Demonstration "Black Lives Matter" - Berlin
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Die weltweiten Black-Lives-Matter-Proteste führen zur erstaunten Frage: „Gibt es in Deutschland Rassismus?“

Rassismus

Frage nach Rassismus in Deutschland empört: Wie ein „Schlag ins Gesicht“

Rassismus: Warum fällt es vielen in Deutschland noch immer so schwer, die Lebenswirklichkeit eines Teils der Gesellschaft anzuerkennen?

Würde man einen Antisemitismus-Experten fragen, ob es Antisemitismus gibt? Die Mitarbeiterin eines Frauenhauses, ob es Gewalt gegen Frauen gibt? Wohl eher nicht. Doch bei Rassismus scheinen die Dinge anders zu liegen. Tupoka Ogette, Trainerin und Beraterin für Antirassismus, ist eine gefragte Frau, seit die weltweiten „Black Lives Matter“-Proteste die Aufmerksamkeit auf das Thema Rassismus gelenkt haben. Doch viele der Interview-Anfragen, die sie in den vergangenen Wochen bekam, begannen mit der Frage: „Gibt es in Deutschland Rassismus?“ Es ist eine Frage, die nichtweißen Menschen immer wieder gestellt wird – im öffentlichen Raum wie in privaten Gesprächen.

Nach dreißig Jahren Rassismus-Debatte seit der Wiedervereinigung, nach jeder rassistischen Gewalttat, und trotz einer rechts(extremen) Partei im Bundestag, immer die gleiche Frage. Einen „Schlag ins Gesicht jeder einzelnen BIPoC (Black, Indiginous and People of Color) Person, die in diesem Land mit Rassismus zu kämpfen hat“, nennt Tupoka Ogette diese Frage auf ihrem Instagram-Profil.

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Ich erhalte dieser Tage hunderte Presseanfragen. So wie alle meine Kolleg*innen. Die meisten beginnen mit: „ Gibt es Rassismus in Deutschland und was sind Ihre Rassismuserfahrungen.?“ No.I.AM.DONE. Wir hängen in Deutschland immer wieder in der gleichen elenden Endlosschleife. Ich wurde mit exakt diesen Fragen angerufen nach Hanau, nach Chemnitz. Jedes verdammte Mal kommen die gleichen Fragen. Guess what: Es ist rassistisch zu fragen, ob es in Deutschland noch Rassismus gibt. Es ist ein Schlag ins Gesicht jeder einzelnen BIPOC Person, die in diesem Land mit Rassismus zu kämpfen hat. Es ist ein Hohn für alle Eltern, die ihre Schwarzen Kinder oder Kids of Color abends ins Bett bringen, wohl wissend, dass sie ihre Kinder nicht vor Rassismus schützen können. Es ist ein Spucken auf die Gräber von A. Adriano, O.Jalloh, W. Mbobda, oder die mehr als 183 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990. Es ist Ignoranz gegenüber Organisationen und Einzelpersonen, die seit Jahren rassismuskritische Arbeit in Deutschland leisten. Und die voyeuristische Erwartung, dass wir wieder und wieder unsere schmerzhaften Erfahrungen erzählen, in einer Art „racism-porn“. Das wir in die Bringschuld sollen, beweisen sollen, uns nackt ausziehen und unsere Narben preisgeben. Nur damit eine Frau Maischberger, eine Anne Will oder ein Markus Lanz dann darüber fachsimpeln können ob unsere Erfahrungen legitim seien? Nur um dann nach kurzer Zeit achselzuckend wieder in ein kollektives Vergessen zu fallen und bei dem nächsten rassistischen Mord die gleichen Fragen zu stellen. Ich hätte Lust zu verzweifeln. Wären da nicht die wenigen aber immer mehr werdenden Anfragen von Journalist*innen, die neue - progressivere Fragen stellen. Zum Beispiel, was wir tun können, um als Gesellschaft rassismuskritischer zu werden. Wie wir mit Kindern über Rassismus sprechen können oder wie wir als Gesellschaft eine Gesprächskultur entwickeln können, die uns aus dieser Endlosschleife rausbringt. Und wären da nicht die vielen vielen Menschen, die sich als Individuen auf die so wichtige rassismuskritische Reise begeben. Ihr gebt mir Hoffnung. An Euch denke ich. Euch danke ich.

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Die Frage stellt die Erfahrungen der Betroffenen infrage, die oft seit vielen Jahren versuchen, auf den Rassismus in der deutschen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Und sie drückt eine semantische Verweigerung aus, die Lebensumstände eines immer größer werdenden Teils dieser Gesellschaft anzuerkennen.

Rassismus in Deutschland: Konstruktive Reflexion rassistischen Handelns wäre nötig

Dabei böte die gerade aufgeflammte Diskussion, für die es offenbar erst massive Proteste in einem anderen Land brauchte, eine Chance für eine konstruktive Reflexion über die Momente rassistischen Handelns, die in jedem von uns stecken können. Und im weiteren Schritt dann darüber, wie wir damit als Gesellschaft umgehen.

Doch statt Menschen wie Tupoka Ogette in Talkshows und Interviews als Expertinnen zu behandeln, die Beiträge zu einer konstruktiven, lösungsorientierten Diskussion leisten können, werden sie oft in die Rolle von Exotinnen gedrängt, die sich öffentlich entblößen sollen, um die Existenz von Rassismus zu beweisen – nur damit jemand anderes sie kommentiert.

„Was sind Ihre Rassismus-Erfahrungen?“ Das ist die zweite Frage, die nichtweißen Menschen dieser Tage oft gestellt wird. Auch sie ist frustrierend. Der Opferfetisch, der damit einhergeht, bringt Menschen, die aufgrund ihres Namens oder ihrer Hautfarbe verbal und körperlich angegangen werden, in die Position, sich permanent erklären zu müssen: Warum die Frage, woher man kommt, verletzend ist, wenn man doch hier geboren wurde. Dass man auf der Straße noch immer aufgefordert wird, dahin zurückzugehen, wo man herkommt. Dass man mancherorts wegen seiner Hautfarbe Angst um sein körperliches Wohl haben muss.

Rassismus in Deutschland: Debatte wiederholt sich – immer wieder

Als seien die bereits tausendfach erzählten Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen einfach in der Echokammer der Mehrheitsgesellschaft verhallt. Ogette nennt es eine „voyeuristische Erwartung, dass wir wieder und wieder unsere schmerzhaften Erfahrungen erzählen, in einer Art ‚racism porn‘“. Die Erwartung betrifft auch diejenigen, die sich nie ausgesucht haben, öffentlich über Rassismus zu sprechen.

Und selbst die Netz-Aktivistin und Autorin Kübra Gümüsay, die seit Jahren öffentlich über Rassismus spricht und lange geduldig jede Frage beantwortet hat, sagt mittlerweile, sie sei es leid, als „intellektuelle Putzfrau“ hinter den diskriminierenden Kommentaren und Handlungen anderer aufzuräumen, in der Hoffnung, dass sich etwas bessert. Nur um die gleiche Debatte einige Wochen später aufs Neue zu führen. Und wieder, in einer absurden Umkehrung von Opfer-Täter-Verhältnis, in der Bringschuld zu stehen, etwas beweisen zu müssen.

Immer wieder hört man Stimmen von vornehmlich weißen Deutschen, die der Rassismus-Debatte überdrüssig sind. Können sich diese Menschen vorstellen, wie ermüdend es ist, ein ganzes Leben lang regelmäßig latente und offene, unbewusste und bewusste Ausgrenzung zu durchleben – allein wegen äußerer Merkmale, die man nicht so leicht abstreifen kann wie eine lästige Debatte?

Rassismus in Deutschland: Falsche Prämisse für notwendige Debatte

„Gibt es Rassismus in Deutschland?“ Die Frage ist die falsche Prämisse für eine notwendige Debatte. Und mit falschen Prämissen lassen sich nur schwer die richtigen Schlüsse ziehen. Viel wichtiger wäre es zu fragen, ob wir als Menschen und als Gesellschaft in der Lage sind uns Fehler einzugestehen, sie sinnvoll zu diskutieren und zu korrigieren.

Halten wir es aus zu hören, was Menschen mit Rassismus-Erfahrung darüber zu sagen haben? Halten wir es aus, zu fragen, wann wir rassistisch handeln? Und halten wir es aus, wenn andere uns sagen, wie wir es besser machen können? Vielleicht lohnt es sich auch, bei der Lösungsdebatte über den großen Teich zu schauen: In den Vereinigten Staaten wird dieser Tage nicht nur verstärkt über die Privilegien der Mehrheit diskutiert, sondern auch darüber, wie man ein „ally“, ein Verbündeter, im Engagement gegen Ausgrenzung und Rassismus sein kann.

Quynh Tran schreibt als freie Journalistin für deutsche und internationale Publikationen über Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Stil und Kultur. Als solche stellte sich ihr in der aktuellen Debatte die Frage: Warum fällt es ausgerechnet dem Land, das die Vergangenheitsbewältigung so verinnerlicht hat, schwer, sich konstruktiv mit den Herausforderungen der Gegenwart auseinanderzusetzen?

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