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Völkerverständigung mit Orgel

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Von: Sabine Hamacher

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Rainer Böhme mit einem alten Konzertplakat.
Rainer Böhme mit einem alten Konzertplakat. © Sabine Hamacher

Rainer Böhme ist zu Zeiten des Eisernen Vorhangs als DDR-Konzertorganist durch die Sowjetunion getourt und hat sich in die Herzen der Menschen gespielt. Dass jetzt Krieg herrscht in der Ukraine, macht ihn fassungslos

Vom Bahnhof läuft eine junge Frau die Allee hinunter, leicht nach vorn gebeugt unter der Last ihres Cellokastens; durch geöffnete Fenster tönen Bläserklänge, Plakate links und rechts locken in Konzerte: Weimar, die Stadt, die so viele Assoziationen weckt, steht auch für Musik. Und so ist es kein Zufall, dass das stattliche „Fürstenhaus“ hoch oben über der Ilm seit 1951 die Hochschule für Musik beherbergt.

Die herrschaftlichen Räume waren jahrzehntelang der Arbeitsplatz von Rainer Böhme, seit 2003 emeritierter Professor und vielfach preisgekrönter Organist. Doch wenn er von seinem Leben spricht, lässt etwas anderes seine Augen glänzen: Konzertreisen nach Minsk, Lwiw und Jerewan, Nowosibirsk und Vilnius; Auftritte in Alma Ata, Kiew und Odessa. In den Jahren von 1965 bis 1989 hat er mehr als 30 Orgelkonzerte in der damaligen Sowjetunion gespielt.

Vom Politapparat war der Auftrag „Völkerverständigung“ vorgegeben. Doch Böhme, der nie der SED beitrat, hatte seine eigenen Vorstellungen davon, wie er die Menschen über alle Grenzen hinweg mit seiner Musik erreichen wollte. Und überwältigenden Erfolg. „Mir ist in den Ost-Ländern die größte Dankbarkeit begegnet“, sagt er. „Es war immer ausverkauft.“

In Moskau hat er 1978 die Menschen zum Weinen gebracht, erzählt Böhme

Es hat vielleicht auch mit diesem Rausch zu tun, dass es dem 84-Jährigen heute noch so wichtig ist, sein Instrument zu anderen Menschen sprechen zu lassen. So stellte er an Weihnachten vor zwei Jahren, im finstersten Pandemiewinter, sein tragbares Keyboard in den Flur des Mehrfamilienhauses, in dem er in Weimar unweit der Bauhausschule wohnt. Die Nachbarschaft habe auf den Stufen gesessen, andere hätten die Wohnungstüren weit geöffnet und sich an seiner Musik erfreut.

Erinnerungsstücke auf dem Wohnzimmertisch.
Erinnerungsstücke auf dem Wohnzimmertisch. © Sabine Hamacher

Böhme, seit zwei Jahren Witwer, spielt noch immer beinahe jeden Tag. Hohe alte Bäume säumen die Straße, in der seine Wohnung liegt. Im Souterrain sitzt er an seiner mächtigen Orgel, die eine Wand des kleinen Zimmers fast komplett ausfüllt. Hoch konzentriert greift er in die Tasten, sein Rücken bebt, er krümmt sich, lehnt sich dann weit zurück, der linke Arm schnellt in die Luft: Das russische Wiegenlied „Bajuschki Baju“ erklingt, und mit jeder Faser seines Körpers ist Böhme beteiligt. In Moskau habe er damit 1978 die Menschen zum Weinen gebracht vor Rührung, erzählt er.

Jetzt könnte er selbst weinen, wenn er an den Krieg in der Ukraine denkt. „Wenn ich Bilder von Kiew sehe, krampft sich in mir alles zusammen.“ Böhme ist Zeuge einer sehr fern erscheinenden Zeit; Angriffe und Zerstörung in den Städten, in denen er einst so erfüllt gespielt hat, lassen seine Erlebnisse fast unwirklich erscheinen.

Für sein großes Ziel - das Orgelspielen - übt er jeden Tag, unerbittlich

Aber wie fing alles an? Warum wird die Orgel, dieses Paradeinstrument der geistlichen Musik, für einen jungen Mann im kirchenfernen Arbeiter- und Bauernstaat zu Beruf und Berufung? Für Böhme, 1938 in Chemnitz geboren, liegt die Entscheidung nahe. „Ich bin Pfarrersohn, da ist man natürlich als Kind schon mit der Orgel vertraut.“ Echte Leidenschaft weckt dann ein weltbekanntes Instrument: die Silbermann-Orgel im Freiberger Dom. „Da habe ich als Kind fast geheult, weil das so toll klang.“

Doch der Weg zum Profimusiker gestaltet sich steinig. An seinem ersten Ausbildungsort, der Landeskirchenmusikschule Dresden, hat er Pech mit den Lehrern. Sie raten ihm zu einem anderen Beruf, weil die Hände nicht beweglich genug seien. „Die haben gesagt, dass ich Schwimmhäute zwischen den Fingern hätte.“ Böhme erlebt, so beschreibt er es, seinen ersten Zusammenbruch und verlässt Dresden. „Ich bin nach Hause und habe dann trainiert, wie Robert Schumann das gemacht hat: Jeden Tag vier- bis fünfhundert Anschläge auf dem Flügel, immer die tiefen Töne, da braucht man mehr Kraft; Fingergymnastik, spreizen, dehnen – ein halbes Jahr, und auf einmal liefen die.“

Moskau 1965: Böhme und Dolmetscherin auf dem Roten Platz.
Moskau 1965: Böhme und Dolmetscherin auf dem Roten Platz. © Sabine Hamacher

Als er zurückkehrt nach Dresden, sind die Lehrer völlig begeistert, schimpfen aber auch, dass er sich mit dieser Brachialmethode seine Arme hätte ruinieren können. Und schon bald gibt es wieder Ärger. „Ich habe mich in ein Mädel verknallt und einen Schlager komponiert, Boogie Woogie. Das war das Allerschlimmste, was man machen konnte.“ Der junge Mann verlässt die Kirchenmusikschule ohne Prüfung und geht nach Weimar.

Für viele Menschen in der Sowjetunion ist die Orgel damals ein unbekanntes Instrument

An der Franz-Liszt-Hochschule schließt er dann ohne weitere Vorfälle sein Studium ab und darf zwei Jahre lang als Aspirant an der Akademie der Musischen Künste in Prag seine Fertigkeiten verfeinern, bevor seine pädagogische Laufbahn in Weimar beginnt. Von Prag aus bricht der 27-Jährige Mitte Dezember 1965 zu seiner ersten Tournee ins Ausland auf. Vermittler oder Agenten braucht der Konzertorganist nicht, die Reisen im Rahmen eines Länderaustauschs organisiert die staatliche Künstleragentur. „Die bestimmten, wo ich hinfahren sollte, ich hatte da keinerlei Einfluss drauf.“ Er spielt in Moskau, ein Foto aus dieser Zeit zeigt ihn in Hut und Mantel mit seiner Dolmetscherin auf dem Roten Platz. Dann in Tallin. Das Interesse ist riesig. Obwohl – oder weil – die Orgel für viele in der Sowjetunion ein kaum bekanntes Instrument, „ein Fremdkörper“, ist.

Doch es gibt auch Momente der Angst. „Die haben genau beobachtet, ob und mit wem ich Kontakt habe.“ Beim Rapport in der DDR-Botschaft muss er erklären, was er denn da für ein kraftvolles Stück als Zugabe gespielt habe. Es ist der Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ – Choräle aber gelten als zu kirchlich und sind im Sozialismus nicht erwünscht. „Lieber Gott, hilf mir, jetzt habe ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt“, beschreibt Böhme seinen ersten Schrecken. „Da fiel mir ein, dass Friedrich Engels dieses geschichtsträchtige Lied die ,Marseillaise des 16. Jahrhunderts‘ genannt hatte.“ Mit dieser Pointe kann er das Misstrauen beseitigen.

Bevor seine erste Reise in Riga endet, spielt Böhme in Leningrad, wie er Sankt Petersburg noch immer nennt. Nur ein einziges Plakat hängt draußen an der Philharmonie, doch am nächsten Tag gibt es schon keine Karten mehr. Der Saal ist so fein, „da darf man nicht mit dem Mantel rein“. Wie bei jedem Konzert bittet er zum Abschluss das Publikum um einen Wunsch. „Da kommt ein Mann vor und gibt mir einen Zettel, da steht drauf: ;Bitte spielen Sie doch ein Stück zum Gedenken an die gefallenen Befreier von Leningrad’.“ Der junge Organist ist erst ratlos, dann fällt ihm eine Melodie aus seiner Schulzeit ein, die das Publikum auch als Lied für die Gefallenen des Kronstädter Matrosenaufstands kennt: „Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin.“

Im damaligen Leningrad verspürt er zu den Menschen eine besonders tiefe Verbindung

Der letzte Ton verklingt, es herrscht Totenstille, minutenlang – so erinnert sich Böhme. Ohne Applaus verlassen die tief bewegten Menschen schließlich den Saal. „Das ist in meinem Leben das bedeutendste Konzert gewesen.“ Dabei geht es ihm nicht um eine politische Botschaft, sondern um Gefühle. Zum Dank bekommt er eine Sonderführung durch die Eremitage. In Leningrad hat er die Verbindung zum Publikum so stark gespürt wie nie.

Der Schlüssel ist seine Musikauswahl, mit der er sich bemüht, auf die jeweils eigene Geschichte der Sowjetrepubliken und Ostblockstaaten einzugehen. Wo er auftritt, nimmt Böhme nationale Größen ins Programm, in Prag etwa den in Deutschland unbekannten tschechischen Komponisten Jan Kritel Kuchar. Völkerverständigung heißt für ihn, über die Musik in Kontakt zu treten. In Sibirien spielt er das Baikal-Lied: „Herrlicher Baikal, du heiliges Meer, auf einer Lachstonne will ich dich zwingen“. „Da standen die auf und sangen mit. Ich habe dann noch ein Extra-Konzert gegeben, doch es war wieder kein Platz zu kriegen. Sie haben bis in die Toiletten gestanden, um etwas hören.“

Er nimmt aber auch Hass innerhalb der Sowjetunion wahr. In manchen Teilrepubliken sind Russinnen und Russen nicht gut gelitten. „In Abchasien wollten sie meine russische Dolmetscherin nachts auf einem Stuhl sitzen lassen. Ich sprach zum Glück einigermaßen Russisch und musste viel Wodka und all meine Überzeugungskraft einsetzen, dass sie ihr doch noch ein Bett gegeben haben.“

Mit allen reden - das ist Rainer Böhmes Credo

Den „reinsten Kommunismus“ erlebt er in Minsk: „In einer Gaststätte bezahlte ich bar und legte ein Trinkgeld dazu. Da fing der Ober ganz heftig an zu schimpfen. Ob ich als DDR-Bürger nicht wüsste, dass es im Kommunismus kein Trinkgeld gibt? Er sei von mir sei sehr enttäuscht, sagte er, und warf mir das Geld wieder hin.“

1972 geht es erstmals in den Westen, nach Haarlem in den Niederlanden. Auch hier wird er mit Argusaugen beobachtet. „Wissen Sie, was da in meiner Stasi-Akte stand? Ich sei in den USA gewesen! Das konnte der Stasi-Mann leider nicht auseinanderhalten. Ich habe so gelacht!“ In Haarlem lädt ihn ein westdeutscher Professor nach Essen ein, nur ein Niederländer im Sekretariat hört mit. Als sich Böhme am nächsten Tag wie vorgeschrieben in der DDR-Vertretung meldet, weiß man über die Einladung bereits Bescheid. „Da hat mich der Holländer verpfiffen.“ Doch weil er die Einladung nicht angenommen hat, gehört er ab sofort auch zum „Reisekader West“: „Die haben mir vertraut.“ Dafür habe er sich beim Parteisekretär der DDR bedankt. „Da kriegte der plötzlich ein menschliches Gesicht und meinte: ,Das hat noch niemand zu mir gesagt‘“, erzählt Böhme. „Man muss auch mit diesen Leuten reden.“

Mit allen reden – das ist sein Credo. In Weimar schreitet indes seine pädagogische Karriere voran. 1975 übernimmt er die Fachrichtung Orgel und Cembalo an der Hochschule, die erst nach der Wende in „Kirchenmusik“ umbenannt werden darf. 1988 wird er zum Außerordentlichen Professor ernannt, 1992 schließlich folgt die Berufung zum Universitätsprofessor. Doch die Konzertreisen in den Osten finden 1989 ihr Ende. „Mit der Wende waren wir abgemeldet, da kamen dann die Westdeutschen und haben sich mit den Russen getroffen, wir waren nicht mehr interessant.“

Würde er heute noch einmal in Russland spielen? „Auf keinen Fall!“

2011 ist er noch einmal in „Leningrad“, zusammen mit seiner Frau. Er will ihr den Konzertsaal zeigen, in dem er einst aufgetreten ist. „Ich habe mich dort an der Pforte gemeldet, ich hätte hier fünfmal gespielt, ob wir mal einen Blick in den Saal werfen dürfen. Antwort: ,Warten Sie, warten Sie.‘ Sie haben uns eine Dreiviertelstunde warten lassen, niemand hat sich blicken lassen. Da war ich so enttäuscht. Die Freundlichkeit, die war nicht mehr da.“

An seinem Wohnzimmertisch sitzt Böhme vor ausgebreiteten Erinnerungsstücken – Fotos, Zeitungsausschnitte, Programmblätter in kyrillischer Schrift. Es sind Erinnerungen an eine Welt, die es nicht mehr gibt. Wenn er jetzt noch einmal für ein Konzert nach Russland eingeladen würde? „Ich würde nicht gehen, auf keinen Fall“, sagt er bestimmt. Und denkt an seine Auftritte in Kiew, Odessa und Lwiw. Der Krieg in der Ukraine macht ihn fassungslos. „Mir tut das unheimlich weh. Ich bin ein Kriegskind, habe selbst Angriffe erlebt, wir sind bombardiert worden.“

Pauschale Vorbehalte gegen die russische Kultur, etwa Aufrufe, literarische Werke zu boykottieren, kann er allerdings nicht verstehen. Doch er fragt sich, wo sie jetzt sind, die Menschen, für die er Musik gemacht hat, die ihm Blumen hingelegt und ihn verstanden haben. „Es gibt bestimmt viele in Russland, die das alles ganz schlimm finden. Aber ich glaube, viele sind auch gleichgültig, haben gar keine Meinung. Sie werden natürlich auch ganz eindeutig staatlich beeinflusst.“

Die Zeiten sind schwer, nicht nur in politischer Hinsicht. Ihm, der doch so vital wirkt, hat der Tod seiner Frau vor zwei Jahren sehr zugesetzt. Sie hätten so viel zusammen musiziert, sagt Rainer Böhme, nun sei sein Lebensmut geschwunden. Aber nach wie vor ist es die Orgel, die ihn antreibt. „Ich habe jetzt zwanzig Lieder auswendig gelernt, die Trost spenden, und daraus schöpfe ich mir Kraft.“ Und dieses Jahr will er an Weihnachten, wenn die Gesundheit es zulässt, wieder im Hausflur spielen. Die Nachbarschaft habe schon nachgefragt.

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