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Streit über Rassismus an Schule in Offenbach: Schülerin will „N-Wort“ nicht vorlesen

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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Streit im Klassenzimmer.
Debatte im Klassenzimmer: In einer Schule in Offenbach entfacht ein Streit über Rassismus. (Symbolfoto) © Thomas Trutschel/Imago Images

Muss eine Schülerin das „N-Wort“ laut vorlesen oder nicht? An dieser Frage entfacht sich an einer Schule in Offenbach ein Streit über Rassismus.

Offenbach – „Ich habe einen Traum“, sagte Martin Luther King und träumte 1963 beim Marsch auf Washington von einer gerechten Gesellschaft, in der befreite Schwarze Menschen mitentscheiden. Noch heute wird seine Rede im Schulunterricht gelehrt. Im Original fällt darin zehnmal das englische Wort N***o, damals noch gängige Beschreibung, in deutschen Texten oft mit der diskriminierenden Bezeichnung N***r übersetzt. Das missfiel einer Schülerin, und es entbrannte eine Diskussion, ein Streit in mehreren Eskalationsstufen. Er mündete ungelöst in einen Skandal für eine preisgekrönte Schule, die den Titel „Ohne Rassismus – Schule mit Courage“ trägt. „Die Fronten verhärtet“ titelt das Lokalressort dieser Zeitung. Wie konnte es so weit kommen? Der Versuch einer Klärung.

Was bekannt ist: Sowohl Schülerin und Lehrerin dieser Geschichte haben eine Migrationsgeschichte, keine von ihnen ist Schwarz. Die Lehrerin kann die Reaktion der Schülerin im Unterricht nicht nachvollziehen, da es sich um einen historischen Text handelt. King selbst habe das Wort verwendet. Die Schülerin empfindet es als Schikane, als ein anderer Mitschüler weiterlesen sollte.

Rassismus-Streit an Schule in Offenbach: „N-Wort“ bei Rede von Martin Luther King

Später wird es über diesen Moment unterschiedliche Aussagen geben. Die eine, dass in der Klasse gelacht worden sei und es ein Snapchat-Video gegeben haben soll. Die andere, dass der Unterricht ohne Zwischenfälle weitergegangen sei. Der Schulleiter wird später einräumen, dass sich die Schülerin in diesem Moment womöglich unverstanden und allein gefühlt habe. Aber man sich einig darüber sei, dass das N-Wort ist historischen Kontext gelesen werden könne.

Wer hat recht? Wie steht es im Diskurs um übersetzte Originaltexte wie diesen und den Umgang damit? Darüber, dass das N-Wort bei manchen etwas auslöst und bei anderen nichts? Wer bestimmt, ob es im Deutschen als harmloses oder gewaltvolles Relikt zu bewerten ist? Genau hier liegt der Ursprung des Konflikts.

Streit um „N-Wort“-Gebrauch an Schule in Offenbach: Viele offene Fragen

Diesen zu erkennen, bedarf neben Wissen darüber auch Empathie dafür, dass es sich um mehr als nur ein Wort handelt. Sondern um eine Mikroaggression – einem von vielen, kleinen Mückenstichen, die sich in einem von Rassismus betroffenen Menschen ansammeln, wie der Sozialpsychologe Chester Pierce 1970 verbal und nonverbal abwertende Erfahrungen erklärte. Bereits 2009 beschrieb die Psychologin Grada Kilomba in ihrem Essay „Das N-Wort“ ein damit verbundenes Trauma und die Folgen einer immer wiederkehrende Konfrontation auf Schwarze Menschen. Erforscht wurde, wie das Wort und seine Geschichte in den USA, in Deutschland und andernorts wie ein Prisma eine vierhundert Jahre alte Geschichte der Erniedrigung, des Mords und der Rechtlosigkeit spiegelt.

Die Tabuisierung mit der Umschreibung „N-Word“, sollte schon vor Jahrzehnten das Ende dieses Kapitels in den USA signalisieren. In der amerikanischen Geschichte gibt es gleich zwei Versionen des Wortes, eine mit fünf und eine mit sechs Buchstaben. Die Erstere, von Martin Luther King genutzte Version, wurde mit dem Erstarken der Bürgerrechtsbewegung Ende der 60er Jahre durch „Black“ abgelöst. Die Version mit sechs Buchstaben galt hingegen schon immer als rassistische Beleidigung und ist heute nur noch im Rap der Schwarzen Szene zu finden, weil er durch sie in den 80er Jahren vereinnahmt und umgewidmet wurde.

Streit über Rassismus in Offenbach: Schülerin will „N-Wort“ nicht vorlesen

Auch im Deutschen müsste das N-Wort auf diese Weise entschlüsselt werden, weil es eine eigene Geschichte und eigene daran gekoppelte Zuschreibungen aufzeigt: Stereotype von Dummheit, Infantilität oder Triebhaftigkeit. Es heißt, dass Sprache unsere Wahrnehmung und unser Denken formt. Und als solches Werkzeug wurde sie auch genutzt, um die Gewalt an Schwarzen Menschen zu Zeiten des Imperialismus und Kolonialismus zu legitimieren.

Dieser Hintergrund lässt die Verweigerung der Schülerin in einem anderen Licht stehen und erklärt, warum es beim Übersetzen von Literatur immer auch darum geht, den Kontext zu klären, aus dem heraus und hinein übersetzt wird. Zur Diskussion steht deshalb mitunter, welche Worte beim Übertragen am ehesten dem Original entsprechen und was diese mit jenen machen, die sie hören.

Offenbach: Schülerinnen werfen Lehrkraft Rassismus vor

Darüber in kein echtes Gespräch gekommen zu sein, erklärt zumindest das Folgehandeln der Schülerin und ihrer Schwarzen Freundin aus der Nebenklasse nach der besagten Unterrichtsstunde. Sie taten sich zusammen und hielten an ihrem Standpunkt eines Unrechts fest. Nämlich dass das Wort im Deutschen rassistisch sei – egal in welchem Kontext es gesagt werde. Es ist der Grund, warum sie im Verlauf des Konflikts von weiteren Akteur:innen wie der Stadtverordneten Hibba Kauser, dem Kinder- und Jugendparlament und dem Stadt-Schüler:innenrat unterstützt werden. Es erklärt, warum auch Kauser in Gesprächen mit der Schule die Argumentation zur Verwendung des deutschen N-Wortes nicht nachvollziehen kann. Und warum sie später den Versuch, eine Rassismuskritik ins Gespräch mitbringen zu wollen, für gescheitert erklärt.

Den Weg in die mediale Öffentlichkeit erklärt sie als äußersten Versuch, um Verständnis für die Schülerinnen zu erfahren. Was für die Schule wie ein weiterer Angriff wirkt. Sie sieht sich durch die anfängliche Berichterstattung missverstanden. Im Brief über die Versetzung der Schülerin in die Parallelklasse kurz vor der Prüfungsphase erklärt man, dass diese durch ihr Folgeverhalten nicht gezeigt habe, sich an allgemeine Regeln halten zu können, was den Schulbetrieb störe. Die Entscheidung sei keine Strafe, sondern eine pädagogische Maßnahme, um ihr eine Perspektive in der verbleibenden Schulzeit zu bieten. Doch ist das die Lösung?

RASSISMUSVORWURF: WAS IST PASSIERT?

Anfang Februar soll die Schülerin Gaby O. im Ethikunterricht an der Theodor-Heuss-Schule in Offenbach am Main die deutsche Übersetzung der Rede „I Have a Dream“ von Martin Luther King vorlesen. Die 17-Jährige weigert sich, das darin vorkommende Wort N***r vorzulesen, das sie für rassistisch erklärt. Stattdessen möchte sie N-Wort sagen.

Die Lehrerin verweist auf den historischen Kontext der Rede und bittet sie, es auszusprechen. Nachdem die Schülerin sich erneut weigert, wird ein anderer Schüler gebeten, den Text vorzulesen. Im Anschluss an die Stunde sucht die Schülerin das Gespräch mit ihrer Klassenlehrerin, von der sie sich ebenfalls nicht verstanden fühlt. Es folgen weitere Gespräche bei ihr vertrauten Lehrkräften, die sie gemeinsam mit ihrer Freundin Hikmatou A. führt. Es kommt zu einem Streit, in dem keine Einigung erzielt wird.
Die Schülerinnen fordern eine Entschuldigung und Reflexion über das deutsche N-Wort und dessen internalisierten Rassismus, während die Schule am historischen Kontext der Rede und seiner Legitimation festhält.

Ein weiterer Eskalationspunkt wird erreicht, als die Freundin der betroffenen Schülerin Gesprächsschnipsel einer Diskussion mit der Ethiklehrerin online auf der Plattform Instagram hochlädt. Dafür erhält sie eine Abmahnung. Gaby O. wird Mitte März im Rahmen einer Klassenkonferenz in eine Parallelklasse versetzt, um den Klassenfrieden zu wahren. Zudem sei das Vertrauensverhältnis zu den Lehrkräften durch ihr Folgeverhalten beschädigt, heißt es von Schulseite.

Die Offenbacher SPD-Stadtverordnete Hibba Kauser ist bei dieser Konferenz ebenfalls anwesend.

Streit über Rassismus an Schule in Offenbach: „Alle hassen mich“

Von Schulseite möchte am liebsten niemand mehr über den Vorfall und seine Folgen reden – zumindest nicht mit der Presse. Das lässt Raum für Spekulationen. Auch über den Inhalt eines in der Klasse ausgehändigten Formulars, in dem Schüler:innen wohl ihre Wahrnehmungen des Streits formulieren und den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen bestätigen sollten.

„Alle hassen mich“, sagt Gaby O. jetzt, während sich viele Lehrkräfte „an den Pranger“ gestellt fühlen. So sehr, dass selbst die Pressestelle des Kultusministeriums sich in Erwartung dieses Textes meldete, da die Schule eine unsachgemäße Berichterstattung fürchtet. Der Streit hat sich auch ins Netz auf die Instagram-Seite der Stadtverordneten Kauser verlagert, wo weitere Akteur:innen, Teile des Kollegiums und Eltern unter Schlagworten wie Instrumentalisierung, Hetzjagd, Rassismus-Karte, Cancel Culture diskutieren.

Ein offener Brief des Lehrerkollegiums ging an die Presse. Darin steht, wie verletzt und enttäuscht sie seien, keine Rassist:innen, sondern verantwortungsbewusste Lehrkräfte in einer interkulturellen Schule, die sich seit vielen Jahrzehnten für Integration und Antirassismus einsetze.

Rassismus-Streit in Offenbach: Sowohl die Schülerin als auch die Schule fühlen sich an den Pranger gestellt

Der Kontext verschwimmt hier, und neue Fragen tauchen auf: Wer hat eine ganze Schule für rassistisch erklärt? Ging es in der Sache nicht um den Umgang mit einem diskriminierenden Begriff im deutschen Sprachgebrauch? Der eigentliche Grund für den Eklat scheint ins Abseits gedrängt, weil alle Seiten verletzt sind. Nicht unüblich bei Themen, die von Rassismus handeln, der eben auch alle betrifft. Zur Schlichtung hat sich inzwischen die Bildungsstätte Anne Frank eingeschaltet, weil sie Fälle wie diesen begleitet.

Aber wie weiter mit dem gesellschaftlichen Diskurs? Für diesen braucht es etwas Distanz und den Willen, darüber zu sprechen, wie ein rassistisches Wort, das in seinem früheren Kontext neutral gebraucht wurde, in ein neutrales Wort von heute zu übersetzen wäre. Oder wie es sich verhält, wenn ein Text von einer Schwarzen Person geschrieben wurde, die dieses Wort ausdrücklich dafür benutzte, das rassistische Trauma zu verhandeln. Und damit die Frage, ob das in Martin Luther Kings Rede der Fall ist. Was sagen Menschen mit Expertise dazu?

Wenn das N-Wort früher als normal galt, wäre es im heutigen Kontext mit Schwarz zu übersetzen, erklärt es beispielsweise die Literaturwissenschaftlerin Elisa Diallo. Und dass es sich anders verhält, wenn es eine bewusste Setzung des Autors ist, die Übersetzerin Mirjam Nuenning. Sie und andere betonen, dass beim sprachlichen Übertragen vieles möglich ist.

„N-Wort“-Streit in Offenbach: Wie sollten Schulen mit rassistischen Begriffen umgehen?

Mit historischen Texten, englischen Begriffen und verschiedenen Versionen zu arbeiten, problematische Begriffe kursiv zu setzen, ungefähre deutsche Übersetzungen zu erwähnen oder kenntlich zu machen, dass es im Deutschen keine geeigneten Begrifflichkeiten gibt – all dies sind Möglichkeiten, auch mit historischen Texten verantwortungsbewusst umzugehen. Und zwar mit dem Ziel, inklusiv und zugänglich für alle zu sein.

Es könnten Überlegungen für einen zeitgemäßen Lehrplan sein mit dem Ziel, Räume für Aushandlungen, gemeinsames Lernen und Verlernen zu schaffen. Eine rassismuskritische Lehre würde bedeuten, gängige, insbesondere ältere Materialien kritisch zu betrachten. Was ist noch zeitgemäß, gehört angepasst, neu oder anders besprochen? All das könnten sich insbesondere Schulen, die den Titel „Ohne Rassismus“ tragen, auf die Fahne schreiben.

Auch um besser auf Auseinandersetzungen vorbereitet zu sein, die zu Diskussionen wie der in Offenbach führen können. Die Meinungen über Erinnerungsarbeit sind pluraler geworden. Seit Jahren gibt es regelmäßig Elternberichte – ganze Bücher wurden darüber verfasst –, die Kritik an Schultexten mit dem N-Wort und anderen diskriminierenden Bezeichnungen üben. Dass sich die Offenbacher Schülerinnen dagegen gewehrt haben, kann deshalb auch als selbstbestärkender Akt bewertet werden.

Debatte über Rassismus an Schule in Offenbach: Schülerin will „N-Wort“ nicht vorlesen

In dieser Auseinandersetzung spiegelt sich auch ein Thema der jüngeren Generationen, die sich gegenseitig in sozialen Netzwerken weiterbilden, die ein mehrdimensionales Wissen in ihrem Miteinander aufbauen und erfahren, was es bedeutet, unterschiedliche Erfahrungen zu machen. Deshalb fühlt sich die gesellschaftlich als weiß und migrantisiert gelesene Schülerin mit ihrer Schwarzen, rassifizierten Freundin verbunden und widersetzt sich der ebenfalls migrantisierten Lehrkraft einer älteren Generation, die glaubt, aufgeklärt und sensibel zu sein.

Denn trotz ihrer Sensibilität fehle ihr ein bestimmtes Verständnis für Antischwarzen Rassismus, so die Kritik der Schülerin, die den Wortgebrauch im Unterricht auf ihr Wohlbefinden übertragen hatte. In der Folge erst beging ihre Freundin einen Rechtsbruch, als sie Schnipsel des emotionalen Streitgesprächs auf Instagram hochlud – weil ihr das als letztes Mittel erschien.

Inmitten dieser komplexen Debatte bleibt zuletzt aber noch zu fragen, was passiert wäre, hätte man der Schülerin im Ethikunterricht, aller historischen Argumentation zum Trotz, ihre Haltung erlaubt? Und niemand hätte weiterlesen müssen? Wenn stattdessen ihr Widerstand Anlass gewesen wäre, über Deutungsmacht und Auslegungsfragen zu diskutieren? Oder darüber, dass in unserer Migrationsgesellschaft eine internationale Biografie zu haben, eben nicht bedeutet, in allen Punkten rassismuskritisch zu sein. Vielleicht wäre es dann nicht zur Eskalation gekommen. Wer weiß? Vielleicht klappt es nächstes Mal. (Hadija Haruna-Oelker)

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