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Auch Kanada hat ein Problem mit Rassismus: Justin Trudeau ist gefordert

  • vonGerd Braune
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Kanada sieht sich gerne als den zivilisierteren Nachbarn der USA. Jetzt aber kommt zutage: Auch Kanada hat ein systemisches Problem mit Rassismus und Gewalt in der Polizei.

  • In Kanada kommt es zu Demonstrationen gegen Rassismus
  • Premier Justin  Trudeau spricht von Rassismus im eigenen Land
  • Es trifft besonders auch indigene Völker in Kanada

Kanada - „Das Töten unserer Leute durch diejenigen, die die Pflicht haben zu schützen und zu dienen, muss enden“, sagt der Nationale Häuptling, National Chief Perry Bellegarde, Vorsitzender des Verbandes der First Nations, der Indigenen Kanadas. Landesweit wird gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze, First Nations, Inuit und Métis demonstriert. Polizeibudgets sollen so umgeschichtet werden, dass mehr Sozialarbeit möglich wird.

Nach dem Tod von George Floyd: Auch in Kanada kommt es zu Demonstrationen

Auslöser der Demonstrationen war zunächst auch in Kanada der Tod des US-Amerikaners George Floyd in Minneapolis. Inzwischen wendet sich der Fokus aber nach innen: In der ersten Juniwoche war in Edmunston in der Atlantikprovinz New Brunswick die aus der Tla-o-qui-aht First Nation an der Westküste stammende 26-jährige Chantel Moore von einem Polizisten tödlich verletzt worden. Die Polizei war für einen sogenannten Wellness-Check gerufen worden – ein Polizeieinsatz, wenn sich eine Person in offensichtlichem emotionalen und mentalen Stress befindet und sich unberechenbar zu verhalten scheint. Warum dieser Einsatz tödlich endete, wird untersucht.

Am Freitag vergangener Woche wurde der 48-jährige Rodney Levi von der Metepenagiag Mi’kmaq First Nation bei Miramichi, ebenfalls in New Brunswick, getötet. Zunächst hatte die Polizei einen Elektroschocker gegen Levi eingesetzt, dann schoss sie. Nach Berichten aus Miramichi war es bei einem Barbecue einer Kirchengemeinde zu einem Konflikt gekommen und die Polizei sei gebeten worden, den Mann „friedlich“ zu entfernen, berichtete Mi’kmaq-Chief Bill Ward.

Justin Trudeau spricht von „systemischen Rassismus“

Etwa zeitgleich tauchten Videos auf, die eine mit exzessiver Gewalt durchgesetzte Festnahme von Chipewa-Häuptling Allan Adam in Fort McMurray in Alberta und ein schockierendes Verhalten der Polizei in Cape Dorset in Nunavut zeigten: Ein Polizeiauto näherte sich einem offenbar stark angetrunkenen Angehörigen der Inuit; noch im Fahren wurde die Tür des Autos geöffnet und der Mann davon getroffen und umgeworfen. Er habe mit Abscheu diese Taten zur Kenntnis genommen, sagt der für Sozialleistungen für indigene Völker zuständige Minister Marc Miller. Eine Autotür „ist keine angemessene Polizeitaktik“.

Es sei ein „beschämend entmenschlichender und gewaltsamer Akt“. Auch Premierminister Justin Trudeau wurde deutlich: „Wir haben weiterhin systemischen Rassismus in diesem Land, systemische Diskriminierung.“ Indigene Kanadier wie auch solche anderer ethnischer Zugehörigkeiten seien in Gefahr. „Wir müssen das ändern.“

Chefin der Bundespolizei in Kanada in der Kritik

Dass sich die Chefin der Bundespolizei Royal Canadian Mounted Police (RCMP), Brenda Lucki, zunächst nicht dazu hatte durchringen können, von systemischem Rassismus in ihrer Behörde zu sprechen, brachte ihr Kritik und Rücktrittsforderungen ein. Sie hatte in einem Interview mit dem kanadischen Rundfunk CBC gesagt, sie habe Schwierigkeiten zu definieren, was „systemischer Rassismus“ sei.

Ende vergangener Woche räumte sie ein, dass dies ein Fehler gewesen sei. „Ich weiß, dass systemischer Rassismus Teil jeder Institution ist, einschließlich der RCMP. In unserer Geschichte und heute haben wir indigene Menschen nicht immer fair behandelt.“ Als oberste Polizistin des Landes sei es ihre Aufgabe sicherzustellen, dass die Polizei „frei von Rassismus, Diskriminierung und Vorurteil“ agiere.

Nach Angaben der Tageszeitung „Globe and Mail“ wurden seit April in Kanada bei Polizeieinsätzen insgesamt sechs Indigene getötet. National Chief Perry Bellegarde konstatierte: „Lasst uns eingestehen: Kanada hat ein Rassismus-Problem.“ Die fruchtlose Debatte, ob systemischer Rassismus in Kanada existiere, könne man sich sparen. Es sei Tatsache, dass die indianischen Völker Rassismus ausgesetzt seien. „Jedem sollte jetzt klar sein, dass Kanadas Widerwillen, systemischen Rassismus anzugehen, Menschen tötet.“

Kanada: Justin Trudeau und sein Team haben eine nicht vollendete Aufgabe

Bellegarde anerkannte Trudeaus Bemühungen, den Weg der Versöhnung und der Verbesserung der Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung Kanadas zu gehen. Die Regierung sei aber sehr schweigsam, wenn es um den Rassismus in Justiz und Strafvollzug gehe. Das sei für Trudeau und sein Team eine noch nicht vollendete Arbeit.

Gerd Braune

Der Footballspieler Colin Kaepernick begründete eine Geste gegen Rassismus, die in den USA lange höchst umstritten war. Zuletzt knickte aber sogar US-Präsident Donald Trump ein.

Rubriklistenbild: © REUTERS

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