Will nicht spielen, während andere beschossen werden: George Hill (Mitte), Basketballer der Milwaukee Bucks.
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Will nicht spielen, während andere beschossen werden: George Hill (Mitte), Basketballer der Milwaukee Bucks.

Kenosha

Rassismus: Der US-Sport steht still

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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Die Proteste von NBA-Basketballern gegen Polizeigewalt lösen eine Kettenreaktion im amerikanischen Sport aus.

Sie wollen nicht mehr, sie haben genug. Der US-Sport steht still, weil die wichtigsten Akteure streiken: die Athletinnen und Athleten. Auslöser sind die Schüsse eines weißen Polizisten auf den Afroamerikaner Jacob Blake und die anschließenden Unruhen in Kenosha. „Wir haben das Töten und die Ungerechtigkeit satt“, fasste George Hill, ein Basketballer der Milwaukee Bucks, die Stimmung in seinem Team zusammen.

Die Bucks, deren Heimatstadt nur rund eine Autostunde von Kenosha entfernt liegt, hatten den historischen Boykott am Mittwochabend ausgelöst. Während sich die gegnerische Mannschaft wenige Minuten vor Spielbeginn in der Halle warm machte, blieb das Team um Hill und den griechischen Superstar Giannis Antetokounmpo in der Kabine.

Es war der erste Dominostein. Rasch schlossen sich andere Teams der Basketball-Liga NBA dem Boykott an, die Basketballerinnen der WNBA folgten, die Fußballer der MLS und sechs Baseballteams der MLB. Auch ein Vorbereitungsturnier der US-Open in New York wurde unterbrochen, weil sich Tennis-Star Naomi Osaka unter dem Eindruck von Rassismus und Polizeigewalt weigerte, ihr geplantes Halbfinale zu spielen.

Der Boykott fällt in die wichtigste Jahreszeit des US-Sports: Nach der monatelangen Zwangspause wegen der Corona-Pandemie war der Re-Start in den Ligen gerade erst angelaufen. Die Basketballer kämpfen in den Playoffs um die Meisterschaft, wie auch die Fußballer und Tennis-Stars um Titel und damit verbundene Preisgelder spielen.

Doch die Athletinnen und Athleten wollen nicht länger Teil der Unterhaltungsindustrie sein, während vor den Toren ihrer Sporthallen Menschen sterben. „Als schwarze Frau habe ich das Gefühl, dass es viel wichtigere Dinge gibt, die sofortige Aufmerksamkeit erfordern, als mir beim Tennisspielen zuzuschauen“, begründete Osaka ihren Spielverzicht.

Auch Superstar LeBron James meldete sich zu Wort: „Scheiß‘ drauf, Mann. Wir wollen Veränderung. Ich habe es satt“, twitterte der Basketballer der Los Angeles Lakers, der sich schon oft lautstark für die Rechte von Afroamerikanern stark gemacht hat.

Doc Rivers, Basketballtrainer der Los Angeles Clippers, hatte sich schon vorher mit einer emotionalen Rede an die amerikanische Öffentlichkeit gewandt. „Donald Trump und die Republikaner sprechen von Angst, aber wir sind es, die getötet werden, wir sind es, die erschossen werden“, sagte Rivers, der selbst Sohn eines schwarzen Polizisten und Ehemann einer weißen Frau ist.

Der Boykott ist Teil einer langen Serie von Protestaktionen - und ihr vorläufiger Höhepunkt. Vor knapp vier Jahren blieb der Football-Spieler Colin Kaepernick während der US-Nationalhymne sitzen. Afroamerikanische Athleten nutzten seitdem ihre Prominenz, um Rassismus und Polizeigewalt in der US-Gesellschaft anzuprangern. Viele engagieren sich in der Bewegung von Black Lives Matter.

Wie es weitergeht, ist unklar. Die NBA will die Playoffs fortsetzen. Doch aus den Reihen der Spieler kommt Widerstand, ein kompletter Abbruch der Saison scheint möglich.

Nach den Schüssen auf den Afroamerikaner Jacob Blake nehmen die Ausschreitungen in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin weiter zu. Durch einen Besuch von Donald Trump könnte die Lage eskalieren.

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