Die französische Polizei in Mulhouse an dem Wagen mit der Leiche Hanns Martin Schleyers 1977.
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Die französische Polizei in Mulhouse an dem Wagen mit der Leiche Hanns Martin Schleyers 1977.

Silke Maier-Witt

RAF-Terroristin zeigt Reue

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Ein Treffen, das Fragen aufwirft: Die einstige RAF-Terroristin Silke Maier-Witt bittet den Sohn eines RAF-Opfers, Jörg Schleyer, um Verzeihung. Doch die entscheidende Antwort liefert sie nicht.

Am Montag sendeten die „Tagesthemen“ der ARD einen nur zweieinhalbminütigen und doch sehr bemerkenswerten Film. Darin sieht man den jüngsten Sohn des von der Roten Armee Fraktion (RAF) 1977 hingerichteten einstigen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, Jörg Schleyer. Er ist inzwischen 63 Jahre alt. Neben ihm spazierend und später in einer Seilbahn sitzend sieht man Silke Maier-Witt, die frühere RAF-Terroristin. „Es klingt so platt“, sagt die 67-Jährige, die mit einer kleinen Rente nicht zuletzt aus finanziellen Gründen im mazedonischen Skopje lebt. „Aber ich möchte erst einmal um Verzeihung bitten.“ Um Verzeihung für den Mord.

Die RAF hatte Schleyer im sogenannten Deutschen Herbst in ihre Gewalt gebracht und seine Begleiter erschossen. Sie versuchte so, führende RAF-Mitglieder aus der Haft in Stuttgart-Stammheim freizupressen. Weil die sozial-liberale Bundesregierung unter dem damaligen Kanzler Helmut Schmidt (SPD) hart blieb, wurde Schleyers Vater erschossen. Maier-Witt selbst rief am 18. Oktober 1977 bei der Deutschen Presseagentur in Paris an und teilte mit, dass er nach 43 Tagen Gefangenschaft exekutiert worden sei.

Aus all dem ergeben sich nun Fragen. Die erste lautet: Ist die Entschuldigung glaubwürdig und kommt sie nicht ohnehin viel zu spät? Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP), zu jener Zeit Parlamentarischer Staatssekretär, sagte der FR dazu: „Eine Entschuldigung kommt nie zu spät. Und Frau Maier-Witt hat zwar an der Schleyer-Entführung mitgewirkt. Aber sie ist da reingezogen worden und war eine Randfigur. Ich würde ihr die Entschuldigung abnehmen.“ Vor der Entführung hatte die heute harmlos wirkende Frau Fahrwege des Arbeitgeberpräsidenten ausgekundschaftet und während der Geiselnahme die Tonbänder der RAF-Verhöre Schleyers abgeschrieben.

In dem Film fragt Schleyer: „Wie ist mein Vater gestorben?“ Daraufhin erwidert Maier-Witt: „Er ist hingerichtet worden.“ Später hört man ihn sagen: „Die Frage, die uns als Familie am meisten beschäftigt, ist: Wer hat damals geschossen und warum.“ Schließlich hätten die Gesinnungsgenossen in Stuttgart-Stammheim zuvor Suizid begangen. Sie antwortet darauf nur mit einem vieldeutig-nichtssagenden: „Hm.“

Jörg Schleyer wirft zudem eine zweite Frage auf: Hat der Staat selbst alles zur Aufklärung getan? In dem Zusammenhang bittet er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um die Freigabe bisher unter Verschluss gehaltener Akten. Bei der Entscheidung über mindestens acht Gnadengesuche von RAF-Mördern in den vergangenen Jahren müsse das Präsidialamt Einsicht in Aktenauszüge der Bundesanwaltschaft, des Verfassungsschutzes und des Bundesnachrichtendienstes bekommen haben, glaubt Schleyer. Dieses Wissen dürfe den Hinterbliebenen der Opfer nicht weiter verwehrt werden. Steinmeier selbst hatte zum 40. Jahrestag der Ermordung Schleyers Mitte Oktober frühere RAF-Terroristen aufgefordert, ihr Schweigen zu brechen.

„Die nehmen ihr Wissen mit ins Grab“

Ex-Minister Baum kommentiert Jörg Schleyers Bitte mit den Worten: „Was sich veröffentlichen lässt, das sollte man auch veröffentlichen. Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, als habe der Staat etwas zu verbergen.“ Er gehe aber davon aus, dass alles Wesentliche bekannt sei.

Die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, sieht sich grundsätzlich bestätigt. „Es ist völlig unverständlich, dass die Familie Schleyer nach 40 Jahren weiterhin keine Möglichkeit hat, die einschlägigen Akten von BND und Verfassungsschutz einzusehen“, sagte sie der FR. „Es fehlt in Deutschland eine Kultur der Nachvollziehbarkeit geheimdienstlichen Handelns. Das hat sich auch im NSU-Komplex allzu deutlich gezeigt.“ Damit werde in Kauf genommen, dass der öffentlichen Debatte wichtige Erkenntnisstränge entzogen würden, beklagt Mihalic. Und es berge immer die Gefahr, dass Geheimdienste ausschließlich nach eigenen Maßstäben agierten, weil sie ja nicht fürchten müssten, dass ihr Handeln grundsätzlich in Frage gestellt werde.

Baum glaubt nicht daran, dass noch lebende RAF-Mitglieder ihre Kenntnisse über weiter unaufgeklärte Taten preisgeben werden. „Die nehmen ihr Wissen mit ins Grab.“

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