Kinder malen dort mit Filzstiften „Please don’t shoot!!!“ auf ihre Arbeitsblätter und lernen, welche Rechte sie haben und wie sie bei einer Interaktion mit der Polizei lebend davonkommen.

Schwarze Eltern sprechen mit ihren Kindern jeden Tag über Polizeigewalt in USA

In einem Feature der „New York Times“ erklären schwarze Amerikaner*innen, wie machtlos sie sich fühlen, wenn sie ihren Kindern gegenüber eingestehen müssen, dass sie sie nicht vor der Polizei beschützen können. Sie erinnern sich an ihre eigenen Erfahrungen, wie sie im tiefsten Winter aus dem Auto gezerrt wurden und sich in den Schnee legen mussten. Welche Todesängste sie jedes Mal ausgestanden haben. Am Ende erzählt ein Vater mit Tränen in den Augen, wie sehr er sich sein Kind gewünscht hat, wie stolz er auf seinen Sohn ist und wie innig er ihn liebt.

Der Beitrag der „New York Times“ ist fünf Jahre alt. In der Zwischenzeit wurden Millionen weitere US-Amerikaner*innen von der Polizei drangsaliert, Tausende verletzt, Hunderte getötet.

Einer von ihnen: George Floyd.

Die kaltblütige Tötung eines schwarzen Mannes, der mit Handschellen gefesselt auf der Straße lag und auf dessen Körper drei (!) Polizisten knieten, einer von ihnen mit seinem gesamten Körpergewicht auf dem Hals des Verdächtigen, hat den „Talk“ als das offenbart was er schon immer war: keine Garantie, kein Schutz, höchstens Minimierung von Risiko und Personenschaden.

Polizeigewalt und Rassismus: Alltag in den USA

Als George Floyd am 25. Mai 2020 seine Einkäufe erledigt, fällt einem Verkäufer auf, dass der 20$-Schein, mit dem Floyd bezahlt, eine Fälschung ist. Wie in solchen Fällen üblich, ruft der Verkäufer die Polizei, die wenige Minuten später vorfährt und Floyd festnimmt. Im Zuge der Festnahme stolpert Floyd mehrfach, liegt auf dem Boden und steht wieder auf. Die Situation eskaliert, es gibt ein Handgemenge, weitere Polizisten werden herbeigerufen. Plötzlich liegt Floyd wieder auf dem Boden, dieses Mal liegt er ausgestreckt auf dem Asphalt. Der Polizist Derek Michael Chauvin sitzt auf seiner Schulter. Sein Knie drückt Floyd langsam die Luft ab.

Immer mehr Menschen versammeln sich nun an der Stelle, wo George Floyd von den Polizisten festgehalten wird. Floyd bekommt zusehends weniger Luft. Er ruft „I can’t breathe!“. Die Leute, die zwischenzeitlich ihre Handys gezückt haben und Aufnahmen von der Situation anfertigen, machen die Polizisten darauf aufmerksam, dass Floyd erstickt, dass er besinnungslos wird, dass er stirbt. Unbeeindruckt drückt Chauvin weiter sein Knie in Floyds Hals, bis plötzlich Rettungskräfte auftauchen, Floyd auf eine Pritsche hieven und davonfahren.

Im Krankenhaus können die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen.

Mord an George Floyd - Rassismus und Polizeigewalt in USA im Fokus

Im Nachgang werden alle Polizisten behaupten, Floyd habe sich seiner Verhaftung widersetzt. Mit diesem Argument werden sie ihre Gewaltanwendung und die Brutalität der Verhaftung erklären. Videoaufnahmen beweisen allerdings, dass nichts von alledem stimmt.

Im Nachgang wird die Dienststelle eine nüchterne Mitteilung veröffentlichen und einen gewöhnlichen Einsatz vermelden, ohne auch nur mit einem Wort das Fehlverhalten der Polizeibeamten zu erwähnen.

Im Nachgang wird sich die Frage stellen, wie ein Polizist wie Derek Michael Chauvin, gegen den bereits 18 Mal (!) wegen polizeilichen Fehlverhaltens ermittelt wurde, weiter im Polizeidienst verbleiben konnte.

Der Mord an George Floyd in den USA - Wut und Trauer über Polizeigewalt

George Floyd wurde auf offener Straße, in aller Öffentlichkeit, mitten am helllichten Tag, vor den Augen aller und bei laufender Kamera getötet. Der Polizist, der ihn getötet hat, dachte, dass er mit seiner Tat davonkommen würde, weil er bisher immer mit allem davongekommen ist. Weil er weiß ist und Floyd schwarz.

Dass er mittlerweile immerhin wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist, ist ausschließlich den umstehenden Passanten zu verdanken, die diesen erneuten Akt der Unmenschlichkeit nicht hinnehmen wollten, die ein Beweisvideo aufgenommen und anschließend veröffentlicht haben.

Die Menschen, insbesondere die Schwarzen, fragen sich, was noch alles passieren muss, bis die rasende Ungerechtigkeit und die Ungleichheit in diesem Land endlich überwunden sein werden. Wie oft sollen sie am Grab ihrer Angehörigen stehen? Wie sollen Eltern die Vorgänge in diesem Land ihren Kindern erklären? Wie oft sollen sie noch diesen gottverdammten „Talk“ mit ihnen führen?

Aufstände gegen rassistische Polizeigewalt nach dem Mord an George Floyd in USA

Die Nachricht vom Tod George Floyds und das Video, das die Umstände seines Todes zeigt, haben die schlimmsten Unruhen entfacht, die die USA in neuerer Zeit erlebt haben. Die Menschen sind außer sich, sie sind entfesselt und wollen sich nicht weiter mit fadenscheinigen Ausreden, zurechtgelogenen Tatumständen und politischen Beruhigungspillen vertrösten lassen.

Der Tod von George Floyd hat deutlich gemacht, was schon immer alle wussten, sich aber kaum jemand eingestehen wollte. Es gibt keine Sicherheit für schwarze Menschen in den USA.

Die gab es nie. Zumindest bis jetzt.

Zur Person: Stephan Anpalagan ist Journalist und Musiker. Als Journalist schreibt er über Innenpolitik und Gesellschaft mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismus. Er ist zudem Geschäftsführer der gemeinnützigen Unternehmensberatung „Demokratie in Arbeit“.


Lesen Sie hier über einen weiteren Fall: Im Februar wurde der unbewaffnete Jogger Ahmaud Arbery im US-Bundesstaat Georgia ermordet. Nun erfolgte eine dritte Festnahme. Während der Aufstände nach dem Mord an Arbery und George Floyd wird auch ein ganz anderer Fall diskutiert: Der rassistische Polizeiruf einer Frau in New York sorgt für Wut und Empörung

Es war wohl nicht das erste Mal, dass der Polizist Derek Chauvin im Dienst gewalttätig wurde. Was über den Mann bekannt ist, der George Floyd tötete.

Der Tod des schwarzen Jugendlichen Adama Traoré sorgt in Frankreichs Hauptstadt Paris schon seit 2016 für Proteste – auch jetzt wieder. Es gibt bei Adama Traoré erstaunliche Parallelen zum Fall George Floyd*.

Bei Protesten gegen Polizeigewalt in den USA wird ein junger Schwarzer in der texanischen Stadt Austin von der Polizei schwer verletzt. Auch Helfer werden beschossen.

Im Zuge der Aufruhe nach George Floyds Tod ist es auch nicht verwunderlich, dass deutsche Talkshows Kritik ernten, wenn sie zunächst ausschließlich weiße Gäste zum Thema Rassismus einladen

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Rubriklistenbild: © picture alliance/Martha Asencio-Rhine/Tampa Bay Times/AP/dpa

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