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Ramadan ist wie 30 Tage Weihnachten, sagen Muslime, wenn sie die Bedeutung des Festes beschreiben wollen. 

Ramadan und der Corona-Virus

Ramadan in Corona-Zeiten: Ausnahmewochen im Ausnahmezustand

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Nach dem jüdischen Pessach und dem christlichen Ostern fällt mit dem Ramadan auch ein großes Fest der Muslime der Corona-Pandemie zum Opfer.

Versammlungsverbote, Kontaktsperren, keine Familienbesuche – Corona macht auch vor dem religiösen Leben nicht Halt. Zunächst traf es das jüdische Pessach-Fest und das christliche Ostern – in dieser Woche nun den Ramadan, einen Eckstein des islamischen Festkalenders. Am Donnerstag oder Freitag beginnen die 30 Tage, an denen in normalen Zeiten 1,5 Milliarden Muslime rund um den Globus tagsüber fasten und dafür nachts umso ausgelassener schmausen, feiern und beten.

In Corona-Zeiten nun ist alles anders. In den islamischen Staaten des Nahen Ostens herrschen strikte nächtliche Ausgangssperren. Und so zerbrechen sich Gläubige und Gelehrte gleichermaßen die Köpfe, was von dem weltweiten Gemeinschaftsgefühl ihres geliebten heiligen Monats noch übrig bleiben wird. In den Zeitungen erscheinen allerlei Ratgeber. Die WHO erließ sogar spezielle Richtlinien und empfahl virtuelle Gebetstreffen. „Ich kann es nicht fassen, in diesem Ramadan werden wir nicht zum Fastenbrechen zu anderen Familien nach Hause gehen. Es ist so traurig“, twitterte eine junge Muslima. „Die Sicherheit der Nation erzwingt diese Einschränkungen“, erklärte Tunesiens Regierungschef Elyes Fakhfakh.

Ganz anders vor der Corona-Krise, als der Ramadan jedes Jahr rund um den Globus die Nacht zum Tag machte. Muslimische Völker lebten im kollektiven Wechsel aus schläfrigem Tagestrott und nächtlichem Trubel. An Vormittagen arbeiteten Behörden, Banken und Betriebe mit halber Kraft. Die Nachmittage gingen drauf mit Einkaufen und stundenlangem Kochen. Kein Wunder, dass sich der Konsum an Nahrungsmitteln in der arabischen Welt jedes Mal verdoppelte. Ramadan ist wie 30 Tage Weihnachten, sagen Muslime, wenn sie Christen die Lebensfreude dieser vier Ausnahmewochen beschreiben wollen.

Das abendliche Fastenbrechen ist dabei der emotionale Höhepunkt jedes Tages. Anschließend tummeln sich Arm und Reich bis weit nach Mitternacht auf den Straßen, in Konzerten und Kinos, Teehäusern und Cafés, Bazars und Shopping Malls. Zuhause im Fernsehen laufen die populären Ramadan-Soaps. Ägypten strahlt diesmal die erste nahöstliche Science-Fiction-Serie aus – Titel: „Das Ende“ –, in der im Jahr 2120 ein gut aussehender Ingenieur gegen ein High-Tech-Imperium kämpft. Diese Fernsehabende werden diesmal wohl besonders ausufern. Restaurants und Geschäfte sind geschlossen, die Moscheen ebenfalls. Im schiitischen Gottesstaat Iran appellierte Revolutionsführer Ali Chamenei an seine Landsleute, den erzwungenen Stillstand zum Gebet und Zusammensein mit der Familie zu nutzen.

Die gleiche Lähmung herrscht auch am anderen Ufer des Persischen Golfes, im sunnitischen Gottesstaat Saudi-Arabien. Erstmals in der modernen Geschichte des Königreiches sind die beiden wichtigsten Gotteshäuser des Islam, die Al-Haram-Moschee in Mekka und die Prophetenmoschee in Medina, menschenleer. Selbst eine Absage des Hadsch Ende Juli wird immer wahrscheinlicher. Noch im vergangenen Jahr besuchten allein während des Ramadans sieben Millionen Gläubige die heiligen Stätten. „Unsere Herzen weinen“, zitierte die Nachrichtenagentur AFP Ali Ahmed Mulla, seit 31 Jahren der Muezzin der Al-Haram-Moschee in Mekka. „Wir sind gewohnt, die heilige Moschee Tag und Nacht immer voll mit Menschen zu sehen – ich fühle Schmerz tief in meinem Inneren.“

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