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Rassismus in den Niederlanden:„Wir müssen zweimal so hart arbeiten“

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Wandmalerei einer Organisation für Suriname-Niederländerinnen und -Niederländer. Sarah Tekath
Wandmalerei einer Organisation für Suriname-Niederländerinnen und -Niederländer. Sarah Tekath © Sarah Tekath

UN-Tag gegen Rassismus: In den Niederlanden erleben Menschen aus Suriname, einer Kolonie in Südamerika, bis heute Diskriminierung

Von Sarah Tekath

Eine Gruppe von sechs Männern schleppt sich voran. Die Rücken sind gebeugt, die Füße schwer. An den Handgelenken und Hälsen sind sie mit schweren Ketten aneinandergefesselt. Diese Bronzefiguren im Amsterdamer Oosterpark sind Teil des nationalen Sklaverei-Monuments. Aber sie sind nicht allein. Auf der linken Seite der Skulptur steht übergroß die Figur einer Frau. Sie hat die Arme in die Luft gerissen, den Rücken durchgedrückt. Sie trägt keine Ketten mehr, denn sie ist endlich frei.

An diesem Platz wird jährlich am 1. Juli, dem Tag der offiziellen Beendigung der Sklaverei im Jahr 1863, das Fest „Keti Koti“ gefeiert. „Keti Koti“ ist Sranantongo, eine der Kreolsprachen in Suriname, und bedeutet zerbrochene Kette. Denn die Geschichte der Niederlande ist untrennbar mit Suriname und dem Sklav:innenhandel verbunden. Auch wenn darüber bis heute immer noch ungern gesprochen wird.

Nach Surinames Unabhängigkeit 1975 wanderten im selben Jahr 40 000 Menschen in die Niederlande aus. Das waren nach Angaben der Weltbank damals knapp elf Prozent der Gesamtbevölkerung. Viele von ihnen hatten bereits einen niederländischen Pass, da die heutige Republik Suriname offiziell Teil der Niederlande war. Nach Zahlen des niederländischen Amtes für Statistik sind 2022 knapp 360 000 Surinamer:innen dauerhaft im Land ansässig.

Das Sklaverei-Monument im Amsterdamer Oosterpark. Sarah Tekath
Das Sklaverei-Monument im Amsterdamer Oosterpark. Sarah Tekath ©  Sarah Tekath

Interessant ist, dass hierbei auch Menschen der zweiten Generation erfasst sind, also diejenigen, die in den Niederlanden geboren sind. Dabei handelt es sich um rund 183 500 Personen. Das sei typisch niederländisch, sagt Sarita Bajnath, deren Eltern und Geschwister in Suriname zur Welt kamen. Sie selbst ist gebürtige Niederländerin. Oft werde vom Staat – und auch von der Gesellschaft – auf die zweite oder dritte Generation geschaut, wenn die Personen nicht weiß und europäisch genug aussähen. „Ich frage mich, ab wann ist man niederländisch?“

Bajnath hat ihr ganzes Leben lang mitbekommen, dass derartige Unterschiede gemacht werden: „Meine Eltern hatten eine Firma und haben zu offiziellen Geschäftsterminen immer einen Weißen Geschäftspartner mitgenommen, um ernstgenommen zu werden.“ Auch sie selbst habe erlebt, dass sie sich wegen ihres Aussehens doppelt beweisen musste. Zum Beispiel, wenn es um so etwas Simples ging wie an einem Türsteher vorbeizukommen. „Ich musste zeigen, dass ich vertrauenswürdig bin. Das habe ich geschafft, indem ich Witze gemacht habe. Aber das hat mich viel Energie gekostet.“

Der Tag

Die „Wochen gegen Rassismus“ sind eine bundesweite Aktion für Solidarität mit den Gegnerinnen und Gegnern sowie den Opfern von Fremdenfeindlichkeit und Hass. Sie finden jährlich rund um den 21. März, dem „Internationalen Tag gegen Rassismus“, statt. Dieser wurde 1966 von den Vereinten Nationen ausgerufen; Anlass war der sechste Jahrestag des Massakers von Sharpeville durch Einheiten der South African Police in Sharpeville in Südafrika, damals Apartheidsstaat Südafrikanische Union, am 21. März 1960. Seit 1995 ist der 21. März als „Tag der Menschenrechte“ auch in Südafrika ein nationaler Gedenktag.

Weitere Informationen im Netz unter www.stiftung-gegen-rassismus.de
Die FR begleitet die Aktion mit Berichten, Analysen und Hintergründen zum Thema.

Dies wiederholt sich später in ihrem Medizinstudium. „Die Menschen sind davon ausgegangen, dass ich die Praktikantin bin, nicht die angehende Ärztin. Ich musste erst beweisen, dass ich mehr kann als die allgemeinen niedrigen Erwartungen.“ Das fange schon im Schulsystem an, erklärt sie. In der Berufsberatung und der Ausbildung erhielten People of Color häufig weniger ambitionierte Vorschläge und Empfehlungen als Weiße Kinder. Dies zeige sich später in der Arbeitswelt.

Untersuchungen belegen, dass junge Arbeitnehmer:innen mit Migrationshintergrund in den Niederlanden bei der Vergabe von Praktika diskriminiert werden, was sie bei der anschließenden Jobsuche benachteiligt. So brauchen Absolvent:innen von beruflichen Vollzeitschulen durchschnittlich ein Jahr, um eine Stelle zu finden. Bei Absolvent:innen mit Migrationshintergrund sind es drei Jahre – bei marokkanischem sogar bis zu zehn Jahre.

Coach Sarita Bajnath hat selbst Diskriminierung erlebt. zoe papaikonomou
Coach Sarita Bajnath hat selbst Diskriminierung erlebt. zoe papaikonomou © Zoe Papaikonomou

Dieses Sich-beweisen-müssen spiegelt auch die Analyse „Wir müssen zweimal so hart arbeiten“ vom „Surinaams Inspraak Orgaan“ und „New Urban Collective“ wider. Das Amsterdamer Netzwerk für Schwarze und PoC-Studierende und junge Berufstätige beleuchtet, wie sogenannte Suriname-Niederländer:innen Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt sind. Demnach gaben mehr als 70 Prozent der 398 Befragten an, in den vergangenen zwei Jahren bei der Arbeit Diskriminierung und Rassismus erlebt zu haben. 38 Prozent erklärten aber auch, dass diese Erfahrungen sie extra motivieren würden, härter zu arbeiten und sich selbst zu beweisen.

Sarita Bajnath ist übrigens keine Ärztin geworden, sondern arbeitet mittlerweile als Diversity und Inclusion Coach. Sie gibt Workshops, in denen Teilnehmende sich ihrer Privilegien, ihrer unbewussten Vorurteile und rassistischer Strukturen bewusst werden sollen. Sie erklärt: „Nur so kann es gelingen, aus der eigenen Blase auszubrechen und zu erkennen, durch welche Linse wir die Welt sehen. Das kann schmerzhaft sein. Aber es sind gerade diese Momente, in denen wir alle am meisten lernen.“

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